Medienkolumne Schluss mit der "Event"-Filmerei!


Noch einmal strahlt RTL mit "Vulkan" einen aufwändig produzierten Zweiteiler aus, der an die großen TV-Geschichtsdramen von einst erinnert. Aber dieser Film atmet nicht mehr denselben Geist. Das Genre hat sich erschöpft. Es ist Zeit, Schluss zu machen mit den "Eventfilmen".
Von Bernd Gäbler

"Eventfilm" - dieses Werbewort bezog sich früher auf große TV-Filme, die mit viel Aufwand bedeutende historische Ereignisse populär in Szene setzten. Um "Flucht und Vertreibung" ging es da; um einen legendären "Tunnel", der die Berliner Mauer überwindbar machte; um das Bergwerksunglück von Lengede; die Bombardierung Dresdens oder die Hamburger Sturmflut. "Event" meinte ein Ereignis, das sich längst wie ein Mythos in die kollektive Erinnerung gebrannt hatte oder leicht dem Vergessen zu entreißen war. Es dient als Stoff für eine Verfilmung, die mit Dokumentationen nichts mehr zu tun hatte. Es wurde großer Aufwand betrieben, bekannte Namen prägten die Besetzungslisten, bedeutende Regisseure verließen für solche Aufmerksamkeit die "arthouse"-Ecke.

Natürlich gab es Unterschiede: den Tunnelbauer spielte Heino Ferch eindrucksvoller als den Bruce-Willis-Verschnitt eines verliebten US-"Rosinenbomber"-Fliegers; "Dresden" war zu märchenhaft-verkitscht, um auch noch als Beitrag zur Geschichtsdebatte ernst genommen zu werden; bisher am besten kam Armin Rohde in "Lengede" zur Geltung; an Veronica Ferres und Heiner Lauterbach hat man sich allzu schnell satt gesehen. Jetzt ist auf RTL wieder ein solcher "Eventfilm" zu sehen, erneut ein aufwändiger Zweiteiler. Am Sonntag und am Montag läuft er jeweils zur Prime Time. "Vulkan" aber ist reine Fiktion. Das herausragende Ereignis soll diesmal schon die Ausstrahlung des Films selber sein. Auch wenn RTL in der Vor- und Nachbereitung allerlei Geologen mit fundierten Wahrscheinlichkeitsrechnungen und Prognosen auffährt, die aus der "fiction" doch noch ein wenig "science" machen sollen - ein "Event" wird dieser imaginierte Ausbruch eines Vulkans in der Eifel dadurch nicht. Eher erinnert der Plot an "Killerbienen" auf Mallorca oder den Hai-Alarm dortselbst, allenfalls noch an den Campingplatz-Thriller "Tarragona". Der Film hat natürlich noch einen Plot, er erzählt Geschichtchen, aber er atmet keine Geschichte mehr.

Erschöpfung im Plot

RTL und insbesondere die erfahrenen Produzenten der Bertelsmann-Tochter TeamWorx um den Tausendsassa Nico Hofmann herum zeigen stolz ihr technisches Wunderwerk vor. Die Maare kräuseln sich, die Lavaströme fließen gigantisch, nie zuvor wurde im deutschen Fernsehen so viel vor blauen Flächen und grünen Tüchern gespielt wie hier, nie zuvor war der Etat für Computer-Animationen so hoch. Auch für die Schauspieler waren die Dreharbeiten hart. Sie mussten zwischen brennenden Türpfosten entlang rennen und wurden ständig furchtbar dreckig gemacht. Den Aufwand mag man bewundern, aber er schafft noch keine lebendige Geschichte. Dabei gibt es durchaus Spannung. Aber vielleicht stand da die große Erfahrung der Produzenten dem eigenen Glück sogar im Weg.

Sie wissen, dass für den Fernseherfolg bekannte Hauptdarsteller nötig sind - also wirken sie wieder alle mit, die "üblichen Verdächtigen": Heiner Lauterbach und Jenny Elvers; Ursula Karven und Katja Riemann. Warum nur? Besser besetzt sind Matthias Koeberlin als mutiger Feuerwehrmann und die gereifte Katharina Wackernagel. Dass Erfahrung in ungute Routine umschlagen kann, war schon bisher einigen Drehbüchern anzumerken: egal, vor welcher historischen Kulisse, stets war eine supertolle Frau hin- und hergerissen zwischen zwei Männern. Am liebsten stellen Drehbuch und Regie eine junge Frauenfigur ins Zentrum der Geschichte. Wirkte schon in "Dresden" die talentierte Felicitas Woll ("Lolle") überfordert, so ist es Yvonne Catterfeld in "Vulkan" allemal. Man muss ihr nichts Böses wollen, man mag sie sogar für sympathisch halten, aber sie muss einfach lernen, dass Schauspielkunst nicht vom "statement" lebt, sondern vom "understatement". Wenn Sie sich nicht energisch von ihrer Soap-Vergangenheit löst, wird sie nie aufhören, jedes Gefühl theatralisch überzubetonen.

Yvonne Catterfeld, angeblich ja dabei, ihr Image zu ändern, spielt eine junge Geologin, die man ihr von Anfang an nicht abnimmt. Der Figur fehlt Glaubwürdigkeit und Plausibilität. Das Fachvokabular unterstreicht das sogar noch. Die Geologin - sie heißt "Eisenach" (vermutlich weil Yvonne Catterfeld real aus Erfurt stammt) - kontrolliert unermüdlich Messwerte, ahnt die Katastrophe, warnt und rennt dennoch vergebens an gegen sture Bürokraten, Besserwisser und Schönfärber. Jedes Individuum steht vor der Herausforderung seines Lebens, kann über sich selbst hinauswachsen oder als fieser Egoist versagen. So ist es immer - aus diesem aufwühlenden Plot ist längst TeamWorx-Routine geworden. Diese Art "Eventfilm" in TeamWorx-Handschrift hat sich zu Tode gesiegt.

Neues muss her

Es ist zu begrüßen, dass RTL überhaupt noch solch monumentales Fernsehen in Auftrag gegeben hat. Jeder Appell, doch in Zukunft auf derartige "Eventfilme" zu verzichten, würde aktuelle vermutlich auf dankbare Ohren treffen, weil die RTL-Köpfe ohnehin sehr ans Sparen denken. Nein, das ist nicht gemeint, wenn hier der "Vulkan" als vorläufiges Endstück einer Schaffensreihe angesehen wird. Es ist das simple Plädoyer: hier ist eine Form auserzählt. Neues muss her. Gerne darf ein Fernsehfilm aufwändig sein und selbstverständlich auch populär, Schematismus aber ist der Tod eines Genres, gerade wenn er außergewöhnlich sein will.


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