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Interview

Er spielte "Billy Elliot": Jamie Bell: "Wahrscheinlich kriege ich jetzt nur noch Nazi-Rollen angeboten"

Mit 13 hüpfte sich Jamie Bell als süßer Ballett-Junge "Billy Elliot" in die Herzen der Zuschauer, nun schlüpft er in die übel tätowierte Haut eines Skinheads. Ein Gespräch über sein Aussehen, Vergebung und warum er nicht mal wieder fürs Kino tanzt.

Jamie Bell

Jamie Bell als Bryon Widner in dem Film "Skin"

DPA

Mr. Bell, Ihr Auftritt als fanatischer Neonazi in dem Drama "Skin" ist wirklich beeindruckend. Angeblich haben Sie die Rolle zuerst abgelehnt.
Ich war mir nicht sicher, ob ich solch einer Figur so viel Zeit auf der Leinwand, so viel Öffentlichkeit schenken will. Da gäbe es doch sicher viele alternative Protagonisten. Und wertvollere Geschichten.

Aber ihr Charakter will raus der Rassisten-Szene, lässt sich seine Tätowierungen weglasern…
Gut, dass diese Operationen für ihn schmerzhaft waren… Ich fand es einfach schwer, ihm zu vergeben. Das habe ich auch dem echten Bryon Widner gesagt, der realen Vorlage für unseren Film.

Was hat Sie schließlich umgestimmt?
Als ich mit Bryon im August 2017 das erste Mal über Skype telefoniert habe, raste gerade in Charlottesville ein Rechtsextremer mit seinem Auto in die Gegendemonstranten. Bryon musste abbrechen, weil er sich damals ernsthaft Sorgen machte um seinen Freund Daryle. Den Mann, der ihm den Ausstieg erst ermöglicht hat. Da dachte ich nur: Hey, da zeigt sich ja doch seine Menschlichkeit. Genau das habe ich gesucht: einen Beleg, dass er bereut, dass er wirklich sein Leben geändert hat.

Sie waren auf jeden Fall noch nie so Furcht einflößend.
Ganz ehrlich: Auch deshalb habe ich mich, natürlich ganz uneigennützig, für die Rolle entschieden. Weil sie anders war als alles zuvor.

Ihr Gesicht verschwindet fast unter all den Tattoos.
Er sieht grauenhaft aus, der Hass ist ihm ins Gesicht geschrieben. Außerdem trage ich dunkle Kontaktlinsen, eine Zahn- und eine Nasenprothese. Und ich habe neun Kilo zugenommen. Ich musste also gar nicht mehr so viel machen. Es genügt, wenn man mich anschaut. Dabei hatte ich vorher Zweifel, ob man mir den Neonazi abnimmt.

Warum?
Schauen Sie mich doch an! Ich habe nun mal diese verdammt großen, abstehenden Ohren. Deshalb wirke ich automatisch sehr jungenhaft. Süß und unschuldig. Aber mit den dunklen Augen und den spitzen Zähnen wurde ich zu einem Hai. Alle hatten Angst vor mir.

Für viele Zuschauer werden Sie trotzdem immer der kleine Tänzer Billy Elliot bleiben…
Dem entkomme ich nicht. Oh, er war so süß als Kind!

Das ist doch ein schönes Kompliment, oder?
Mag sein. Aber ich habe dazu inzwischen eine eigene Theorie entwickelt. Hätte der Film damals einfach nur "Tänzer" geheißen, so der ursprüngliche Titel, wäre meine Karriere anders gelaufen. Weil der Film aber so heißt wie die Hauptfigur, brenne ich mich viel mehr ein ins Gedächtnis der Zuschauer. 

Nette Theorie, aber das hätte wohl wenig geändert an Ihrem Durchbruch.
Ey, ich habe wirklich lange und hart darüber nachgedacht! Nein, im Ernst: Ich bin ja nicht allwissend. Und ich weiß natürlich: Ich verdanke diesem Film alles. Ich bin sehr stolz auf ihn und will ihn gar nicht verschwinden lassen. Aber als Schauspieler will ich mich logischerweise weiterentwickeln.

Immerhin sind Sie weiter gut im Geschäft. Und nicht abgestürzt wie andere ehemalige Kinderstars.
Ja, es gibt diese ungeschriebene Regel bei Kinderstars: Die Wahrscheinlichkeit, dass du den Job später auch noch machst, ist gering. Ich hatte also Glück.

Nehmen Sie den Job heute ernster als früher?
Ja, das stimmt wohl. Ich habe letztes Jahr viel Zeit mit Gary Oldman verbracht und mir viel von seiner Technik abgeschaut. Phänomenal: diese Hingabe, diese Eindringlichkeit.

Sie sind auch schon seit 20 Jahren im Geschäft. Also ebenfalls ein Veteran.
Schon, aber das fühlt sich meist nicht so an. Ich zweifle viel und vertraue meinen Fähigkeiten nicht total. Natürlich weiß ich, wie eine Szene strukturiert ist, wie man dramatische Höhe- und Tiefpunkte setzt. Aber sobald die Kamera läuft, geht es wieder los bei null.

Fehlt Ihnen das Tanzen?
Ich bin durch mein Tanztraining viel intensiver verbunden mit meinem Körper. Auf diese Weise kommt mein Talent weiter zum Einsatz. Ich liebe es, zu tanzen.

Aber Sie tanzen nicht mehr fürs Kino.
Weil ich nie wieder ein Drehbuch bekommen habe, in dem ich tanzen sollte. Kein einziges.

Ernsthaft?
Ja. Verrückt, nicht wahr? Ich würde wahrscheinlich sofort zusagen. Immerhin erleben Musicals gerade ein Comeback, warten wir mal ab. Aber wahrscheinlich kriege ich jetzt nur noch Angebote für Nazis.

"Skin" ist seit dem 3. Oktober in den deutschen Kinos zu sehen.