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80 Jahre Anonyme Alkoholiker: Was tun, wenn der Kollege trinkt?

Er zittert und auch die Fahne ist nicht zu überriechen: Hat ein Kollege ein Alkoholproblem, macht das betroffen. Doch wie spricht man es am besten an? Und soll man es dem Chef sagen?

Was tun, wenn der Arbeitskollege ein Alkoholproblem hat? In jedem Fall darauf ansprechen, raten Experten.

Was tun, wenn der Arbeitskollege ein Alkoholproblem hat? In jedem Fall darauf ansprechen, raten Experten.

Der Kollege riecht morgens verdächtig oft nach Alkohol und wirkt bei der Arbeit oft unkonzentriert, wenn er überhaupt kommt - seine Fehltage nehmen stetig zu. Doch keiner sagt was, zumindest nicht zu ihm. Am Arbeitsplatz gilt in den meisten Betrieben: null Promille. Gerade wenn Maschinen zu bedienen sind oder andere Menschenleben von dem eigenen Tun abhängen, etwa als Arzt oder Busfahrer.

Doch als Suchtmittel Nummer eins in Deutschland ist Alkohol auch am Arbeitsplatz durchaus ein Problem: Genaue Daten sind schwer zu bekommen, die Deutsche Suchthilfe geht davon aus, dass etwa fünf Prozent der Arbeitnehmer alkoholabhängig sind, bei Führungskräften liegt der Anteil sogar bei zehn Prozent. Zu den Berufsgruppen mit erhöhtem Risiko zählen demnach etwa Wirte oder Bedienungen, Beschäftigte in der Seefahrt oder im Dienstleistungsgewerbe. Männer sind etwas häufiger betroffen als Frauen. Alkoholismus tritt in allen sozialen Milieus auf und kann jeden treffen. So soll auch der ZDF-Moderator Ben Wettervogel ein Alkoholproblem gehabt haben.

Was tun, wenn man vermutet, dass der Kollege oder gar der Vorgesetzte ein Alkoholproblem hat? Wie gelingt es, dem Betroffenen nicht vor den Kopf zu stoßen, aber sich zugleich so richtig zu verhalten, dass man keine Mitschuld trägt, wenn aus der gelegentlichen Trinkerei eine ausgewachsene Sucht wird? Ein paar Handlungsempfehlungen.

Woran erkenne ich, dass der Kollege ein Problem hat?

Warnzeichen können ganz unterschiedliche Verhaltensweisen sein - etwa, wenn der Kollege häufig kurz den Arbeitsplatz verlässt, sich oft zwei Tage krank meldet, Fehler zunehmen, er unzuverlässig wird und die Arbeitsleistung insgesamt nachlässt. Verhaltensänderungen wie plötzliche Stimmungsschwankungen, Gereiztheit oder sozialer Rückzug können ebenfalls darauf hinweisen, dass ein Alkoholproblem vorliegt. Auch das Äußere kann ein Indikator sein: Zittrige Hände, ein aufgedunsenes und gerötetes Gesicht, ein schwankender Gang oder lallende Sprache, sowie eine ungepflegte Erscheinung sind ernst zu nehmen.

Soll ich den Kollegen ansprechen?

"Ja", sagt Peter Raiser, Projektleiter "Sucht am Arbeitsplatz" bei der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). Je früher desto besser. Je länger Sie warten, desto schwieriger wird die Situation für alle Beteiligten. Zum einen für den Betroffenen, da es für ihn in einem späteren Stadium deutlich schwerer ist, wieder vom Alkohol wegzukommen. Zum anderen für Sie, weil Sie seine Arbeit vielleicht mitmachen müssen und zusätzlich belastet werden. Raiser hat die Erfahrung gemacht, dass viele Betroffene später sagen, dass ihnen viel erspart geblieben wäre, wenn man sie nur früher darauf angesprochen oder der Chef eher mit Konsequenzen gedroht hätte.

Es bringt auch nichts, das Verhalten des Kollegen zu vertuschen - etwa indem Sie Mehrarbeit leisten, Fehler kaschieren oder seine Fehltage rechtfertigen - etwa mit "Er hat Migräne". Das verschlimmert die Situation nur, denn der Betroffene sieht so keine Notwendigkeit, sein Verhalten zu ändern.

Natürlich können Sie nicht immer sicher sein, dass das Verhalten des Kollegen auf Alkoholmissbrauch zurückgeht. Es ist auch nicht Ihre Aufgabe, dies nachzuweisen. Es genügt der Eindruck, dass bei auftretenden Schwierigkeiten jedes Mal Alkohol dafür verantwortlich sein könnte, um den Betroffenen darauf anzusprechen. "Das ist in jedem Fall besser als gar nicht zu handeln", sagt Raiser.

Wie spreche ich es am besten an?

Formulieren Sie in einem geschützten Raum (nicht vor anderen und nicht anklagend) Ihre Beobachtungen und Bedenken klar und sachlich in Form von Ich-Botschaften. Vermeiden Sie es auf jeden Fall, Vorwürfe zu machen. Reden Sie stattdessen über Ihre Beobachtungen und werden Sie dabei auch konkret: So können Sie Ihren Kollegen etwa darauf hinweisen, dass Sie einen Alkoholgeruch oder seine zitternden Finger wahrgenommen haben und er in letzter Zeit zunehmend Fehler macht. Signalisieren Sie, dass Sie sich Sorgen machen und weisen Sie auf Hilfsangebote hin. Stellen Sie stets die Botschaft in den Vordergrund: "Ich möchte, dass es Dir besser geht" .

Häufig führt das Alkoholproblem eines Kollegen dazu, dass die anderen Kollegen ebenfalls in ihrer Arbeit eingeschränkt werden. Raiser rät dann: Signalisieren Sie dem Betroffenen klar und bestimmt, dass Sie nicht bereit sind, ständig seine Fehler auszubügeln. Ratschläge wie "Lass das doch" sind nicht hilfreich.

Lassen Sie sich nicht davon einschüchtern, wenn Ihr Kollege im Gespräch aggressiv wird oder alles abstreitet. Es kann durchaus sein, dass es mehrere Anläufe und Rückmeldungen braucht, bis er zugänglich darauf reagiert und sein Verhalten überdenkt. Falls Sie nicht sicher sind, wie Sie am besten vorgehen, können Sie sich auch an Beratungsstellen wenden (siehe Kasten).

Was können Kollegen tun?

Ist das Alkoholproblem unter den Kollegen bekannt, so sollten sich diese darauf verständigen, wie sie dem Betroffenen Hilfe zukommen lassen können. Letztlich liegt es allein in seiner Hand, etwas an seinem Trinkverhalten zu ändern - als Kollege können Sie ihn aber darin bestärken und immer wieder motivieren, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Zeigt er keine Veränderung, oder verschlimmert sich die Situation zunehmend, so sollte der Chef eingeweiht werden.

Das hat nichts mit Anschwärzen zu tun, sagt Raiser. Immerhin werden Sie in Ihrer Arbeit behindert. In der Praxis würden Alkoholprobleme aber meist lange mitgetragen, weiß der Sozialwissenschaftler. Eine Hilfestellungen für den richtigen Umgang mit trinkenden Kollegen können Suchtberatungen bieten.

Wie handele ich als Vorgesetzter?

Vorgesetzte tragen eine besondere Verantwortung für ihre Mitarbeiter. Haben Sie daher die Vermutung, dass jemand aus Ihrem Team trinkt, sind Sie in der Pflicht, dies anzusprechen und frühzeitig zu handeln. Auch hier gilt: Sprechen Sie das Problem klar und sachlich an, vermeiden Sie Vorwürfe und bieten Sie dem Betroffenen Unterstützung an. Dazu zählt auch, dass Sie auf innerbetriebliche oder externe Hilfsangebote hinweisen. Leitfäden und praktische Hilfen für derartige Gespräche finden Personalverantwortliche etwa hier oder hier.

Lässt Ihr Mitarbeiter sich nicht helfen und verletzt seine dienstlichen Pflichten wiederholt, ist es an Ihnen, konsequent zu handeln: Es gelte, "das richtige Maß zwischen Hilfe und Sanktionierung zu finden", schreibt die DHS. Verstößt ein Mitarbeiter trotz mehrmaliger Intervention immer noch gegen die Vereinbarungen, kann eine Kündigung erfolgen. Informationen zu rechtlichen Fragen finden Sie hier.

Mirja Hammer und Lea Wolz

Wissenscommunity