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Kommentar: Napoleons lästige Wiederkehr

Oskar Lafontaine will sich an die Spitze einer linken Liste stellen, um der SPD als Galionsfigur der Hartz-IV-Gegner Wähler abzujagen. Die Wiederkehr des einstigen Napoleon von der Saar ist dabei vor allem eines - lästig.

Von Florian Güßgen

Offenbar erleben wir derzeit Stunden der Wahrheit. Und es geht Schlag auf Schlag. Erst geht die SPD in Nordrhein-Westfalen unter, dann erklärt der Kanzler den politischen Bankrott seiner Regierung und weniger als zwei Tage später schwingt sich Ex-SPD-Chef Oskar Lafontaine zur Galionsfigur einer neuen linken Liste auf - der Austritt aus der SPD ist dabei nur zweitrangig. Zwar ist es unwahrscheinlich, dass diese Liste, dieses Bündnis von PDS und WASG, tatsächlich zustande kommt, aber mit seinem Abgang und seiner sofortigen Wiederkehr erfindet sich Lafontaine dennoch neu: Der einst als "Napoleon von der Saar" gepriesene Lafontaine will zurückkehren in den Kampf um parlamentarische Mandate und Macht, diesmal als Gegner der Sozialdemokraten. An seiner Seite hätte er dabei nur zu gerne die PDS-Ikone Gregor Gysi. Im Tandem könnten sie der SPD erheblichen Schaden zufügen. Aber nicht nur das: Auch die Möglichkeit auf eine große Koalition würde sich in einem Fünf-Parteien-Parlament erhöhen - diese würde zwingend erforderlich sein, wenn weder Schwarz-Gelb noch Rot-Grün die absolute Mehrheit der Sitze erobern würden. Nüchtern betrachtet ist Lafontaines Wiederkehr jedoch vor allem eines: unglaubwürdig und lästig.

Lafontaine ist ein politisches Tier

Sicher, Lafontaine hat einen gewaltigen Unterhaltungswert. Wie Gerhard Schröder auch ist er ein politisches Tier, ein Vollblut-Politiker, mit einem ungebremsten Machtwillen, einem feinen Gespür für Stimmungen und der Fähigkeit, rhetorisch zu begeistern. Das ist Gnade und Fluch zugleich. Seine Leidenschaft macht den ehemaligen saarländischen Regierungschef unberechenbar, im Zweifel sogar selbstzerstörerisch. Er entscheidet aus dem Bauch heraus. Wie damals, im März 1999, als er binnen Stunden alles hinwarf - den Job als SPD-Chef, den Job als Finanzminister, das Mandat im Bundestag. Diese Leidenschaft, diese Willkür, macht ihn ebenso faszinierend wie unberechenbar. Auch darin gleicht Lafontaine seinem Widersacher Schröder.

Einen gewaltigen Unterschied jedoch, den gibt es zwischen den beiden. Schröder steht zu seiner Verantwortung - und lässt sich für seine Politik gerade jetzt kräftig ohrfeigen. Bei Lafontaine ist das anders. Seit 1999 hat er sich zu einem etwas skurrilen Rächer der vermeintlich Entrechteten aufgeschwungen. Ohne Rücksicht hat er die Regierung Schröder für ihre angebliche soziale Kälte gegeißelt. Die eigene Eitelkeit - und auch die gekänkte Eitelkeit - konnte er dabei nur schwer unter dem Deckmantel des linken Überzeugungstäters kaschieren. Von der Regierung jedenfalls forderte er jene Verantwortung ein, derer er selbst sich so mir-nichts-dir-nichts entledigt hatte. Glaubwürdig war das nicht, mehr Posse als Politik.

Hartz IV brachte ihn zurück ins Geschäft

Mit Hartz IV gelangte Lafontaine wieder so richtig ins Geschäft. Er war nicht nur einer der ersten Prominenten, die die Montagsdemonstrationen gegen die Agenda 2010 unterstützten, er kokettierte auch offen mit der Gründung einer Linkspartei. Das Entstehen der Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit (WASG) verfolgte er mit kaum verhohlenem Wohlwollen. Dabei formulierte Lafontaine seine Zustimmung immer gerade so, dass es für ein SPD-Parteiausschluss-Verfahren gegen ihn nicht reichte. In der SPD-Führung galt er dabei schon lange als persona non grata. Vor dem Rauswurf seines Vorgängers schreckte Franz Müntefering jedoch zurück.

Chef-Agitator der vermeintlichen Reform-Verlierer

Jetzt ist es soweit. Weil diese Republik derzeit gerade eine politische Katharsis erlebt, sich gerade alle mit Kriegsgeheul in die Schlacht stürzen, ist auch Lafontaine aus der Deckung gekommen. Die Genossen sind ihn jetzt los. Nur scheinbar freilich, denn klappt der Lafontainsche Plan, PDS und WASG auf eine gemeinsame linke Liste einzuschwören, könnte der wiedergeborene Oskar der SPD am linken Rand erhebliche Stimmenanteile abjagen. Jene, die von Hartz-IV betroffen sind, jene, denen die Reformpläne des Kanzlers Angst machen, und vor allem jene, denen die PDS im Prinzip liegt, in der Praxis aber zu ostlastig ist - sie alle gehören zu Lafontaines Klientel.

In Westdeutschland könnte Lafontaine die WASG, die von Personal und Programm her eigentlich nicht politikfähig erscheint, veredeln und ihr Profil verleihen. Lafontaine wäre der Chef-Agitator der selbsternannten Hartz-IV-Opfer - sein Programm hätte er schon griffbereit, in Form seiner Bücher. Kaum aus der SPD verschwunden, wäre Lafontaine so präsenter denn je. Historische Vorbilder für diese Rückkehr gibt es genug. Auch der 1814 auf die Insel Elba verbannte französische Kaiser Napoleon Bonaparte kehrte schon 1815 zurück an die Macht. Jene Festland-Truppen, die eine Wiederkehr des Feldherrn eigentlich hätten verhindern sollen, schlossen sich ihm an und begleiteten ihn nach Paris. Auch Lafontaine hofft auf so einen Effekt.

Das Linksbündnis hat Potenzial

Die Gruppe der Unzufriedenen hat Potenzial. Die PDS kommt in Umfragen im Bund derzeit auf etwa fünf Prozent, die WASG erhielt am Sonntag in Nordrhein-Westfalen etwa zwei Prozent. Weil Schröder im Wahlkampf klar auf eine Fortsetzung der Reformen setzen will, könnten sich in den nächsten Monaten noch weitere Reformkritiker outen und der SPD desertieren - in Richtung Lafontaine und möglicherweise Gysi.

Die Linke wäre damit endgültig gespalten, und zwar nicht nur im Osten, sondern nun auch im Westen des Landes. Aber nicht nur das. Dadurch, dass so eine fünfte Liste/Partei sicher in den Bundestag käme, würde es für die anderen beiden Parteien schwerer, Koalitionen zu bilden. Es kann eine Situation eintreten, in der weder Schwarz-Gelb noch Rot-Grün eine absolute Mehrheit der Sitze auf sich vereinigen könnten. So eine Ausgangslage würde die Union wohl in eine große Koalition mit der SPD zwingen.

Sicher ist jedoch, dass Lafontaine bei einem Wahlerfolg im Bundestag wieder eine offizielle Bühne für seine Auftritte hätte. Für ihn persönlich wäre das eine Genugtuung, der Nutzen für die Gruppe der Unzufriedenen jedoch darf bezweifelt werden, denn die Hartz-IV-Gegner hätten einen schillernden aber unglaubwürdigen Anwalt verpflichtet.

Die Lafontaine-Kritiker dürften sich gerne des historischen Vorbilds erinnern. 1815, als Napoleon Bonaparte von der Insel Elba zurückkehrte, war schon nach 136 Tagen wieder Schluss mit seiner erneuten Herrschaft. Danach wurde er endgültig auf die Insel St. Helena verbannt.