Jena und Auerstedt Die Katastrophe Preußens


Vor 200 Jahren besiegte die Armee Napoleons die Preußen bei Jena und Auerstedt. Die Franzosen fegten das Reich Friedrichs des Großen hinweg. Doch die Tragödie hatte auch etwas Gutes.

Als Prinz Louis Ferdinand von Preußen, der Neffe des Alten Fritz, wieder einmal eine "Bouteille" Champagner geleert hatte, wurde es der Gastgeberin zu bunt: "Sie haben jetzt auf einem anderen Klavier zu spielen!", beschied sie ihm am Tag vor der Schlacht. Mühsam erhob sich der begehrteste Junggeselle seiner Zeit und schnarrte zurück: "Ja, lauter Dissonanzen." Am nächsten Tag fiel der junge Prinz in einem Scharmützel vor der Schlacht von Jena und Auerstedt und musste die preußische Katastrophe nicht mehr mit ansehen: Vor 200 Jahren am 14. Oktober fegte Napoleon das Reich Friedrichs des Großen hinweg.

Da war der Alte schon 20 Jahre tot, doch getan hatte sich wenig im Königreich. Seine Nachfolger waren freundliche, aber schwache Könige, die auf Preußens Ruf und Armee vertrauten. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern zehrten sie nur vom Bestand, ohne ihn zu mehren. Reformstau - doch das Sagen hatten die, die noch mit dem Alten Fritz erfolgreich gewesen waren. Dass drei Jahre nach dessen Tod die französische Revolution ausgebrochen war, schien niemanden weiter zu beunruhigen.

Emporkömmling auf dem Thron

Aber das Volk von Paris hatte die Welt gehörig durcheinander gebracht. Der König war guillotiniert, die Revolution hatte ihre Kinder gefressen und in Frankreich regierte ein Kaiser. Niemand aus dem Hochadel, sondern ein Ex-Leutnant, dessen Offiziere einst Bauernsöhne und Handwerkergesellen waren. Obwohl Napoleon Bonaparte mit ihnen halb Europa erobert hatte, galt er in den Augen der Engländer, Preußen und Österreicher als Emporkömmling.

Nachdem Napoleon im Dezember 1805 bei Austerlitz das österreichische Heer vernichtend geschlagen hatte und in Wien einmarschiert war, machte er sich an die Aufteilung Deutschlands. Französische Truppen waren weit über den Rhein vorgedrungen und der Korse stand auf der Höhe seiner Macht - mächtiger als der englische König, der russische Zar oder der Erzherzog in Wien, der im August das deutsche Kaiserreich begraben hatte.

Hochmut kommt vor dem Fall

"Mit einer plötzlichen Wendung gegen Napoleon hat Preußen einen Konflikt herbeigeführt, auf den es in keiner Weise vorbereitet war", schreibt der Historiker Wolfgang Neugebauer. Jeder zweite Offizier sei älter als 65 gewesen, Strategie und Drill waren noch die, mit denen der Alte Fritz gegen Schlesien gezogen war. Man hatte schon Schlachten geschlagen gegen die revolutionären Franzosen. Die Erfahrungen daraus wurden jedoch von den Alten verdrängt.

Und so war die Schlacht schon entschieden, als am Morgen des 14. Oktober 1806 gut 53.000 Preußen und Sachsen gegen fast 96.000 Franzosen bei Jena aufmarschierten. Die Deutschen fochten tapfer, doch nach wenigen Stunden waren 10.000 tot oder verwundet und noch einmal so viele in Gefangenschaft. 20 Kilometer weiter bei Auerstedt hatten die Preußen zwar doppelt so viele Männer, sieben Mal so viele Reiter und das Fünffache an Kanonen, doch der Oberbefehlshaber, Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig, verlor durch eine Kugel beide Augen. Am Nachmittag befahl der König den Rückzug des führerlosen Heeres.

Platz für Reformen

Preußen floh nach Osten. Festungen wurden aufgegeben, Friedrich Wilhelm eilte mit Königin Luise nach Tilsit im östlichsten Winkel des Landes, das Königreich verlor seine Gebiete links der Elbe. Preußen hatte verloren. Das alte Königreich hatte dem revolutionären Frankreich ebenso wenig entgegenzusetzen wie seine Armee Napoleon.

Da Napoleon die alte Garde hinweggefegt hatte, war jetzt aber Platz für Reformen. Heinrich Freiherr vom Stein ordnete den Staat neu, Gerhard von Scharnhorst und Neidhardt von Gneisenau unterzogen das Heer einer Rosskur. Sieben Jahre später, bei der Leipziger Völkerschlacht, traf wieder ein modernes Heer auf eine erschöpfte Armee: Dieses Mal verlor Napoleon mit seiner nun überholten Strategie.

Chris Melzer/DPA DPA

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