Fußball-Presseschau Klinsi verbohrter als Horst Köhler


Jürgen Klinsmann hat sich still und heimlich im Kanzleramt das Bundesverdienstkreuz abgholt. Grund genug für die deutsche Presse, den Vater des Sommermärchens dafür kräftig abzuwatschen. stern.de und indirekter-freistoss.de blicken in die Gazetten.

Hans-Joachim Leyenberg (FAZ) betont seine Überraschung darüber, wie eindeutig die Eintracht das Hessenderby für sich entschieden hat: "Die Machtverhältnisse am Main sind in einer Weise zementiert worden, wie es nicht vorhersehbar war. Im Nachhinein nimmt sich das Geplänkel zwischen den Oberhäuptern beider Städte mit Schiffchenfahrt von hier nach dort und retour, einem gemeinsamen Essen der Vorstände, wie seichte Folklore aus. Die knallharte Analyse indes besagt, dass der OFC kein adäquater Gegner mehr für die Eintracht ist. Da konkurriert bestenfalls noch eine mittelständische Firma mit einem Großbetrieb, dessen Geschäftszahlen im Vergleich zu denen des Kleineren geradezu erdrückend sind. (…) Die Kickers hatten sich ihren Auftritt im Rampenlicht als wunderbare PR-Angelegenheit in eigener Sache ausgemalt. Als Appetitmacher für potentielle Investoren und Sponsoren. Der Schuss ging, pardon, nach hinten los."

Auch Christoph Hickmann (SZ) hat mehr Brisanz und Rivalität erwartet: "Viel Lärm um nichts. Was das Geschehen rund um das Stadion anbelangte, war das ja durchaus erfreulich. Vor dem Spiel waren die Wege zum Stadion von derart viel Polizei gesäumt gewesen, dass man sich eher an einen G8-Gipfel denn an ein Derby erinnert fühlte. Letztlich aber hatten die Beamten keine Mühe, die einander tief abgeneigten Anhänger der Kickers sowie der Eintracht voneinander fernzuhalten. Abgesehen von ein paar Leuchtkörpern aus dem Eintracht-Fanblock blieb es dabei, dass sich die Anhänger beider Lager wechselseitig bezichtigten, von Damen des horizontalen Gewerbes abzustammen. Weniger froh konnte man darüber sein, dass die 90 Minuten auf dem Rasen ähnlich ruhig verliefen. Die Niederlage der Kickers war vom Spannungsfaktor vergleichbar mit einem dieser Fernsehfilme, an dessen Beginn der Singlemann der Singlefrau versehentlich den Kaffee über die Bluse kippt: Das Ende war vorhersehbar."

Aachen stand nicht zur Verfügung

Kommt eher selten vor - Claudio Catuogno (SZ) schwärmt vom Wolfsburger Sieg gegen Aachen: "Große Kunst - das war dieses Viertelfinale gewesen, jedenfalls aus Sicht des ganz von sich selbst berauschten VfL Wolfsburg. Der hatte das 2:0 gegen die Aachener nicht etwa auf den Rasen gepinselt, nein: In Öl gemalt hatte er es. Als eine Art Kultur-Event zelebriert: Zauberfußball aus Niedersachsen, die beste erste Halbzeit der Vereinsgeschichte, ein Fall fürs Fußballfeuilleton. Man konnte es natürlich auch nüchterner betrachten. Dann war das 2:0 vor allem ein interessanter Einblick in den aktuellen Zustand des stets ambitionierten, aber bisher wenig erfolgreichen Kleinstadtklubs. Es war beeindruckend - aber auch deshalb so einfach, weil das Spiel der Aachener aus einer einzigen großen Lücke bestand. Die knallgelben Gäste ließen sich ausspielen wie elf Kanarienvögel auf einer Stange. Anders als in der Malerei schätzt der neutrale Beobachter, wenn es um Fußball geht, den Widerstand eines Gegners. Aachen stand für diese Rolle nicht zur Verfügung."

Roland Zorn (FAZ) ist vom VfB Stuttgart beeindruckt: "Armin Veh wurde exemplarisch vor Augen geführt, wie weit seine junge Mannschaft, die ja auch noch deutscher Meister werden kann, inzwischen ist. Wenn es gilt, kann sie auch schwere Nüsse knacken. Anders als vergangene Woche war die Berliner Mauer schon nach 38 Minuten durchlöchert, als der VfB den ersten Moment zum freien Handeln sogleich entschieden nutzte.“ Christian Zaschke (SZ) spöttelt: "Die Fans der anderen Klubs stimmen seit Jahren ein beschwingtes Lied an, es heißt: 'Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin', und wenn die Fans der Hertha Humor hätten, dann würden sie einfach mitsingen, denn obwohl sie nie ins Endspiel kommen, müssen sie doch stets nach Berlin zurück."

Klinsmann macht es den Deutschen nicht leicht

Stefan Hermanns (Tagesspiegel) kritisiert Jürgen Klinsmann dafür, dass er sein Bundesverdienstkreuz verspätet und nichtöffentlich entgegennimmt: "Die Missachtung des Publikums ist eigentlich noch schlimmer als die Missachtung des Bundespräsidenten, der inzwischen mehr als ein halbes Jahr darauf wartet, dass sich Herr K. über den Atlantik bequemt, um sich das Verdienstkreuz an die breite Brust heften zu lassen. Zum Glück ist Horst Köhler nicht so verbohrt wie Jürgen Klinsmann. Sonst hätte er die Ehrung längst mit der Post in die USA geschickt. Per Nachnahme."

Michael Horeni (FAZ) schätzt hingegen Klinsmanns Sperrigkeit: "Zu Klinsmanns Qualitäten gehören seine Unabhängigkeit und der distanziert-analytische Blick auf das (Fußball-)Leben in Deutschland. Der Grat zwischen eigenwilligem und eigenartigem Verhalten war immer schmal in Klinsmanns Karriere. Der Held der Massen von gestern kümmert sich auch jetzt als Unternehmer und Familienmensch in Amerika nicht darum, was Funktionäre, Politiker oder Medien in Deutschland von ihm erwarten. Desinteresse, Undankbarkeit und fehlende Kinderstube sind auch in diesem Ehrungsfall die öffentlichen Stichworte gegenüber einer sperrigen Führungskraft, die von Konsensverhalten nicht viel wissen will. Klinsmann macht es sich und den Deutschen noch immer nicht leicht. Man kann das auch für eine Qualität halten.


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