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Präsentation des WM-Films: Klinsi wird zum Kinoheld

Wie gerne hätte man während der Fußball-WM in der Kabine unserer National-Elf mal Mäuschen gespielt? Dieser Wunsch wird zumindest im Nachhinein erfüllt. Sönke Wortmann stellte in Berlin seine ersehnte Dokumentation über das deutsche Team vor.

Von Kathrin Buchner

Spaßvogel Robert Huth frotzelt im Bus mit DFB-Sprecher Harald Stenger über Gewicht zulegen und weibliche Fans, Mike Hanke fällt beim Bogenschießen der Pfeil auf die Backe aber vor allem: Man sieht Klinsi, den Einheizer. Wie ein Feldherr, ein Guru, macht er seine Mannen heiß. Mit flammenden Reden vor dem Spiel. "Heute schlagen wir brutal zu. Ihr müsst zubeißen, konzentriert bis in die Haarspitzen". Es ist noch viel mitreißender, als man es sich vorgestellt hatte. Mit welcher Leidenschaft sich Klinsmann bei der Motivation ins Zeug legt und mit welcher Akribie Jogi Löw das gegnerische Spiel seziert, mit welch freundschaftlicher Verbundenheit die Spieler miteinander umgehen.

Zwei Jahre lang hatte Sönke Wortmann, Regisseur von "Das Wunder von Bern", exklusiven Zugang zu Spielern und Stab, filmte die Teammitglieder, Trainer und Betreuer beim Training, in der Kabine, im Hotelzimmer, im Mannschaftsbus und im Stadion. "Ich hatte immer den gleichen Trainingsanzug an. Die Kamera ist nicht so groß, da konnte ich auch mal aus der Hüfte filmen. Irgendwann bekam ich das Gefühl, die merken gar nicht mehr, dass ich da bin", sagt Wortmann bei der ersten öffentlichen Präsentation am Freitag in Berlin. Ob Schweini beim ausgelassenen Jubeln in der Kabine nach dem Sieg gegen Argentinien, Poldi beim Fernsehgucken auf dem Hotelbett oder Kahn, wie er seine Lehmann ins Ohr gesprochenen Worte kommentiert: das Material ist authentisch und ungeschminkt. 100 Stunden hat Wortmann insgesamt gedreht, 108 Minuten blieben übrig für "Deutschland - ein Sommermärchen". 20 Minuten dieser Dokumentation, die Phase um das Argentinien-Spiel, wurden auf einer Pressekonferenz gezeigt. Der Rest sei noch nicht ganz fertig, außerdem befinde sich der Film noch im Presswerk, erklärte Produzent Tom Spieß.

Mehr Urlaubsvergnügen als Arbeit für Wortmann

Das Interesse war dennoch riesig. Mehr als 100 Journalisten kamen und riefen nach den 20 Minuten lautstark "oh schade", als Regisseur Sönke Wortmann persönlich, flankiert von Produzent Spieß, WDR-Redakteur Helfried Spitra, Filmverleiher Dr. Michael Kölmel und Sportkommentator Manfred Breuckmann, das Werk vorstellten. Eigentlich sollte auch Arne Friedrich dabei sein, der hat sich allerdings einen Bänderriss zugezogen und musste in die Reha.

Bedeutete die WM für die Spieler harte Arbeit und Nervenanspannung, gestaltete sich das Drehen für Wortmann als schönstes Urlaubsvergnügen. "Es hat sich wie ein Spaziergang angefühlt. Fußball-Profis schlafen bis zehn Uhr, und wir waren viel an der frischen Luft. Erst die Arbeit im Schneideraum war anstrengend". Gelegentlich habe er sich dabei ertappt, selbst mit zu jubeln anstatt zu filmen. "Als das Tor im Spiel gegen Polen fiel, haben wir uns alle umarmt und gejubelt. Die Kamera lag unbenutzt auf der Bank. Gott sei dank hat sie keiner gestohlen", erzählt Wortmann.

Rätsel um den Elfmeter-Zettel halb gelüftet

Klinsi selbst hat den Film übrigens schon gesehen. "Ich bin nach Kalifornien geflogen und hatte schon ein bisschen Bammel, wie er reagiert. Aber er war ganz begeistert", so der Regisseur. Und auch das große Geheimnis um den Elfmeter-Zettel wird gelüftet: Torwart Jens Lehmann sitzt auf dem Hotelbett, packt das wertvolle Papier aus und hält ihn in die Kamera mit den Worten "kann ich fast nicht lesen, hat der Andi mit Bleistift geschrieben". Dem Zuschauer geht es ähnlich, man kann lediglich erahnen, dass Torwarttrainer Andi Köpke die bevorzugten Schussrichtungen der argentinischen Spieler notiert hat. Da Lehmann den Zettel für einen guten Zweck versteigern will, verbiss sich auch Sönke Wortmann jede weitere Erläuterung.

Premiere von "Deutschland - ein Sommermärchen" ist am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit. Für Wortmann ein passender Termin, schließlich sei es auch ein Film für ganz Deutschland. Und natürlich ist auch die gesamte Mannschaft eingeladen. Am 5. Oktober kommt der Film dann ins Kino, Ende des Jahres wird er in der ARD gezeigt und Anfang Februar 2007 gibt es die DVD mit zusätzlichem Bonusmaterial. Der Erlös kommt übrigens nicht den Laienschauspielern des DFB zugute, sondern wird SOS-Kinderdörfern gespendet. Wer sich also noch mal ins Deutschland-Trikot werfen will und mit schwarz-rot-goldener Perücke Stadionatmosphäre im Kino erleben will, tut das sogar für einen guten Zweck.