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Kino: Die wunderbaren Frauen des Francois Ozon

Der französische Starregisseur Francois Ozon setzt in seinen doppelbödigen Dramen bevorzugt auf attraktive Schauspielerinnen. Für "Angel - Ein Leben wie im Traum" hat der 39-Jährige wieder eine bildhübsche Entdeckung gemacht.

Bis zuletzt blieb alles offen. Romola Garai spürte, dass sie nach den ersten Probeaufnahmen noch lange nicht gewonnen hatte. Dass Ozon, als es danach um die Besetzung der Nora und der männlichen Hauptrolle ging, auch ihr Spiel kritisch weiterverfolgte. Selbst nach der sechsten Aufnahme war sie noch unsicher, ob sie die Rolle bekommen würde. Sie sah Ozons skeptischen Blick, und sie verstand ihn sogar, denn: "Ich konnte mir eigentlich nicht vorstellen, dass François in seinem ersten englischsprachigen Film eine Hauptrolle mit einer Schauspielerin besetzen würde, die noch ziemlich unbekannt ist."

An Prominenz hätte es nicht gefehlt. Nicole Kidman hatte deutlich Interesse für die Titelrolle in François Ozons ("Swimming Pool") neuem Film "Angel - ein Leben wie im Traum" bekundet. Doch der Regisseur entschied sich schließlich tatsächlich für Romola Garai, die 25-jährige Engländerin ("Jetzt wird sie berühmt"), die unlängst in Woody Allens Film "Scoop" mitspielte und in ihrer Heimat gelegentlich schon mit Kate Winslet und Keira Knightley verglichen wird. Ozon, das einstige Enfant terrible des französischen Kinos, bewies damit erneut, dass man ihn zu Recht bewundert für seine Unabhängigkeit und seinen untrüglichen Instinkt für außergewöhnliche Schauspielerinnen. Er sitzt in seinem kleinen Büro Rue Etienne Marcel im 1. Pariser Bezirk. Alles ist hell hier, selbst die sich türmenden Kisten und Kästen. Eine mannshohe Apoll-Statue aus Gips und eine Venus. Er sehe aus wie George Clooney auf Französisch, meinte mal einer. Dunkle Haare und Augen, schwarzer Rollkragen unter schwarzem Sakko, braune liebenswürdige Augen, mittelgroß. Höflich, zuvorkommend, charmant.

"Das Wunderkind des französischen Kinos"

Er ist 39 Jahre alt. Seit es ihm 2002 gelang, Frankreichs berühmteste Diven - darunter Catherine Deneuve, Isabelle Huppert und Emmanuelle Béart – in seinem Film "8 Frauen" gemeinsam spielen zu lassen und seit er im Jahr darauf den eleganten Sex & Literatur-Krimi "Swimming Pool" mit Charlotte Rampling und Ludivine Sagnier herausbrachte - spätestens seitdem gilt er nicht nur in seinem eigenen Land als neuer Regiestar. Und als Schauspielerinnenentdecker und -liebhaber. Schon als er - noch auf der renommierten Pariser Filmhochschule Femis - eine wahre Salve der erstaunlichsten Kurzfilme in die Öffentlichkeit feuerte, war das "Wunderkind des französischen Kinos" geboren. Und obwohl (oder gerade weil?) der junge Regisseur sich um Dinge wie Political Correctness den Teufel scherte, weil er sich ungerührt und ungemein direkt Sex und Gewalt, Sadomasochismus, Homosexualität und Mord vornahm und Tabuthemen wie Inzest, Kannibalismus und selbst Sodomie blieb ihm der Erfolg immer treu.

Aber Erfolg sei ihm nicht wichtig, sagt er, "nur insofern, als er mir hilft, meine nächsten Filmprojekte zu realisieren". Anders als dem Spanier Pedro Almodóvar, mit dem Ozon vieles verbindet, sei ihm wenig daran gelegen, als Starregisseur aufzutreten: "Die meisten Leute meinen, ich sei viel älter, ein fetter Typ mit einem harten Gesicht." Wegen seiner Filme. Er mag das, er liebt das Doppelbödige, die Anonymität. Am liebsten versteckt er sich hinter der Kamera. Wenn er fertig ist mit einem Film, sagt er, sei es wichtig für ihn, wieder ein normales Leben zu führen. Denn "während der Arbeit am Set hast du die Kontrolle über alles, alle arbeiten für dich". Wenn man dazu noch erfolgreich ist und Geld verdient, kommt einem leicht die Bodenhaftung abhanden.

"Für mich ist Angel eine Warnung"

Was dann passieren kann, davon handelt "Angel", der erste Kostümfilm, den Ozon drehte. "Angel" basiert auf einem 1957 erschienenen Roman der englischen Autorin Elizabeth Taylor. Er habe das Buch vor sechs Jahren von einem Freund geschenkt bekommen, sagt Ozon, nach dessen Tod gelesen – und sich sofort in Angel verliebt: "Sie ist ein Monster, sie ist egoistisch und bizarr. Aber sie ist auch eine Projektionsfläche für jeden Künstler, eine Möglichkeit, sich zu spiegeln." Der Stoff sei im Grunde eine Metapher für die Künstlerexistenz. "Für mich ist Angel eine Warnung", sagt Ozon: "Sieh dich vor, dass du nicht wirst wie sie."

"Angel" spielt an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und handelt von der jungen Angel Deverell aus Norley, West Yorkshire, Tochter der Besitzerin des örtlichen Gemischtwarenladens, die von einem glamourösen Leben als erfolgreiche Schriftstellerin träumt und diesen Traum schließlich auch realisiert. Auf dem Gipfel ihres Ruhms sieht man die Starautorin umjubelt und hofiert als Herrin auf Paradise, einem überbordend luxuriösen Landsitz, gothic style, mit Dienerschaft, Malergatten und ergebener Privatsekretärin. Ein Bild der Perfektion, des Luxus' des Glücks.

Oder doch nicht? "Wenn man schnell Erfolg hat, kann das ungemein lähmend sein", sagt Ozon, "sich nicht mehr weiterzuentwickeln ist für einen Künstler katastrophal." Angel kapselt sich auf Paradise ein, die Wirklichkeit interessiert sie kaum, sie lebt ganz in ihren Träumen und Fantasien. Fantasien. Bis die Angel-Welt als Wille und Vorstellung erst mählich, dann immer rascher ins Schlingern gerät ...

"Anders als im Buch wollte ich, dass Angel schön, sehr sexy und verführerisch ist", sagt Ozon, "Romola Garai hat sich in das Projekt gestürzt, sie ist unglaublich wandlungsfähig. Manchmal hat sie ein bisschen überagiert, weil sie vom Theater kommt und die Nähe der Kamera nicht einschätzen konnte. Aber der Theaterhintergrund war auch gut, weil Angel ihr Leben weniger lebt, als dass sie es spielt." Romola wurde seine Muse. Mitunter habe sie sich gefühlt wie die Leinwand eines Malers, sagt Garai. "François kam herein und legte Stoffbahn um Stoffbahn um mich. Für ihn war der Film wie ein Bilderbogen. Ich stand da wie eine Spielzeugpuppe - bis dies eigentümliche Glänzen in seine Augen kam und er Angel buchstäblich erschaffen hatte."

"Filmen hilft mir, keine Menschen zu töten"

Wegen seiner fast unbekannten Titelheldin wurde die Finanzierung schwierig. Nahezu ein halbes Jahr mussten die Dreharbeiten unterbrochen werden. "Alles in allem habe ich zwei Jahre an dem Film gearbeitet, so lange wie noch nie", sagt Ozon, der ansonsten ein nahezu Fassbinder’sches Tempo vorlegt und für seine überbordende Produktivität bekannt ist. "Ich könnte doppelt so viel machen", sagt er. "Aber man sagt mir, das Publikum könne nicht so schnell folgen."

Seine Filme sind fast immer auch Selbstporträts, "ich sage eigentlich in jedem sehr intime Dinge über mich selbst". Am liebsten lässt er Schauspielerinnen für sich sprechen. "Ob er Frauen liebt, weiß ich nicht", sagte Catherine Deneuve einmal spitz, "aber auf jeden Fall liebt er Schauspielerinnen." Und sie lieben ihn. Er bekommt immer wieder Briefe von den ganz großen, die in seinen Filmen mitspielen möchten. Das schmeichele ihm natürlich, sagt er. Warum er lieber mit Frauen arbeite? Weil sie besser verstehen, was er meint, sie seien klüger, risikobereiter, überraschender und erlaubten ihm mehr Distanz.

"Filmen", sagt Ozon in seinem kleinen Büro zwischen Venus und Apoll und lächelt wieder ungemein liebenswürdig, "Filmen hilft mir, keine Menschen zu töten. Es ist wie eine Therapie für mich. Ich lege all meine dunklen Seiten in meine Filme und nicht in mein Leben. Denn ich könnte sehr gewalttätig sein." Man schaut ihn an, diesen lächelnden Pariser George Clooney, der so angenehm, höflich und klug ist, und plötzlich ist es wie in seinen Filmen: Du meinst, du weißt, wo du bist - und dann sind da diese Haarrisse in dem, was du kennst. Plötzlich ist überall Treibsand, Auflösung, du gerätst in einen Strudel und weißt nicht mehr, wie dir geschieht.

"Ich bin süchtig nach diesem Tanz am Rande des Wahnsinns"

Er war noch ziemlich jung, als er erkannte, dass er seine Aggressionen am besten mit der Kamera zügelt. Er wuchs mit zwei jüngeren Geschwistern im Pariser Rive Gauche auf. Die Eltern, beide Lehrer (für Biologie und Französisch), nahmen die Kinder mit in Ausstellungen, ins Kino, ins Theater. Mit 16 konfiszierte François die Super-8-Kamera seines Vaters, nachdem er entschieden hatte, dass der fürs Filmen völlig unbegabt sei. Einer seiner ersten Filme handelte von Elternmord. Sein Bruder brachte die Mutter mit Gift um, den Vater durch Ersticken mit einem Kissen. Seine Eltern hätten mitgemacht, erinnert sich Ozon und lacht, "weil sie lieber im Film umgebracht werden wollten als in Wirklichkeit".

Mehr als 30 Filme drehte er so mit der Familie und mit Freunden, lange vor der Filmhochschule, "sehr düstere, gewalttätige, schamlose Filme". Seine Hausgötter wurden Rainer Werner Fassbinder, der vor allem, Luis Buñuel, George Cukor, Billy Wilder, Douglas Sirk, Claude Chabrol. Seine cineastische Bildung ist enorm. Früher, sagt Ozon, habe er das Filmen gebraucht, um zu überleben, "heute finde ich es einfach aufregend: Du lebst zehn Leben in zwei Monaten". Vielleicht höre er irgendwann auf. "Aber bis jetzt kann ich nicht ohne. Ich bin süchtig nach diesem Tanz am Rande des Wahnsinns."

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