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Kinostart "Die Wand": Martina Gedeck spielt mit der Einsamkeit

In der Buchverfilmung "Die Wand" steht Martina Gedeck fast allein vor der Kamera. Im Interview erklärt sie, warum sie bei den Dreharbeiten trotzdem nicht die volle Aufmerksamkeit der Filmcrew bekam.

Ab Donnerstag ist Schauspielerin Martina Gedeck wieder auf deutschen Kinoleinwänden zu sehen. In dem Drama "Die Wand" verkörpert die 51-Jährige eine Frau, die in den Bergen plötzlich von einer unsichtbaren Wand eingeschlossen ist.

In dem Film grenzt eine unsichtbare Wand Ihre Figur von der Außenwelt ab. Sehen Sie diese Geschichte auch als Parabel auf etwas Anderes?

Ja, eindeutig. Und zwar als eine Parabel auf einen Menschen, der traumatisiert ist und der sich zurückzieht. Ein Mensch, der sich von der Welt abgeschnitten fühlt und nicht mehr kommunizieren kann mit den anderen Menschen. Der sich auf das Wesentliche besinnt, auf das Wenige, was er zum Überleben braucht - nicht nur im physischen, sondern auch im inneren und emotionalen Sinn. Ich denke, darum hat das Buch, die Vorlage zu diesem Film, auch so viele Menschen berührt, weil sie sich in irgendeiner Form darin sehen. Dieses Ausgeschlossen-Fühlen, dieses Abschotten, das kennt ja jeder Mensch.

Sie agieren im Film fast die ganze Zeit ohne andere Menschen. Was war das für eine Herausforderung?

Ich habe gemerkt, dass der Mensch abstirbt, wenn er nicht kommunizieren kann. Deswegen kommuniziert er auch dann, wenn er alleine, also ohne andere Menschen ist. Ich habe für diese Rolle daher eine starke Beziehung aufgebaut zu den Orten. Das Haus zum Beispiel war mir ein sehr wichtiger, heimatlicher Ort. Aber auch der Wald war mir irgendwann sehr vertraut.

Außerdem leben Sie im Film mit Tieren wie einer Kuh und einem Hund zusammen. Wie war das Drehen mit denen?

Die Tiere waren für die Frau sehr wichtig. Der Hund zum Beispiel wird ja zu einer Art Freund für sie. Das war in der Arbeit für mich persönlich sehr interessant, da ich persönlich keinen Umgang mit Tieren habe, das ist mir also gänzlich fremd gewesen.

Haben Sie keine Haustiere?

Nein. Und eine Beziehung zu einem Hund kann man sich dann ja noch vorstellen, aber eine Kuh als Teil der Familie ist eher ungewöhnlich. Ich musste auch wirklich eine Beziehung zu den Tieren aufbauen, damit die mich akzeptieren. Selbst Kühe erkennen einen - oder fremdeln. Die sind sehr sensibel, sie lassen sich nicht von jedem anfassen. Ich habe deswegen mit der Kuh richtig Kontakt aufnehmen müssen, ich habe mich mit ihr beschäftigt, geredet und auch regelmäßig gefüttert.

Was ist das für eine Erfahrung?

Ich hatte zuerst gedacht, dass bei diesen Dreharbeiten die Aufmerksamkeit bei mir als fast einziger Schauspielerin liegen würde - aber da habe ich mich gründlich geirrt. Es war nämlich eher andersrum: Ich war eher diejenige, bei der es funktionierte, während man sich viel um die Tiere kümmern musste. Das habe ich aber auch sehr genossen, da man so auch mit den Tieren auf eine andere Ebene kommt. Es scheint, als würde man sich selbst und der Essenz des Lebens näher kommen.

Bei diesem Auf-sich-selbst-Besinnen hat sicher auch geholfen, dass Sie in Ihren Szenen fast nie sprechen, oder?

Das stimmt, wobei ich ja auch immer die Gedanken im Kopf haben musste, die meiner Figur in der entsprechenden Szene durch den Kopf gehen und die als Off-Kommentar zu hören sind. Ich wusste immer, was in der Szene los ist in ihrem Kopf, und damit habe ich mich beschäftigt. Ich konnte mich nicht einfach nur ins Bett legen und in die Kamera gucken. Das war eine ziemliche Herausforderung: Mich innerlich mit den Gedanken zu beschäftigen, mit denen sie beschäftigt ist. Das war schwierig, auch weil es ein eher reduziertes Spiel sein sollte.

In "Die Wand" spielt eine einsame Berghütte eine wichtige Rolle. Viele Menschen sehnen sich heute nach so einem Rückzugsort - Sie auch?

Auf jeden Fall. Ich brauche in meinem Leben Zeiten, in denen ich ganz für mich sein kann, wo ich zu mir kommen kann, wo ich die Dinge verarbeiten kann, die ich erlebt habe. Ich führe ein sehr abwechslungsreiches Leben, mein Leben hat noch nie so etwas wie eine gleichbleibende Bewegung gekannt, im Sinne einer Routine. Ich gehe nicht morgens aus dem Haus, komme abends wieder und begegne nicht immer denselben Menschen. Durch mein nomadisches Leben erlebe ich sehr viel und das muss sich setzen. Die Kontinuität in meinem Leben muss ich mir mühsam erarbeiten. Dafür brauche ich Ruhe und Zeit für mich.

Aliki Nassoufis, DPA / DPA