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Interview

"Lindenberg! Mach dein Ding": "Lindenberg"-Regisseurin Huntgeburth: "Udo hat eine ganz eigene Sprache erfunden"

Eine Art Biographie über eine lebende Legende zu machen, braucht den Mut aller Beteiligten, vom Drehbuch über die Regisseurin bis zu den Schauspielern. Hermine Huntgeburth erzählt dem stern, dass Udo Lindenbergs Vertrauen ihr die nötige Freiheit gelassen hat, sein Leben in die Hand zu nehmen.

"Udo Lindenberg! Mach Dein Ding" kommt am 16. Januar ins Kino.

Eins mal vorweg: Man muss kein Lindenberg-Fan sein, um diesen Film zu lieben. Aber sehr wahrscheinlich ist man einer, sobald man aus dem Kino kommt. Regisseurin Hermine Huntgeburth erzählt in "Lindenberg! Mach dein Ding" die "jungen Jahre" des legendären Musikers, von der Kindheit bis zum Durchbruch in der Hamburger Laeiszhalle, die 1974 noch schlicht Musikhalle hieß. Udo (Jan Bülow), der als zweites von vier Kindern im westfälischen Gronau zur Welt kam. Dessen Vater Gustav (Charly Hübner) Klempner war und ein Alkoholproblem hatte. Der seine Mutter Hermine (Julia Jentsch) abgöttisch geliebt hat. Der schon als Kind ein begnadeter Trommler war.

Udo, der mit 15 auszog, um in Düsseldorf im feinen Breidenbacher Hof eine Kellnerausbildung zu machen. Der mit 17 nach Libyen ging, um als Schlagzeuger Geld zu verdienen und in Clubs bei einem amerikanischen Luftwaffenstützpunkt für die US-Truppen spielte.

Lindenberg am Schlagzeug im Onkel Pö

Bei Onkel Pö spielt 'ne junge Band: Schlagzeug und Gesang Udo Lindenberg (Jan Bülow) und Kumpel Steffi Stephan (Max von der Groeben) am Bass

Begegnungen mit Songs

Huntgeburths Film hält sich zwar an die Chronologie, erzählt aber nicht Schritt um Schritt die unglaubliche Karriere des Musikers, sondern lässt Lindenbergs Musik sprechen. Udo schaffte es schon als Kind, die Aufmerksamkeit seiner ein paar Jährchen älteren Jugendliebe Susanne (Ella Rumpf) zu wecken, die Hobby-Turmspringerin war. Doch "weil das nicht so gut klingt", drückte Udo ihr später ein "Cello" in die Hand.

Endlich lernen wir auch das "Mädchen aus Ost-Berlin" kennen, in das sich Lindenberg so sehr verliebt hat, dass er sich "lauter kleine Udos" mit Petra (Saskia Rosendahl) wünscht. Wir erfahren, dass sie sich von ihm trennt, "bevor es zu sehr wehtut", weil sie keine Hoffnung auf eine Liebe zwischen Ost und West hat.

Ende der Sechziger geht Udo endgültig nach Hamburg, wo er sich mit seinem wichtigsten Freund Steffi Stephan (Max von der Groeben) ein Zimmer teilt, genauer gesagt sogar das Bett. Als "Paula aus St. Pauli, die sich immer auszieht" (Ruby O. Fee) in sein Leben kommt, nervt das allerdings ganz schön. Da wird es schon mal ein bisschen eng auf der "Andrea Doria".

Wer sich dieses Originalvideo von 1973 aus dem Onkel Pö anschaut, wird begeistert sein, wie dicht "Mach dein Ding" atmosphärisch an der Realität ist.

Der stern hat mit Regisseurin Hermine Huntgeburth gesprochen, die in dem Biopic einfach alles richtig gemacht hat. Die Besetzung hätte großartiger nicht sein können, die Geschichte ist voller Liebe, aber auch voller Tempo und Panik, wie es sich gehört für einen Lindenberg-Film.

Waren oder sind Sie jetzt ein Lindenberg-Fan?
Hermine Huntgeburth: Ich war Lindenberg-Fan, bin es aber jetzt noch mehr. Je mehr man sich mit Udo beschäftigt, um so faszinierender ist dieser Künstler, ist diese Person. Vor allem auch, wenn man sich intensiv mit seinen politischen Songtexten beschäftigt, die sehr witzig sind, selbstironisch, aber auch sehr melancholisch, ernst und poetisch. Udo hat eine ganz eigene Sprache erfunden, die wirklich außergewöhnlich ist.
 
Ich war beim Abspann erstaunt, dass der Film eine weibliche Regisseurin hat. Liegt das vielleicht daran, dass er einen maskulinen Humor hat oder ist das zu gegendert gedacht?
Das ist, glaube ich, zu gegendert gedacht. Es ist sowieso völlig irre, dass man bestimmte Themen bestimmten Menschen oder Geschlechtern zuordnet. Über Jahrtausende haben Männer über Frauen geschrieben und meinten, sie wären die besten Frauenversteher und das ist, glaube ich, Quatsch, wenn man das mal so sagen darf. Es ist wahnsinnig interessant, sich in eine junge, männliche Welt hineinzudenken und es ist auch gar nicht so schwer, wenn man sich mit denen beschäftigt. Es ist eher eine gewisse Sprache und eine gewisse Lässigkeit, es ist ja auch ein sehr liebevolles Herangehen an die Figur, an Udo Lindenberg.

Lindenberg und sein Talentscout in der Musikhalle

Musik- und Talentscout Mattheisen (Detlev Buck, r.) lässt Udo (Jan Bülow) in der Hamburger Musikhalle schon mal die große Bühne schnuppern


 
Wie nähert man sich so einer Legende, wenn sie noch lebt?
Ich habe natürlich viel gelesen, es gibt einige Biographien und auch Romane, in denen Udo auftaucht. Ich habe mit Menschen gesprochen, ich habe Udo getroffen. Wir haben uns zusammen Filme angeguckt und gesprochen, so nähert man sich. Und dann hat Udo mir ganz schnell großes Vertrauen geschenkt.
 
Sie haben mit sehr jungen Hauptdarstellern gearbeitet. Musste man denen Ost-Berlin und die Atmosphäre in der DDR noch einmal nahebringen?
Nein, das muss man ihnen nicht erklären. Das hat auch viel damit zu tun, wie und wo man sich trifft. Es hat viel mit der Kunst der Ausstattung zu tun, den Kostümen, der Kamera von Sebastian Edschmidt. Wir haben viel recherchiert und versucht, ein authentisches Bild zu schaffen. Sonst geht es eigentlich um zwischenmenschliche Begegnungen und authentische Gefühle.
 
Ich fand Lindenberg erstaunlich angstfrei in Ost-Berlin. Wenn ich als Teenager nach Ost-Berlin gefahren bin, hatte ich immer etwas Muffensausen.
Ja, ich auch. Aber er nicht. Er hat ja auch gleich eine Heimat gefunden. Durch seine Art und sein Auf-andere-Zugehen, da habe ich viel von Udo gelernt. Weil Udo sich für Menschen interessiert.
 
Wie fand er selbst den Film?
Gut, er hat ihm sehr gut gefallen. Ich habe versucht, einen Rock-'n'-Roll-Film zu machen und da kann er ganz doll andocken.
 
Wie hat es sich für ihn angefühlt, noch einmal im Onkel Pö zu sitzen?
Das fand er toll. Da hat er gesagt: "Das habt ihr super gemacht. Das sieht so aus. Ja, so war's."