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Stern Logo Academy Awards - Die Oscar-Verleihung

Oscar-Verleihung: Welcome to the Party

Triumph. Tränen. Glamour. Sex. Nichts im globalen Showbusiness ist vergleichbar mit der Oscar-Verleihung. Und erst recht, was danach passiert. Ein Streifzug durch 76 Jahre filmreifes Feiern.

Die Party war üppiger gefüllt als jedes Dekolleté im Raum. Sündteure Roben rieben sich aneinander und an gepflegtes nacktes Fleisch, Gelächter und Hallos und muntere Lügen schwirrten durch die heiße Luft. Kellner schwitzten, Colliers funkelten, kloschüsselweiße Zähne blitzten. Courtney Love war sauer. Ihr Manager kämpfte noch immer draußen vor der Tür um Einlass zu dieser Oscar-Party. "Ihr müsst ihn reinlassen", beschwerte sich Courtney beim Veranstalter des Fests, dem Chefredakteur der US-Glamour-Illustrierten "Vanity Fair". "Er hat mein Geld, meine Autoschlüssel, mein Handy!" Der Chefredakteur verwies die maulende Pop-Größe an seine Mitarbeiterin Sara Marks. Die ließ Courtney ebenfalls abblitzen. Da stürmte die einst Oscar-nominierte Love wütend nach draußen, baute sich vor den dort wartenden und sich drängenden Fotografen und Kameraleuten auf und rief: "Ich muss eine wichtige Mitteilung machen! Sara Marks ist eine blöde Schlampe!"

Kein Zweifel: Dies ist Hollywoods nobelste Nacht. Bei der Verleihung der Oscars und auf den anschließenden Partys - an diesem Sonntag ist es wieder so weit, zum 77. Mal - führt die Schauspiel- und Filmemacherelite der Welt die schönsten Kleider und, wenn möglich, beneidenswerte Haltung vor. Zeigt Großmut im Augenblick der Niederlage und Demut im Triumph, demonstriert Gelassenheit, während ganz Los Angeles brummt vor Aufregung und Wichtigkeit, und ist sich in edler Bescheidenheit bewusst, dass Millionen Augen jede Regung, jede Träne verfolgen und dass jetzt nichts mehr zählt als dieser gottverdammte kleine Kerl in Gold.

Die Oscar-Nacht kann Karrieren beleben und zerstören, und keine Kritik der Welt vermag sich derart ins Gedächtnis zu brennen wie ein Foto des strahlenden Gewinners, die Hand fest um das greifbarste Symbol von Erfolg gekrallt. Die Oscar-Show vereint alles, was Amerikas Filmgeschäft ausmacht: Glamour und Wettbewerb, Macht und Angst, Sexappeal und grenzenlose Vulgarität. Entspannt ist am Abend der Verleihung kaum einer der Nominierten, amüsieren kann man sich erst, wenn der Spaß vorüber ist. "Alles, woran ich denken konnte, war: Wann und wo kann ich eine rauchen?", erinnert sich Johnny Depp an die Show 2004. "Und auch: Lasst mich bitte nicht gewinnen!" In diesem Jahr ist der arme Mann erneut nominiert, diesmal für seine Rolle in "Finding Neverland".

Geschaffen wurden die Oscars von einem Haufen Studio-Manager, die zu all dem Profit, den die junge Filmindustrie für sie eintrug, gern noch ein bisschen Anerkennung gehabt hätten. Louis Mayer, Gründer des MGM-Studios, schlug seinen Kollegen während eines netten Abendessens 1927 vor, einen Preis zu verteilen für Hollywoods Meriten (also ihre eigenen); und natürlich sollte das neue Statussymbol wiederum den Profit mehren. Entwickelt hat sich aus dieser Idee das unterhaltsamste Rattenrennen der Welt, vorgetragen mit der Ernsthaftigkeit einer Nobelpreisverleihung und dabei so schrill, kitschig und geschmacklos, als wohnte man der Eröffnung eines Wal-Mart bei. Der Krimiautor Raymond Chandler, der einige Jahre als Drehbuchautor in Los Angeles verbrachte, schrieb schaudernd vom "Zusammenbruch der menschlichen Intelligenz" angesichts einer Oscar-Gala. Der Schauspieler Elliott Gould nannte die Veranstaltung eine "Masturbationsfantasie", sein Kollege George C. Scott eine "Fleischbeschau, beleidigend, barbarisch, korrupt".

Kein Wunder

also, dass wir Normalsterblichen uns magisch angezogen fühlen von dem Event. In den USA laufen schon Wochen vor der Show die Medien heiß, und Fans bewerben sich zu Tausenden um Plätze am Roten Teppich vor dem Kino (seit dem 11. September 2001 darf nur mit Genehmigung gejubelt werden). Der Oscar ist ein Geschäft, von dem die ganze Stadt profitiert: In Luxushotels zum Beispiel mieten Kosmetikfirmen Suiten, in denen sie Schminkdienste anbieten, Restaurants werden für "Viewing-Partys" gepachtet, also für Gesellschaften, die live am Fernseher dabei sein wollen, Fuhrparks sind ausgebucht, und die Beauty-Industrie darf sowieso den Eindruck haben, der Oscar sei für sie erfunden worden. Allein, was da wieder an Botox gespritzt wird! 1200 Dollar kostet eine Injektion in die Achselhöhlen, empfehlenswert für Stressnässer. Hochbetrieb vor Glamour-Veranstaltungen herrscht stets auch bei Hydrotherapeuten, die Darmreinigungskurse anbieten, drei- bis viermal die Woche, schwupp, ist eine Kleidergröße weg.

Es soll sich ja lohnen.

Die Oscar-Verleihung ist nicht nur eine Dauerwerbesendung für Mode- und Schmuckfirmen, sondern auch Verkaufsschau in eigener Sache. Jennifer Lopez' Auftritt vor vier Jahren im durchsichtigen Chanel-Teil? Bessere PR als jede Verlobung. Jane Fondas erster Auftritt nach der Trennung von Ted Turner anno 2000: ein unmissverständliches Comeback-Signal. Renée Zellweger, Ex-Bridget-Jones, wird der Welt demonstrieren: Ich bin wieder dünn! Und Gwyneth Paltrow, Übermutter: Ich bin wieder da.

Im vergangenen Jahr sahen 43,5 Millionen US-Zuschauer das Spektakel; die viel zitierte "Milliarde" weltweit ist filmreife Übertreibung. Böses Omen für die Glitzer-Revue in diesem Jahr: die schwache Quote der "Grammy"-Verleihung vor 14 Tagen. Sollten die Leute etwa die Nase voll haben von Unterhaltungskünstlern, die sich gegenseitig bestätigen, wie toll sie sind? Auch die Wahl des diesjährigen Moderators Chris Rock hat bei konservativen Kritikern Unbehagen ausgelöst: ein schwarzer Komiker! Ein Zoten-König, der in seinen Stand-up-Nummern derbe Witze macht ("Ich reiße gern auf ProAbtreibungs-Demos Frauen auf, bei denen weiß man wenigstens, dass sie nichts gegen Sex haben"). Darüber hinaus sind die preiswürdigen Titel keine Riesenhits: Nicht einer der fünf Bester-Film-Kandidaten hat im eigenen Land auch nur 100 Millionen Dollar eingespielt, und die nominierten Schauspieler sind, abgesehen von Leonardo DiCaprio, keine Superstars - wer kennt Imelda Staunton? Catalina Sandino Moreno? Sophie Okonedo?

Im unendlichen Geraune des Internet finden sich daher prompt die ersten Spielverderber, die den Oscar-Partys peinlichen Promi-Mangel voraussagen. Unruhig seien die Macher der "Vanity Fair"-Sause auch, weil ihr Chefredakteur angeblich über zwei bekannte Studiobosse gelästert hätte und die jetzt womöglich nicht zur Party kämen. Solche Gerüchte sind in der Vor-Oscar-Hysterie allerdings normal. Unter der Hand werden bis zu 25 000 Dollar für Einladungen gezahlt, so groß kann die Angst vor Zelebritätenschwund nicht sein.

Rund ein Dutzend Oscar-Feten

werden jedes Jahr von Filmstudios und TV-Sendern veranstaltet. "Wer nominiert ist, geht zuerst zum "Governors Ball", das ist der Klassiker", sagt die Schauspielerin Rita Wilson, Gattin von Tom Hanks. Dieser Ball, eher ein gesetztes Essen, wird von der Academy veranstaltet und traditionell vom Österreicher Wolfgang Puck bekocht. "Wir gehen außerdem immer zu Elton" - also Elton John, der seit zwölf Jahren Oscar-Feten feiert, neuerdings zugunsten seiner Aids-Stiftung - "und zur "Vanity Fair"-Party. Da trifft man die ungewöhnlichsten Leute. Vergangenes Jahr haben wir General Tommy Franks kennen gelernt!"

Als Großmeister der Oscar-Partys gilt der Literaturagent Irving "Swifty" Lazar, der 1964 in Beverly Hills zum ersten Mal seine Soirée schmiss. Über Schüsseln voll Rindereintopf trafen sich Billy Wilder, Jack Lemmon, Gregory Peck und David Hockney. Schon im Jahr darauf riss sich Hollywood um Einladungen, keiner vermischte so gut wie dieser kleine kahle Mann Talente und Legenden, sexy Starlets und altes Geld. Als er 1993 starb, fühlte sich die Redaktion von "Vanity Fair" berufen, den bunten Abend fortzusetzen. Am kommenden Sonntag werden sich vor dem Steakhouse "Morton's" in West Hollywood wieder um drei Blocks die Limousinen stauen. "Die "Vanity Fair"-Party ist ein ganz besonderes Gehege in der Oscar-Nacht", berichtete staunend ein britischer Journalist nach Hause. "Wo sonst sieht man Mick Jagger mit Barbra Streisand tanzen? Oder Steve Martin mit Jim Carrey über einen Witz lachen und Brad Pitt mit Tiger Woods plaudern?"

"Es macht mir einen Riesenspaß, Prominente zu beobachten", sagte Jack Nicholson einmal. Und formulierte mit dem koketten Bekenntnis das Erfolgsgeheimnis dieser Partys: Stars locken Stars an. Es gilt: Wo einer wie Jack ist, kann es nicht falsch sein. Noch besser: Wo alle sind und keiner mehr reinkommt, da ist es am besten. Berühmtsein ist eine großartige Gemeinsamkeit, es schafft sofort ein Gefühl von Vertrautheit und Neugier, Bewunderung und Neid - perfekte Voraussetzungen für die Power-Party.

Und wenn Hollywood

dann in die Betten sinkt - erleichtert, dass der Stress vorüber ist, glücklich oder enttäuscht oder betrunken oder alles zusammen -, dann schwören sich alle, nie wieder vier Stunden lang diesen sülzigen Dankesreden zuzuhören. Nie wieder auf diesen Partys rumzustehen, wo man dümmlich anderer Leute Oscars streichelt und sich nicht mal richtig amüsieren kann, weil das verdammte Designer-Kleid zum Angucken gemacht ist, nicht zum Abtanzen. Oscars? Nie wieder.

Ein ganzes Jahr nicht.

Christine Kruttschnitt / print