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Sundance Film Festival: Frische Kost statt lahmer Mainstream

Ausgerechnet in Utah, wo der Schwulen-Western "Brokeback Mountain" verboten wurde, findet das amerikanische Sundance-Film-Festival statt: Von Robert Redford gegründet, wurden hier unbekannte Regisseure über Nacht zu Weltstars.

Minusgrade und Schneeschauer zur Eröffnung des Sundance-Festivals am Donnerstag in Park City: Diese frostige Wettervorhersage dürfte den Ansturm sonnenverwöhnter Hollywoodstars in dem kleinen Wintersportort im Mormonenstaat Utah kaum stoppen. Das größte Filmfest für unabhängige Produktionen in den USA wird am Donnerstagabend mit der Beziehungskomödie "Friends With Money" eröffnet. Jennifer Aniston tritt darin als Putzfrau und Single auf, die sich die Ehesorgen ihrer reichen Freundinnen (Frances McDormand, Catherine Keener und Joan Cusack) anhört. "Ich bin ziemlich nervös", bekannte Regisseurin Nicole Holofcener in der "New York Post". Damit meint sie nicht die Kritiker, sondern die Paparazzi, die bereits bei den Dreharbeiten über die gerade von Brad Pitt getrennte Aniston herfielen.

Originelle Stimmen mit guten Geschichten

Der erwartete Aufmarsch warm verpackter Stars, aufdringlicher Fotografen und geschäftstüchtiger Filmbosse dürfte jenem am Roten Teppich bei großen Shows in Hollywood gleichen: Bruce Willis, Sharon Stone, Justin Timberlake, Winona Ryder und Robin Williams sind nur einige der großen Namen, die beim zehntägigen "Indie-Fest" mit Filmen vertreten sind. Doch Festivaldirektor Geoffrey Gilmore sieht das alternative Filmfest, das Robert Redford seit 1985 vom ehemaligen amerikanischen Festivals von Utah zum berühmtesten Sprungbrett für unbekannte Filmemacher etablierte, wegen des Starrummels nicht gefährdet. "Wir haben ein volles Programm mit frischen und originellen Stimmen, die gute Geschichten erzählen, Risiken eingehen und nicht mit typischer Mainstream-Ware zu verwechseln sind", verspricht Gilmore.

84 Weltpremieren

So wie 1989 der damals völlig unbekannte Steven Soderbergh mit seinem Low-Budget-Streifen "Sex, Lügen und Video" über Nacht bekannt wurde, hoffen viele Newcomer in Park City auf einen großen Auftritt. Von den 120 Feature-Filmen im diesjährigen Programm stammen 48 von Neulingen. 29 Länder sind vertreten, 84 Streifen feiern in Utah Weltpremiere.

Zum zweiten Mal treten in der Sparte "World Cinema" internationale Filmemacher im Wettbewerb gegen einander an. Der Dokumentarfilm "Die große Stille" von Philip Gröning über die Welt der Schweigemönche eines Karthäuserklosters feiert seine US-Premiere. Außerdem wird die deutsch-schweizerische Koproduktion "Das kurze Leben des Jose Antonio Gutierrez" von Heidi Specogna gezeigt. Darin geht es um den ersten im Irakkrieg gefallenen US-Soldaten, ein ehemaliges Straßenkind aus Guatemala.

Wim Wenders' Film "Don't Come Knocking" über einen abgehalfterten Cowboy-Darsteller läuft außerhalb der Wettbewerbsreihe in der Sparte "Premieren". Hier findet sich der deutsche Regisseur in prominenter Gesellschaft: Jonathan Demme stellt mit "Neil Young Heart of Gold" ein Musikporträt über Neil Young vor. Michael Gondry ("Vergiss mein nicht!") schickt Gael García Bernal in "The Science of Sleep" in eine Traumwelt. Jason Reitman, Sohn von Regisseur Ivan Reitman, macht sich in seinem Regiedebüt "Thank You for Smoking" über die Tabakindustrie lustig.

"Kein zweites Hollywood"

Der deutsche Nachwuchsregisseur Veit Helmer ist unter den 12 Anwärtern für die Sundance Awards, die vier junge Talente aus Europa, Lateinamerika, den USA und Japan mit 10.000 Dollar fördern. Helmer will im kommenden Sommer die Liebesgeschichte "Azerbaijan Dream" drehen. Der inzwischen bekannte Brasilianer Walter Salles ("Die Reise des jungen Che") gehörte mit "Central Station" zu den früheren Gewinnern des Preises.

Robert Redford empörte sich kürzlich in einem Interview über den Vorwurf, Sundance sei ein zweites Hollywood geworden. "Ich denke, dass die Verantwortlichen in Hollywood Filme von unserem Festival aufgreifen, weil sie einfach ihren Wert erkennen", so erklärt Redford die Anziehungskraft des alten Silberminendorfs Park City auf die Schatzsucher aus der Filmmetropole, die in den nächsten zehn Tagen dort einfallen werden. Im letzten Jahr wurden sie mit "The Emperor's Journey" fündig. Ein Verleiher sicherte sich für eine Million Dollar die Rechte an dem kleinen Natur-Streifen aus Frankreich über Kaiserpinguine in der Antarktis, der unter dem Namen "Die Reise der Pinguine" zu einem der erfolgreichsten Dokumentarfilme aller Zeiten wurde. Das Festival findet diesmal vom 19. bis zum 29. Januar statt.

Barbara Munker/DPA / DPA