HOME

Streep, Mirren& Co.: Der Triumph der Grauen

Sie haben Falten, graues Haar und keine Lust auf Bikinifotos. Trotzdem sind sie die Kinokassenmagneten der Saison. Frauen jenseits der 45 stellen Hollywood auf den Kopf.

Von Sophie Albers

"Würde ein Marsianer auf die Erde kommen und Hollywoodfilme gucken, er würde annehmen, dass hier alle Frauen im Alter von 45 Jahren tot umfallen." Dieser schöne Satz stammt von Ariel Levy, einer einflussreichen Autorin und Feministin in den USA ("Female Chauvinist Pigs"), und beschreibt ein Phänomen, das zumindest im Augenblick so nicht mehr stimmt. Der Marsianer würde denken, dass alle Frauen mit 60 so strahlend schön aussehen wie Meryl Streep und Helen Mirren. Aber immerhin.

Erstaunlich, aber wahr: In diesem Jahr stehen in der Filmpreis-Saison nicht die glattgezogenen Einheitsvisagen von Hollywoods Hochglanz-Königinnen in der ersten Reihe, sondern Gesichter, die Geschichten erzählen. Es gibt tatsächlich Haut zu sehen, die nicht verschämt abgeschnitten, abgenäht oder paralysiert wird, weil sie die Verwerfungen des Lebens spiegelt.

Die Macht der Zahlen

Meryl Streep ist 60 Jahre alt und lehnt Botox und Schönheitschirurgie ab. Sie hat gerade den Golden Globe gewonnen und Chancen auf den Oscar. 15 Oscar- und 23 Golden-Globe-Nominierungen sind es insgesamt. Und: Sie war im Januar auf dem Titel der "Vanity Fair", dem Hofblatt im Reiche der Jungen und Schönen. So etwas war lange gar nicht vorstellbar. Denn, wie Streeps noch junger Kollege Jude Law soeben im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" bemerkte: "Schauspielerin zu sein, ist das Schlimmste, was es gibt. [...] Für eine Frau ist es hundertmal so hart, erfolgreich zu sein und nicht ausschließlich danach beurteilt zu werden, wie alt sie ist [...]".

Deshalb hat sich Streep auch gewundert, dass sie mit 60 die Hauptrolle in der romantischen Komödie "Wenn Liebe so einfach wäre" spielen durfte. Und mit welchem Erfolg: In nur einem Monat hat die Geschichte einer geschiedenen Frau, die eine Affäre mit ihrem Ex anfängt, den seine neue, junge Gattin langweilt, knapp 150 Millionen Dollar eingespielt. Bei "Julie & Julia" (2009) waren es knapp 120 Millionen, bei "Mamma Mia!" (2008) waren es mehr als 600 Millionen, und "Der Teufel trägt Prada" (2006) spielte 326 Millionen ein. Eine 60-Jährige mit Leben im Gesicht ist Kinokassenmagnet. Wow. Der Studioboss kratzt sich am Kopf.

Frische Brise im Land des gefrorenen Lächelns

Bisher waren die Filmfinanciers der Meinung, dass sie Filme für kleine und größere Jungs machen. Dass alles, was sie dazu bräuchten, das neueste Spezialeffekt-Monster auf der Jagd nach der neuesten Megan Fox sei. Die wüssten meist gar nicht, was sie mit der weiblichen Hälfte der Bevölkerung anfangen sollten, zitiert "Vanity Fair" "Julie&Julia"-Regisseurin Norah Ephron. Doch das ändere sich nun. "Meryl Streep hat die gläserne Decke für ältere Frauen als Stars durchbrochen", erklärt US-Filmemacher Mike Nichols, mit dem Streep "Silkwood" drehte, ihr Wirken. "Sie zeigt Hollywood gerade, wie viel Geld mit Frauen-Filmen zu machen ist", urteilt "Entertainment Weekly".

So geht eine frische Brise durch das Land des eingefrorenen Lächelns. Neben Streep zeigen auch Helen Mirren, 64, Sigourney Weaver, 60, oder Judi Dench, 75, dass es sich ohne Botox im Gesicht viel besser arbeiten lässt. Mirren gewann 2006 für ihren Auftritt in "The Queen" den Oscar, und der eher kleine Film spielte mehr als 123 Millionen Dollar ein. Für "Ein russischer Sommer" wird sie schon wieder als Oscar-Kandidatin gehandelt. Sigourney Weaver bricht derzeit mit James Camerons "Avatar" alle Rekorde. Und Judi Dench braucht nur einen Blick, um den neuen, harten James Bond weichzukochen. Alles Frauen, die das tun, wovon so viele reden, sich aber die wenigsten trauen: "in Würde altern".

Und die Streeps und Mirrens haben eine Zielgruppe mit Zukunft: "Vor fünf oder zehn Jahren waren junge Männer das wichtigste Publikum", zitiert die britische Zeitung "Observer" Clark Woods aus der Chefetage beim Studio MGM. "Das ist heute nicht mehr so." Während die jungen Männer zur Spielkonsole und zum Kabelfernsehen abwanderten, blieben Frauen treue Kinogänger. Und diese Frauen "wollen Filme sehen, die ihre Realität reflektieren", sagt Schriftstellerin Ariel Levy. Und der geht das Leben bekanntlich auch nach der 40 und sogar nach der 60 weiter. Wenn's um's Geld geht, auch in Hollywood.

Nur ein Trend?

Eine, die dem Triumphzug der Grauen dagegen ein wenig den Wind aus den Segeln nimmt, ist Showbiz-Kennerin Ella Taylor von "L.A. Weekly": Klar sei es toll, dass Schauspielerinnen wie Bening, Streep und Dench in Nahaufnahmen alles zeigen und keine Angst davor haben, faltig und ungeschminkt zu sein. "Das gab es lange nicht zu sehen." Aber "die Dinge haben sich nicht wirklich geändert. Ältere Frauen liegen nur gerade im Trend", so ihr resigniertes Urteil. Fakt ist auch, dass Hollywoods zehn männliche Top-Mimen noch immer doppelt so viel verdienen wie ihre weiblichen Kolleginnen, berichtet das "Forbes"-Magazin.

Es ist noch ein weiter Weg, bis Hollywoods Frauen für das Älterwerden genauso gepriesen werden wie die Clint Eastwoods, Tommy Lee Jones' und Jack Nicholsons unserer Zeit. Bis sie endlich nach ihrem Können beurteilt werden und nicht nach der Faltenanzahl. Aber es tut sich was, und auch in der Traumfabrik sitzen mehr und mehr Frauen in entscheidungstragenden Positionen. Und die machen Filme möglich, die auch ältere Frauen interessieren.

Bis dahin halten wir es mit Meryl Streep, die auf die Frage, wie sie sich denn in ihrem Alter fühle, antwortete: "Ich bin verdammt dankbar, dass ich lebe. Ich habe so viele Freunde, die krank oder schon gestorben sind. Und ich bin noch hier."