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Roland Emmerichs "2012": Das Ende der Welt ist eine Kreuzfahrt

So gründlich hat Roland Emmerich die Welt noch nie zerlegt. Am Sonntagabend feierte "2012" in Berlin Europapremiere. Zum Weltuntergang kamen Hollywoodstars sowie deutsche A- bis D-Prominenz. "Das haben wir alles verdient", befand Oliver Kalkofe.

Von Sophie Albers

Paillettenkleidchen schillern im gleißenden Scheinwerferlicht, ein Wasserfall rumpelt als Kulisse. Hollywoodstars, schreiende Fotografen, jubelnde Fans. Roland Emmerichs "2012" feiert am Potsdamer Platz in Berlin Europapremiere. Fast jeder Promi, der über den roten Teppich läuft, muss folgende Frage beantworten: "Wenn klar wäre, dass die Welt demnächst untergeht, würden Sie es wissen wollen oder nicht?" Einer, der ums Mikrofon nicht drumrumkommt, ist Oliver Kalkofe. Der Satiriker und Schauspieler knispelt mit den Augen und sagt: "Ich würde nicht in Panik verfallen, was ja für viele Menschen die einzige Zukunftsvision zu sein scheint. Ich würde den ganzen Tag ferngucken, die ganzen Shows im Privatfernsehen. Und dann würde ich denken, wir haben es verdient."

Neben Emmerichs "Diesmal aber richtig"-Anspruch sind Wissen und Nichtwissen die Hauptthemen der 158 Endzeit-Minuten, die man getrost als Meisterwerk des schwäbischen Hollywoodregisseurs bezeichnen kann. So groß und großartig waren die Bilder noch nie, die der entspannte Mann mit dem Explosionstalent für die Katastrophe gefunden hat.

Nur wer zahlt, überlebt

2009 finden Forscher heraus, dass die Welt, wie wir sie kennen, am Ende ist. Ihr Inneres kocht, und schließlich schwimmt die Erdkruste auf der Lava wie Fettaugen auf der Suppe. Die Kontinentalplatten spielen Twister. Erbeben, Vulkanausbrüche und Flutwellen schickt Emmerich über die Menschheit. Das allerdings mit einer Konsequenz, die dem Publikum bisher erspart geblieben ist. Städte, Landschaften, Kontinente werden ausradiert, von der Erde verschluckt, fallen in sich zusammen, um im Nichts zu verschwinden, das sich unter einer wenn nicht heilen, bisher doch zumindest einigermaßen stabilen Welt auftut.

Mit größter Liebe zum Detail zerbersten Wolkenkratzer und reißen die Menschen, die eben noch an ihren Schreibtischen saßen, in den Tod. Familien werden in ihren Häusern erschlagen, auf der Flucht ersäuft oder verbrannt. Anders als sonst hat in Emmerichs Apokalypse diesmal keiner eine Chance: weder der durchgeknallte Freak, der alles vorher wusste (ein wunderbarer Woody Harrelson im Naturschutzgebiet), noch der nette alte Jazzmusiker auf dem Luxusdampfer, auch nicht das kleine Mädchen in Tokio oder der tibetanische Mönch auf dem Dach der Welt. Sie alle werden spektakulär zermalmt.

Entkommen tun diesmal nur die, die es sich leisten können. Eine Milliarde Euro (Betonung auf der Währung) kostet ein Platz auf einer der Archen, die die Regierungsoberhäupter der Welt im Himalaya-Gebirge bauen lassen, um das Überleben der Menschheit zu gewährleisten. Die hätte dann - neben dem von wichtig erachteten Wissenschaftlern - vor allem das Erbgut der Superreichen. "Zum Kotzen", findet das Jackson Curtis (John Cusack), Held und Antiheld von "2012", der wie in jedem ordentlichen Katastrophenfilm den Weltuntergang nutzt, um seine Familie zu flicken. Der bis zum - hier nicht verratenen - Ende gute Mensch des Films ist der Geologe Adrian Helmsley (Chiwetel Ejiofor), der auf dieser Kreuzfahrt des Überlebens zuweilen die einzige Stimme der Vernunft ist.

Roland Emmerichs Meisterwerk

Auch wenn das Ende etwas von einem pervertierten "Traumschiff" hat: Als der Abspann läuft, ist man platt. Roland Emmerich hat sich selbst übertroffen, hat für 200 Millionen Dollar mit 1000 Spezialeffekte-Künstlern und dem Ideengeber Harald Kloser den ultimativen Katastrophenfilm gedreht. Hat "Independence Day", "Godzilla", "The Day after Tomorrow" tatsächlich noch eins drauf gesetzt. Mit perfekten Bildern, perfektem Timing, perfektem Spiel auf dem Gefühlsklavier. Er hat ein Publikum überwältigt, das doch eigentlich schon alles gesehen hat. Vielleicht sogar sich selbst, was der Grund dafür sein könnte, dass Emmerich an diesem Abend ein bisschen blass um die Nase ist.

Offensichtlichlich ist es trotzdem naiv und albern anzunehmen, dass Emmerichs Bilder nachhaltig verstören. Nach der Premiere geht es direkt zur Party in den U-Bahntunnel neben dem Kino. Nach dem Inferno gibt es Hähnchenschenkel, Feldsalat und Apfelstrudel - allerdings mit beeindruckenderen Namen. Vor uns das Ende der Welt, nach uns die Sintflut. Herr Kalkofe hat recht, wir haben es verdient. Noch einen Prosecco?