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"Meine Mutter ließ mich hungern - aber sie ist trotzdem kein böser Mensch"

Der Vater Alkoholiker, die Mutter Narzisst, kein festes Zuhause und leere Versprechungen: So sah die Kindheit von Jeannette Walls aus. Ihre Bestseller-Autobiografie wurde nun in Hollywood verfilmt. Dem stern verrät die Autorin, warum sie ihren Eltern trotz allem dankbar ist.

Schloss aus Glas

Links: Szene aus "Schloss aus Glas", rechts: die Autorin Jeannette Walls bei der Filmpremiere.

Jeannette Walls ist drei Jahre alt, als sie in Flammen aufgeht, weil ihre Mutter keine Lust zum Kochen hat und die Kleine selbst an den Gasherd schickt. Sie ist elf Jahre alt, als sie und ihre Geschwister täglich hungern, während der Vater das letzte Geld versäuft und die Mutter heimlich Schokoriegel mampft. Sie ist dreizehn Jahre alt, als ihr Vater sie ermuntert, sich zu prostituieren. Und sie ist siebzehn Jahre alt, als sie ihre Sachen packt, nach New York zieht und es dort bis in ein Penthouse auf der Park Avenue schafft. Es ist diese außergewöhnliche Lebensgeschichte, die die Amerikanerin 2005 in ihrer Autobiografie aufschrieb - und die jetzt als Film ins Kino kommt.

"Schloss aus Glas" heißen Buch und Film, der mit den Hollywoodstars Brie Larson, Naomi Watts und Woody Harrelson in den Hauptrollen besetzt ist. "Die Schauspieler sind phänomenal. Naomi Watts versteht meine Mutter wahrscheinlich besser, als die sich selbst. Und alle, die mich kennen, sagen, dass Brie Larson mich wirklich gut getroffen hat", erzählt Walls im Gespräch mit dem stern. Die 57-Jährige ist glücklich mit der Film-Variante ihres Lebens, auch wenn ihre Geschichte auf der Leinwand etwas sentimentaler wirkt als im Buch. Der Film macht ihren mittlerweile verstorbenen Vater zum tragischen Helden, doch Walls stört der Hollywood-Blickwinkel nicht. "Der Film ist optimistisch, aber er fängt auch die Widersprüchlichkeit des Buchs ein. Trotz all dem Schmerz und der Verzweiflung hatte ich immer Hoffnung - und genau darum geht es."

Schloss aus Glas

Oscar-Gewinnerin Brie Larson spielt Jeannette Walls. In den 80ern arbeitete diese in New York als erfolgreiche Journalistin, während ihre Eltern obdachlos waren - keiner kannte ihre Vergangenheit.


Tatsächlich schafft es "Schloss aus Glas", sowohl die düsteren, als auch die schönen Momente wirken zu lassen. Vor allem gelingt es eindringlich, sowohl den kreativen, liebenden Vater, als auch den kranken Alkoholiker zu spielen. "Als ich ihn zum ersten Mal am Set als meinen Vater sah, habe ich angefangen zu weinen und zu zittern. Weil er ihn einfach so gut verkörpert. Ich weiß, dass mein Vater ein schlimmer Säufer war, aber ich vermisse ihn trotzdem jeden Tag. Es war surreal, ihn wieder lebendig zu sehen", erzählt Walls. 

"Meine Eltern waren krank und konnten nicht auf sich selbst achten - wie dann auf uns?"

Es ist beeindruckend, wie die Journalistin und Autorin mit ihrer ungewöhnlichen Vergangenheit heute umgeht. Sie und ihre Geschwister lebten in der Kindheit an mindestens 20 verschiedenen Orten in der ganzen USA, hausten in Bruchbuden oder auch mal draußen in der Wüste - immer dort, wo es die unangepassten Eltern gerade hin zog. Zu essen gab es wenig, doch auf Bildung und Kunst wurde viel Wert gelegt. "Die Leute fragen mich immer, wie ich meine Eltern verzeihen konnte. Aber das würde mich zum Opfer machen und so sehe ich mich nicht. Meine Eltern waren schwer verletzte und kranke Menschen. Sie konnten nicht auf sich selbst aufpassen – wie sollten sie dann für uns sorgen?", sagt Walls.

Nach einem kurzen Bruch stand sich die Familie später wieder nah. Walls' wohnt heute in einem Haus auf dem Grundstück, auf dem Walls mit ihrem Ehemann lebt. "Sie treibt mich noch heute manchmal in den Wahnsinn. Sie lebt in ihrer alternativen Realität, sieht die Dinge nicht klar. Aber sie ist kein böser Mensch. Bei meinen Vater war es komplizierter, er wusste, dass er etwas falsch machte und hatte Schuld- und Schamgefühle", sagt die Autorin.

"Schloss aus Glas" zeigt, dass kein Mensch nur gut oder böse ist

Jeannette Walls weiß jetzt, dass sie ihre Vergangenheit akzeptieren musste, um glücklich zu werden, dass es immer darauf ankommt, wie man sich seine eigene Geschichte erzählt. Deshalb kann sie ihren Eltern dankbar sein. "Sie haben mir auch unheimlich viel gegeben: Selbstvertrauen, Mut, Optimismus, Widerstandsfähigkeit und die Liebe zur . Ich habe mich nie vernachlässigt, sondern immer geliebt gefühlt. Deshalb finde ich, dass ich Glück hatte. Aber man könnte auch sagen, dass ich von meiner Mutter die Fähigkeit zum Verdrängen geerbt habe", sagt Walls. Dann lacht sie ein lautes, dreckiges Lachen. 

"Schloss aus Glas" läuft ab dem 21. September in den deutschen Kinos

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