Medienkolumne

Medienkolumne Wird "Wetten, dass..." zur Dauerwerbesendung?


Vor der "Wetten, dass ..."-Sendung von Gottschalk und Hunziker dreht das ZDF gemeinsam mit der "Bild"-Zeitung kräftig die Werbetrommel. Wie weit darf öffentlich-rechtliches Fernsehen gehen?
Von Bernd Gäbler

Die Männer der "Bild"-Zeitung können kaum noch an sich halten. Sogar einen Countdown zählen sie herunter, bis sie am Samstagabend bei "Wetten, dass...?" endlich Michelle Hunziker in den Ausschnitt starren dürfen. Der Busen der "sexy Blondine", an dem sich einst schon Daniel Küblböck als gescheiterter "DSDS"-Kandidat ausweinen durfte, ist ihr Ort der Sehnsucht. Dahin nimmt "Bild" seine aufgeregten Leser gerne mit. Während in der Medienbranche noch gemunkelt wurde, RTL stehe erneut in Verhandlungen mit der ehemaligen Eros-Ramazotti-Gattin, meldete "Bild" exklusiv: Michelle Hunziker wird im ZDF Ko-Moderatorin für "Wetten, dass ...?". An der Seite von Thomas Gottschalk soll sie die Sendung aufhübschen, attraktiver machen und "ihre Spontaneität" zur Geltung bringen.

So exklusiv wie "Bild" zuerst Bescheid wusste und nun die Tage zählt, gestaltete man auch das erste Doppelinterview. Natürlich flog "Bild" zu Thommy nach Kalifornien und brachte Michelle Hunziker gleich mit. Gottschalk, den die neue Partnerin vor allem zu einem unangenehmen Alt-Männer-Säfteln animiert, meint gleichzeitig dementieren zu müssen, dass sie vor allem zu dekorativen Zwecken angeheuert worden sei. Immerhin muss sich Gottschalk jetzt nicht mehr selbst mit der lästigen Wetterei befassen. "Thomas Gottschalk sucht nun einen 'Bild'-Leser, der Michelles Kandidat in der Sendung schlägt und als Wettkönig einen Audi im Wert von 40.000 Euro gewinnen kann", heißt es auf "bild.de".

Gerade noch erwähnt wird, dass man sich auch direkt beim ZDF bewerben kann. Dazu gibt es ein Video, das durch das Logo "bild.de" oben rechts als hauseigen ausgewiesen ist, obwohl das neue TV-Traumpaar die Gegeneinander-Wetterei umständlich in ein ZDF-Mikrofon hinein erklärt. Dreht das gebührenfinanzierte ZDF jetzt schon nebenbei die Videos für "bild.de"?

Dauerwerbesendung mit "Quotennutte"

Auf jeden Fall wäscht hier eine Hand die andere. Nicht der journalistischen Cleverness der "Bild"-Reporter ist die Exklusivität von Infos und Interviews zuzuschreiben, sondern gezielter Kooperation des ZDF, das zwar von unser aller Geld lebt, aber "Bild" exklusiv bedient. Da haben sich zwei gefunden! Zu beiderseitigem Nutzen wollen sie Auflage und Quote hochtreiben. Das ZDF lässt nicht nur tief ins Dekolletee der 32-jährigen Co-Moderatorin blicken, sondern auch in das eigene Verständnis von "öffentlich-rechtlichem Auftrag" und "intelligenter Unterhaltung".

In einem seiner gelegentlichen Anfälle von Zerknirschung hatte Thomas Gottschalk sich selbst als "Quotennutte" bezeichnet - jetzt scheint er sogar dafür Unterstützung zu brauchen. Hier überschneiden sich die Interessen. Das ZDF stattet Thomas Gottschalk mit allerlei Privilegien aus: Er darf eine eigene "Wetten, dass ...?"-Website betreiben, den Namen der "größten europäischen TV-Show" für ein Joint-Venture-Blättchen mit dem Bauer Verlag selber vermarkten, seinen Bruder die Show nach China verkaufen lassen und neben dem Show-Sponsoring auch eigene Geschäftsbeziehungen zu Audi und DHL unterhalten. Längst weiß jedermann, dass die größte öffentlich-rechtliche Show Europas de facto auch die größte Dauerwerbesendung ist.

ZDF-"Bild"-Kooperation als illegale Quersubventionierung

Seit jeher propagiert die "Bild" die Vorzüge von "super-sexy" Michelle Hunziger. Als "Käse-Tussi" wird dagegen ihre "DSDS"-Nachfolgerin Tooske Ragas abgekanzelt. In Form eines HunStickers (man beachte das Wortspiel!) lag ein Michelle-Bild sogar gratis "TV-digital", der damals neuen Fernsehzeitschrift aus dem Axel Springer Verlag bei. Schon 1998 durfte Michelle Hunziker an der Seite des "TV-Titanen" ("Bild") Thomas Gottschalk für den Springer Verlag durch die Moderation der Goldenen Kamera stolpern. Übertragen wurde die Werbe-Show des Verlags schon damals selbstverständlich vom ZDF. Im Januar 2010 soll das wieder so sein.

Einseitig "durchgesteckte" Infos, ZDF-Videos auf "bild.de", Exklusiv-Interviews und die Kooperation bei der Suche nach Wettkandidaten - das alles hat mit Journalismus natürlich nichts zu tun. Jeder, der noch halbwegs auf korrekte Begriffe achtet, wird das PR nennen. Ist dieser offenkundige Verrat an der Ursprungsidee öffentlich-rechtlichen Fernsehens nun einfach nur übliche Kungelei oder mehr? Erfüllt diese exklusive ZDF-"Bild"-Kooperation den Tatbestand illegaler Quersubventionierung? Auf jeden Fall handelt es um einen wechselseitigen Beitrag zu besserer Wertschöpfung mit geldwerten Vorteilen. Existieren darüber auch Absprachen? Sind sie schriftlich fixiert? Wurden Verträge geschlossen? Ach, wie gerne wäre man Mitglied im ZDF-Rundfunkrat, wo Aufsicht im Interesse der Gesellschaft ausgeübt werden soll. Man käme ständig mit einem großen Fragenkatalog zu den Sitzungen.


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