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Satire: Was macht eigentlich ... Napoleon Bonaparte

Er war Offizier, Stratege, Kaiser, Heeresführer, Reformer, Diktator. Nun ist er nur noch ein einfacher Gefangener, sitzt auf der Atlantikinsel St. Helena und schmollt

stern: Napoleon Bonaparte, wie lebt es sich als Herrscher ohne Krone?

Napoleon: Was heißt ohne Krone? Die Engländer, die mich nach St. Helena deportierten, haben mir eine Krone aufgesetzt, eine Dornenkrone. Die trage ich jetzt anstelle der französischen Kaiserkrone.

stern: Der große Napoleon vom Selbstmitleid weggeschwemmt?

Napoleon: Wissen Sie, wie die mich hier schikanieren? Das geht schon damit los, dass mich mein Kerkermeister Hudson Lowe permanent geringschätzig General Bonaparte tituliert und nicht Kaiserliche Hoheit.

stern: Na ja, Kerkerhaft kann man Ihren Zwangsaufenthalt hier auch nicht gerade nennen. Sie wohnen in einem hübschen Haus, haben noch immer ein Dutzend Diener, und gespeist wird auf erlesenem Porzellan und mit Goldbestecken.

Napoleon : Einst hat Europa vor mir gezittert, und der österreichische Kaiser hat mir sogar seine Tochter zur Frau gegeben, nur damit ich nett zu ihm und seinem Land bin. Und hier? Hier muss ich dauernd die Ratten bekämpfen, die aus allen Löchern kommen.

stern: Sie meinen Ihre Anhänger, die Sie in die Verbannung begleiteten?

Napoleon: Echte Ratten, Sie Wurm! Meine Getreuen hier sind in Ordnung, besonders Frau von Montholon, die außer ihrem Gatten auch ihrem Kaiser im Unglück unverdrossen die Stange hält.

stern: Wir hätten gedacht, mit Frauen sind Sie endgültig durch?

Napoleon: Im Prinzip, ja. Ich sage immer: Wenn man nicht an Frauen denkt, braucht man sie auch nicht. Aber manchmal fallen mir dann doch die von früher ein: Meine Josephine, oh, wie begehrte ich sie! Leider hat sie mich immer betrogen, wenn ich auf Eroberung war. Und meine zweite Gattin, die Österreicherin Marie Louise. Der bin ich zum ersten Treffen entgegengeritten, habe sie schnurstracks in ein Schlafgemach entführt und sie noch gestiefelt und gespornt glücklich gemacht. Aber jetzt, wo ich auf St. Helena schmachte, kommt die Dame nicht nach.

stern: Gab's da nicht auch die eine oder andere nebenbei?

Napoleon: Wer kann dem Kaiser schon widerstehen? Die Gräfin Walewska etwa wollte eigentlich nur Polens Freiheit retten, als sie das erste Mal in mein Bett kam. Doch dann hat sie die polnische Freiheit so ausgiebig gerettet, dass ich mich erschöpft aufmachte, Russland zu besiegen.

stern: War Ihr Zug nach Moskau der Anfang vom Ende?

Napoleon: Nicht die Russen haben meine Große Armee geschlagen, sondern General Winter. Doch ja, es war der Wendepunkt meiner Karriere. Wäre ich 1812 in Moskau gefallen, würde ich heute den Ruf des größten Eroberers aller Zeiten haben. Und jetzt sitze ich hier auf diesem gottverlassenen Eiland und kämpfe gegen Ratten.

stern: Und gegen Ihr Übergewicht.

Napoleon: Sie meinen wohl auch, dass ich zu viel fresse? Irrtum, mein Herr, ich bin so aufgedunsen, weil eine chronische Gelbsucht meine Leber zerstört. Und da die Doktoren, die von den Engländern zu mir gelassen werden, üble Pfuscher sind, höre ich die Totenglocke schon läuten.

Mit Napoleon sprach stern-Reporter Teja Fiedler.

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