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Sebastian Bezzel: Mal Cabrio-Schnösel, mal erdiger Bayer

Man kennt ihn als schnöseligen Assistenten von Tatort-Kommissarin Eva Matthes. Jetzt spielt Sebastian Bezzel seine erste Kinohauptrolle. Ausgerechnet in einem Film über seine Heimat Garmisch. Nicht nur deswegen ist "Schwere Jungs" ein Glücksgriff, sagt Bezzel im stern.de-Interview.

Herr Bezzel, herzlichen Glückwunsch zur ersten Kinofilm-Hauptrolle in "Schwere Jungs".

Danke.

Und dann auch noch in einem Film, der in ihrer Heimat Garmisch spielt.

Das fühlt sich gut an. Es ist nicht nur das. Den Drehbuchautor Philipp Roth kenne ich schon ganz lang. Noch als ich frisch an der Schauspielschule und er an der Filmhochschule war, hat er mir von dem Projekt erzählt. Ich fand das ganz entzückend, dass mal die Dicken die Helden sind. Damals konnte ich nicht ahnen, dass das wirklich was wird. Sein erstes Buch wird gleich als Kinofilm gedreht, er hat drei Jahre lang dafür gekämpft.

Kennt man die Bobfahrer in Garmisch eigentlich?

Die jungen Leute weniger, aber die Generation meiner Eltern kannten den Bobfahrer Anderl Ostler und sein Team sehr wohl. Es war das erste Mal nach dem Krieg, dass es positive Schlagzeilen für Deutschland gab. Was Sportler und Musiker erreichen, kann kein Politiker schaffen. Anderl Ostler war Nationalheld.

"Schwere Jungs" ist so etwas wie die bayerische Variante des jamaikanischen Kultfilms "Cool Runnings" über Bobfahren. Sie spielen den passionierten Bobfahrer Gamser, der leider keine haltbaren Schlitten bauen kann. Wie war das mit den so wackelig aussehenden Bobs zu fahren?

Man sieht es ihnen nicht an, aber das sind unglaublich schwere Stahlgestähle. Es waren teils originale Bobs, historische Gefährte, die wir gefahren sind, und die wiegen so um die 500 Kilo. Und die immer wieder aus dem Heu-Schnee-Haufen am Ende der Strecke raus zu ziehen, ist eine ganz schöne Arbeit. In Sankt Moritz war ich allerdings nicht dabei, wo die meisten Szenen mit echten Bobfahrern und Stuntdoubles gedreht wurden. Das wäre sonst zu gefährlich gewesen.

Es gab viele Außendrehs, die vor allem in Tschechien stattfanden. Wie war es, im Schnee zu drehen?

Das war anstrengend. Wir hatten ja historische Klamotten an, da wurde uns ziemlich kalt. Ein Tag im Schneesturm mit 300 Komparsen, das zehrt. Es gab mal so eine Phase, da war ich richtig kaputt. Aber das gehört dazu.

Tatsächlich sehen alle Darsteller aus wie "Schwere Jungs". Sind Sie immer so füllig?

Wir haben schon alle ordentlich gegessen. Ich würde auch mit Wattons ausgestopft. Gott sei dank waren die Dreharbeiten nach Weihnachten, das war gutes Timing, und ich habe richtig reingehauen. Dieses Jahr ist es nicht so angenehm, ich musste für eine Rolle ein bisschen abnehmen.

Es ist eine homogene Crew, fast alle sind gleich alt. Wenn man sich die Geburtsjahrgänge der Darsteller ansieht, bewegt sich das fast ausschließlich zwischen Jahrgang 1969 bis 1974.

Das kann bei Schauspielern auch nach hinten losgehen. Leute im gleichen Alter, die im gleichen Segment unterwegs sind. Aber das war toll, es hat super funktioniert. Eine gute Truppe. Wir haben viel gefeiert. Ein ganz toller Kollege war auch Bastian Pastewka. Er war der bekannteste von uns, was er überhaupt nicht raushängen lassen hat. Ein reizender Mensch, sehr professionell und so gut vorbereitet.

Außer Pastewka sieht man sehr unverbrauchte Gesichter. Nicht der übliche deutsche Klüngel.

Wenn wir ganz gut sind, wird das der neue Klüngel. Wir sind alle aus dem süddeutschen und österreichischen Raum. Das ist auch das Schöne an dem Job, je mehr man dreht, desto öfter begegnet man sich.

Der Drehbuchautor Philipp Roth ist kein Bayer, sondern kommt aus Münster. Wie hat er das hinbekommen?

Das Drehbuch war auf hochdeutsch geschrieben, das Bayerische mussten wir machen. Aber so wie die Pointen sitzen und die Figuren funktionieren, hat er das sehr liebevoll entworfen. Es war nie ein Habitus im Buch verlangt, den ich nicht mit der Rolle zusammengebracht hätte. Er schaut sich einfach Typen an und die sind auf dem Land so, egal ob in Bayern oder in Norddeutschland.

Der bodenständige Gamser, den sie in "Schwere Jungs" spielen, ist völlig konträr zur Rolle des schnöseligen Assistenten Kai Perlmann, dem Assistenten von Eva Matthes im "Tatort". Wo steckt mehr von Ihnen drin?

In allen Rollen steckt viel von mir drin. Das hat viel mit Beobachtung zu tun. Sowohl die Perlmann-Rolle und als auch die Gamser-Rolle haben ihren Ursprung in Garmisch, aus meiner Jugend und Kindheit. Genau diese zwei Leute gibt es bei uns: die Einheimischen, die so ganz bei sich sind, und die neureichen Schnösel, die in Ettal auf der Schule waren und zum 18. Geburtstag den Golf Cabrio geschenkt bekommen.

Geht es bei Ihnen weiter mit Kino?

Ich spiele gerade noch in einem zweiten Kinofilm, eine Komödie à la "The Full Monty", die in München spielt, und dann geht es mit dem Tatort weiter. Aber ich möchte weiterhin Kino machen.

Was sind Ihre großen Ziele, Visionen für die Zukunft?

Ich hoffe, dass ich ganz lange in dem Beruf arbeiten kann und immer Beschäftigung habe. Ob Sommertheater, Kabarett oder der große Hollywoodfilm sind Detailfragen. Dieser Beruf ist mir am wichtigsten. Es war immer mein großer Traum. Schon im Kindergarten habe ich Sketche aufgeführt. Es ist ein Privileg, dass ich das machen darf. Ich genieße es, auf der Straße erkannt zu werden und Autogramme zu geben. Aber ich habe auch gemerkt, dass es unangenehm sein kann. Man sitzt in Tschechien nach einem harten Drehtag in der Kälte in der Hotellobby und auf einmal steht eine Gruppe deutscher Touristen da und fotografiert dich und demonstriert dieses Recht auf einen, nach dem Motto, ich kenn dich aus dem Fernsehen. Allerdings muss ich auch lernen, nicht alles von der Schauspielerei abhängig zu machen, sondern mir auch ein Privatleben aufzubauen. Denn wenn wieder mal eine Beziehung daneben gegangen ist, sitzt man einsam im Hotelzimmer und fragt sich, was man eigentlich falsch gemacht hat.

Wonach suchen Sie sich Ihre Rollen aus?

Es läuft über den Partner. Das hören Regisseure nicht so gerne, aber so ist es. Kürzlich habe ich das Angebot angenommen, einen österreichischen Heimatfilm zu drehen wegen Kurt Weinzierl. Ein Kult-Schauspieler, der bei "Kottan ermittelt" den Polizeichef gespielt hat, und den ich unbedingt mal kennen lernen wollte. Es war eine Freude, mit diesem Mann zu arbeiten. Hat einen Rucksack voller Anekdoten. Ich liebe Schauspieler, das sind so verrückte Typen. Eva Matthes zum Beispiel ist so ein liebenswürdiger skurriler Mensch. Hat für alles kleine Weisheiten. Und es ist lässig, wenn sie von Kinski erzählt und solchen Leuten. Da bin ich ganz klein und kriege große Ohren. Oder Horst Krause. Was wir gelacht haben mit ihm bei dem Dreh zu "Schwere Jungs". Dafür werde ich bezahlt, das ist echt der große Joker.

Interview: Kathrin Buchner