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Kinostart "Cars 2" Verlockung auf vier Rädern


Mit "Cars 2" feiert das Trickstudio Pixar sein 25-jähriges Jubiläum. Für die deutsche Animationsspezialistin Tanja Krampfert ist der Film ein Debüt: Sie hat die Autos in die Kurve gelegt.
Von Karsten Lemm, San Francisco

Die flotte Engländerin ist gewitzt und smart. Sie hat Kurven zum Verzücken, und von Null auf Hundert schafft sie es in nicht mal sechs Sekunden. Wenn es drauf ankommt, kann sie sogar fliegen. Kein Wunder, dass bei Holley Shiftwell nicht nur die Helden des neuen Pixar-Films "Cars 2" ins Schwärmen geraten.

"Beim ersten Test habe ich ihren Schmollmund gesehen und dachte: 'Oh mein Gott, ist die süß geworden!", sagt Tanja Krampfert, eine junge Deutsche, die als Grafikspezialistin bei dem kalifornischen Trickstudio entscheidend Anteil daran hatte, die vierrädrige Filmfigur zum Leben zu erwecken. Das ist nicht leicht bei Autos, die anstelle von Gesicht und Armen Reifen, Kühlergrill und Scheinwerfer haben. Und wenn der Kofferraum zu wuchtig wird, sieht es gleich aus, "als ob sie zu breite Hüften hätte".

Das darf nicht sein, denn Holley Shiftwell ist angehende Spionin und soll eine Verlockung auf vier Rädern sein: Im zweiten Teil des Kino-Renners "Cars" aus dem Jahr 2006 verdreht die windschnittige Britin mit V6-Motor und 275 PS unter der Haube dem eher betulichen Abschleppwagen Mater den Kopf. So jagt die Handlung des Films, der am Donnerstag in Deutschland startet, als Mischung aus James-Bond-Parodie, Romanze und Komödie der Irrungen und Wirrungen einmal rund um den Erdball. Von Tokio geht es nach London und Paris, mit Zwischenstopps in Italien und Radiator Springs, einem fiktiven Ort im amerikanischen Westen, Heimat der bereiften Helden.

Lasseter saß selbst auf dem Regiestuhl

Für Tanja Krampfert war das Auto-Abenteuer die Erfüllung eines Traums: ihr erster Film bei Pixar, dem Pionier der Computer-Animation, der in diesem Jahr sein 25. Jubiläum feiert. Selbst Wallace und Gromit ließ Krampfert dafür im Stich: Als die gebürtige Schwäbin vor knapp drei Jahren das Angebot bekam, zu den Erfindern von "Toy Story", "Findet Nemo" und "Wall-E" nach Emeryville bei San Francisco umzusiedeln, hatte sie gerade bei den Aardman Studios im englischen Bristol angeheuert. Ebenfalls eine noble Adresse in der Welt des Trickfilms. Doch die Aussicht, mit einem legendären Regisseur wie John Lasseter, dem Vater von Cowboy Woody und Buzz Lightyear, zusammenzuarbeiten, ließ alle Bedenken verfliegen. Zumal Lasseter, inzwischen Chef der Pixar-Mutter Walt Disney Animation Studios, bei "Cars 2" nach Jahren wieder selbst im Regiestuhl saß.

Ihre Aufgabe als "Technische Direktorin" bestand darin, die Autos im Computer als 3D-Modell zusammenzubauen: Auf der Vorlage handgezeichneter Entwürfe ging die 34-jährige Trickspezialistin daran, Holley Shiftwell und andere Figuren Punkt für Punkt in dreidimensionale Drahtgittermodelle zu verwandeln, die sich im Rechner beliebig drehen und wenden lassen. Perspektive und Proportionen sind dabei wichtiger, als sich sklavisch an die Zeichnung zu halten, erklärt Krampfert: "Es geht immer um die Figur, nicht darum, die Vorlage zu kopieren."

Schon mehr als 350 Millionen eingespielt

Jeder Trickfilmer - vom Chefdesigner bis zum Produktionsassistenten - muss bereit sein, sich in ein Team einzufügen und gemeinsam mit anderen die eigenen Ideen umzusetzen. Allein kommt niemand weit: Vom ersten Entwurf bis zum fertigen Film vergehen Jahre. Animatoren, die Bild für Bild ihre Figuren zum Leben erwecken, sind wochenlang mit einzelnen Szenen beschäftigt. Und selbst das Beleuchten, das bei herkömmlichen Hollywood-Produktionen oft der Sonne überlassen wird, erfordert bei Pixar eine ganze Abteilung von Experten. "Uns wird nichts geschenkt", sagt Sharon Calahan, Bildregisseurin für "Cars 2". "Andere Filmemacher können auf das richtige Wetter warten, auf das Licht, das sie sich wünschen - wir müssen uns um jedes Detail selbst kümmern."

Andererseits können die Pixar-Macher sich damit ihre Wunschwelt erschaffen. Für die "Cars"-Fortsetzung gab ihnen das die Chance, berühmte Städte neu zu erfinden, damit sie aussehen, als wären sie immer schon nur für Autos dagewesen. So heißt etwa das Londoner Wahrzeichen Big Ben nun "Big Bentley" und schmückt sich mit einem Kühlergrill, während der Eiffelturm in Paris elegant die Form einer antiken Zündkerze annimmt. Rund 120 unterschiedliche Kulissen entwarfen die Designer für "Cars 2", weit mehr als für jeden anderen der bisher zwölf Pixar-Filme. Entsprechend opulent kurvt das Rennwagen-Abenteuer um den Globus.

Viele US-Kritiker allerdings zeigten sich, wie schon beim ersten "Cars"-Film, von der Handlung und den Figuren mäßig begeistert. Als erste Pixar-Produktion überhaupt kassierte "Cars 2" bei der Filmkritik-Website "Rotten Tomatoes" eine faule Tomate, weil die Urteile im Durchschnitt negativ ausfielen. Tatsächlich fehlt dem Film das luftig-leicht-überschwenglich Fantasievolle, das die bekannten Pixar-Meisterwerke auszeichnet. "Cars 2" hebt nie wirklich ab. Finanziell muss Pixar das nicht kümmern: Auch der zweite Auto-Film hat im Kino reichlich Fans gefunden und bereits vor seinem Deutschlandstart weltweit mehr als 350 Millionen Dollar eingespielt. Dazu kommt ein Mehrfaches an Einnahmen durch Spielzeug und Merchandising: Gemessen am Umsatz mit Lego-Baukästen, Bettwäsche, Rucksäcken, Spielfiguren und vielem mehr mit "Cars"-Motiven, gehören die beiden Filme zu den erfolgreichsten Pixar-Produktionen überhaupt.

"Cars"-Macherin ohne Auto

Für die Filmemacher zählt das Erlebnis, gemeinsam ein ganz besonderes "Road Movie" geschaffen zu haben, ohnehin mehr als die Kritikermeinung - bekunden sie jedenfalls. "Wir schenken uns jetzt gegenseitig die Spielzeuge", sagt Tanja Krampfert und lacht. "Unsere Büros sind alle voller Autos."

Während sie anfangs noch ehrfürchtig in Besprechungen mit Kollegen ging, deren Namen sie aus den Abspännen früherer Pixar-Hits kannte, merkte die Nachwuchs-Trickfilmerin bald: "Man arbeitet mit lauter berühmten Leuten zusammen, aber auch das sind ganz normale Menschen." Gut zwölf Monate verbrachte Krampfert in der Welt von Turboladern und PS-Protzen - lange Zeit, ohne selbst ein Auto zu haben. Inzwischen braust sie in einem gebrauchten VW-Beetle über die kalifornischen Highways und widmet sich bereits der Heldin des nächsten Pixar-Films, "Brave", der im Sommer 2012 ins Kino kommen soll. "Es ist eine schöne Abwechslung", sagt Krampfert, "weil Menschen und Tiere mit dabei sind."


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