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Interview zu "Into the Wild": "Ich bin härter geworden"

Emile Hirsch spielt in Sean Penns Regiearbeit "Into the Wild" einen jungen Mann, der nicht nur vom Aussteigen redet, sondern es mit aller Konsequenz tut. Im stern.de-Interview erzählt der Schauspieler von gesunder Einsamkeit und unartigen Kollegen.

Sean Penns Film "Into the Wild" basiert auf dem Buch von Jon Krakauer, das die wahre Geschichte des jungen Amerikaners Christopher MacCandless erzählt, der die Zivilisation hinter sich lässt, um sich in der Wildnis Alaskas selbst zu finden. Der junge Schauspieler Emile Hirsch ist als Christopher in die Natur gezogen.

Mr Hirsch, warum haben Sie die Rolle überhaupt angenommen - wegen Sean Penn oder wegen der Geschichte?

Ich war von der Geschichte gefesselt. Durch sie habe ich begonnen, mein eigenes Leben mit anderen Augen zu betrachten. Ich habe mir viele Fragen gestellt: ob das Leben, das ich lebe, wirklich lebenswert ist, ob ich produktiv genug bin. Seit dieser Rolle sehe ich Hollywood mit anderen Augen. Wenn man so in den Wald geht, all den Materialismus abschüttelt und ganz auf sich allein gestellt ist - nackt und verletzlich - das rückt das eigene Leben in eine andere Perspektive. Ich glaube, dass jeder Mensch in seinem Leben einmal das Bedürfnis hat, alles hinter sich zu lassen und ein neues Leben beginnen, mal jemand anderes sein will. Für einen jungen Schauspieler wie mich wurde mit diesem Film ein Traum war. Sean Penn war schon immer mein Lieblingsschauspieler. Ich wollte auch so ein wildes Abenteuer erleben.

Wie war Ihre erste Begegnung mit Penn, der ja fast zehn Jahre daran gearbeitet hat, diesen Film in die Realität umzusetzen?

Er hat mich in "Dogtown" gesehen, fand das toll und rief mich auf meinem Handy an. Ich war schockiert: ein Anruf aus dem Nichts, von Sean Penn! Er war sehr unspezifisch am Telefon und wollte mich einfach nur treffen, um über ein paar unterschiedliche Projekte zu sprechen. Während der nächsten vier Monate kam er alle zwei Wochen zu mir, und wir gingen zusammen aus. Wir haben nur rumgehangen, und irgendwann dachte ich mir, der hat gar keine Rolle für mich, der findet mich einfach nur cool. [lacht] Aber das war nicht der Fall. Er hat nur nach ganz bestimmten Qualitäten gesucht in mir, die ganze Zeit. Später erzählte er mir, dass er sicher gehen wollte, dass, wer auch immer die Rolle bekommt, auch das Zeug hat für einen achtmonatigen Dreh in extrem unwirtlichen Umgebungen. Wir waren im Schnee, bei Minusgraden und in der Wüste bei Höchsttemperaturen.

Ist Penn selbst nicht auch so ein Typ, der der Gesellschaft und dem Alltag am liebsten den Rücken kehrt?

Sean hat die Wanderlust in sich, er ist ein Forscher, ein Abenteurer. Er liebt es einfach loszuziehen. Er hat mir erzählt, dass er schon zwanzig Mal mit dem Auto Amerika von Westen nach Osten durchquert hat.

Ein Zitat aus dem Film scheint uns alle zu bewegen: "Echtes Glück fühlt man nur, wenn man es teilt". Wie gehen Sie selbst mit Einsamkeit um? Sind Sie gerne alleine?

Ich denke, es gibt für jeden Menschen Momente, wo es gut ist, alleine zu sein, um tief Luft zu holen, sein Zentrum wieder zu finden. Aber generell braucht der Mensch Menschen um sich. Wir sind "soziale Tiere".

Wenn Sie alles zurücklassen könnten - auf was würden Sie auf keinen Fall verzichten wollen?

Yeah, mich. Mich selbst.

Ich meine Dinge, ohne die Sie nicht leben könnten?

Meine Zahnbürste. [lacht]

Am Ende des Films waren Sie 40 Pfund leichter, man könnte fast meinen, es sei ein anderer Schauspieler. Worauf mussten Sie in diesen acht Monaten Drehzeit alles verzichten?

Ich war in einigen sehr anstrengenden Outdoor-Camps. Aber das Leiden und die Anstrengungen, die sind nur ein Teil des Einsatzes. Mit guten Zeiten kommen schlechte. Nach einer Weile habe ich mich an alles gewöhnt, inklusive der erschöpfenden Aufnahmen in der rauen Natur. Und beim Abnehmen hatte ich einen guten Arzt, der meine Diät überwacht hat.

Sie sind von einem Felsen in den Colorado River gesprungen, und ein Bär ist neben Ihnen hergetapst. Hatten Sie nie Angst um Ihr Leben?

Nein. [lacht) Sean hat mir alles vorgemacht. Er ist als erster durch die Stromschnellen, er hat als erster ein Eichhörnchen gegessen, er hat sich als erster auf den Bären eingelassen. Danach war ich dran. Mir blieb nichts anderes übrig.

Was haben Sie von der Erfahrung dieser Dreharbeiten gelernt?

Ich bin auf alle Fälle viel härter geworden, was meine Ausdauer angeht. Eines der Dinge, die ich von Sean gelernt habe, ist: Oft glaubt man, man schafft etwas nicht - aber in Wahrheit geht es.

Glauben Sie, dass Ihr Charakter Christopher in der Wildnis gefunden hat, wonach er suchte?

Was ich an dem Film besonders mag, ist, dass Sean Penn Christopher nicht als Helden dargestellt hat. Er zeigt ihn als Menschen mit Fehlern, als Egoisten, der seine Eltern verlassen und nie angerufen hat. Was man an Chris bewundert, ist sein Mut und der Umstand, dass er bereit war, all den Komfort hinter sich zu lassen, an den wir uns alle schon so sehr gewöhnt haben.

Sie sagten, dass Penn einer Ihrer Lieblingschauspieler ist. Wie war er denn als Regisseur?

Zunächst dachte ich, es würde mich sehr einschüchtern, mit ihm zu arbeiten - einfach schon deshalb, weil er dieses Image hat. Aber als wir dann zusammen gearbeitet haben, fühlte ich mich besser als mit jedem anderen Regisseur zuvor. Er glaubt so fest an seine Schauspieler, und dadurch lernen die Schauspieler, an sich selbst zu glauben.

In Hollywood gibt es den Satz "Um schnellen Erfolg zu haben, muss man Jahre überstehen". Stimmt das auch in Ihrem Fall? Zurzeit hat man den Eindruck, dass alle jungen, erfolgreichen Schauspieler im öffentlichen Leben völlig ausser Kontrolle geraten. Wie gehen Sie mit Erfolg und Ruhm um?

Mein Erfolg kam nicht über Nacht. Ich drehe Filme seit meinem achten Lebensjahr. Und was das junge Hollywood angeht, ja, da gibt es ein paar wenige, die durch ihr Benehmen ständig Schlagzeilen machen. Aber das ist völlig unverhältnismäßig. Die meisten jungen Schauspieler, die ich kenne, sind sehr entspannt.

Das Interview führte Frances Schönberger.

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