Toronto Film Festival Rauchfreie Zone trotz Sean Penn


Achtung, Kettenraucher Sean Penn präsentiert auf dem Toronto Film Festival sein neues Werk. Da braucht es extra Polizeiaufgebot, damit nicht alles in Rauch aufgeht. Viggo Mortensen spielt in David Cronenbergs Mob-Thriller einen Russenmafia-Chauffeur und Keira Knightley vergnügt sich in einer unstandesgemäßen Affäre.
Von Bernd Teichmann, Toronto

Puh, diesmal hat er es nicht getan. Sean Penn, immer gut für eine kleine Rebellion so zwischendurch, ließ die Fluppen stecken. Im letzten Jahr hatte Hollywoods talentiertester Berufs-Außenseiter für einen kleinen Eklat gesorgt, als er sich während der Pressekonferenz des Polit-Dramas "All The Kings Men" eine Zigarette ansteckte. Sah zwar echt lässig aus, kostete aber die Betreiber des Sutton Place Hotels 600 Dollar Strafe wegen des Verstoßes gegen den Smoke-Free Ontario Act, der das Quarzen in öffentlichen Gebäuden verbietet.

Nachdem die Festivalleitung den Zuschlag für Penns neue Regiearbeit "Into the Wild" bekommen hatte, ging parallel zur allgemeinen Freude das große Hosenflattern los. Auf dem Tisch lag ein Brief des Gesundheitsministeriums, das darin noch einmal bekräftigte, niemand, sei er noch so berühmt, dürfe an irgendeinem Ort des Festivals Dampf ablassen. Die Antwort folgte prompt und offiziell: Die Festivalleitung sei sich des Gesetzes bewusst und werde alles in seiner Macht stehende tun, um es einzuhalten. Verlautbart, getan: Erstaunt registrierten die Journalisten am Eingang zum Queen Victoria Ballroom A einen Polizisten, der, wie eine Sprecherin später erklärte, extra wegen des großen Andrangs abgestellt worden sei.

Relativ schnell verraucht waren die großen Erwartungen an Penns selbst adaptierte und inszenierte Verfilmung von Jon Krakauers Buch. "Into the Wild" ist eine Story, ganz nach seinem Gusto: Der Tatsachenbericht schildert die Erlebnisse Christopher McCandless, der kurz nach seinem College-Abschluss in den frühen Neunzigern sich jeglicher gesellschaftlichen Anpassung verweigert, auf nimmer Widersehen von zu Hause abhaut, und sich über Umwege in die Einsamkeit Alaska durchschlägt, um dort im Einklang mit der Natur sein Glück zu suchen.

Naive Anhalter-Romantik

Was er letztlich findet, ist zwei Jahre später den Tod, und den abenteuerlichen Weg dorthin komponiert Penn als Eloge auf die individuelle Freiheit, die zweieinhalb Stunden zwischen naiver Anhalter-Romantik, famosen Natur-Aufnahmen, schwer erträglichem Sozio-Philosophen-Kitsch und rührenden, zwischenmenschlichen Gefühlsmomenten changiert. Ein bisschen auf der Strecke bleibt dabei, was eigentlich die Faszination McCandless ausmachte, warum er die Menschen, die er auf seiner Reise traf, so tief beeindruckt hat. Das mag auch am Charisma-Defizit des Hauptdarstellers Emile Hirsch liegen, der in manchen Momenten eine verdächtige Ähnlichkeit mit der Teenager-Ausgabe seines Regisseurs aufweist.

Die Krankenschwester und die Russenmafia

Ein Penn-Bruder im nikotinabhängigen Geiste ist der ebenso einsilbige wie sinistre Russenmafia-Chauffeur Nikolai (Viggo Mortensen), dauerrauchende Schlüsselfigur in David Cronenbergs präzisem Mob-Thriller "Eastern Promises". Egal, ob er gerade eine Leiche entsorgt oder wieder den jähzornigen Filius vom Syndikats-Boss bändigen muss, stets wippt die Kippe im Mundwinkel, die er auch gerne mal auf der eigenen Zunge ausdrückt, wenn gerade kein Aschenbecher zur Hand ist. Sein Credo "Ich bin nur der Fahrer, ich fahre nach rechts, ich fahre nach links, ich fahre geradeaus. Mehr nicht" ist ergo eine grandiose Untertreibung. Knifflig wird's für den Clan, als die Krankenschwester Anna (Naomi Watts) im Restaurant von Nikolais Arbeitgeber auftaucht, in der Hand ein russisches Tagebuch aus dem Nachlass einer jungen Patientin, die bei der Geburt ihres Kindes gestorben ist. Der brisante Inhalt wird für alle Beteiligten Konsequenzen haben, mit einem ganz besonderen Twist - mehr sollte an dieser Stelle nicht verraten werden. Vielleicht noch, dass Cronenberg mit diesem Film nahtlos an die Brillanz des Vorgängers "A History of Violence" anknüpft und Mortensen in eine der denkwürdigsten Prügeleien der Kino-Historie schickt - splitterfasernackt.

Keira Knigthley in unstandesgemäßer Liebelei

Auf dem besten Weg in die Meisterklasse befindet sich auch der Londoner Kollege Joe Wright. Nach seinem fulminanten Erstling "Stolz und Vorurteil" präsentiert er eine weitere Literatur-Adaption: Ian McEwans "Abbitte". Erneut mit der durchaus reizenden, mimisch oft defizitären Keira Knightley. Sie spielt Cecilia, ein Mädchen aus gutem Hause, das im England der dreißiger Jahre klassenübergreifend mit dem Sohn (James McAvoy) der Hauswirtschafterin eine Affäre beginnt. Richtig verliebt in den Jungen ist indes Cecilias jüngere Schwester, die 13-jährige Briony, und wie Leute in diesem Alter so sind, reagiert sie entsprechend, als sie die beiden in flagranti erwischt: unberechenbar. Ein paar Abende später wird sie eine Lüge verbreiten, die alle in Unglück stürzt.

An diesem Film (Drehbuch: Christopher Hampton) stimmt alles, Schauspieler, Kamera, Plot-Konstruktion - und genau das ist das Problem: Hier hauen einige Herrschaften mächtig auf die Oscar-Putz. Exemplarisch dafür ist eine Szene von gefühlten 30 Minuten Länge, eine lange Kamerafahrt ohne Schnitt über den Strand von Dünkirchen, wo tausende Soldaten nach einer der schlimmsten Schlachten des Zweiten Weltkrieges ausharren. Das sieht alles sehr beeindruckend, aufwendig und so weiter und so weiter aus, ist aber inhaltlich weitgehend überflüssig. Egal, es gibt ja auch sympathische Angeber. Sein nächstes Projekt dürfte Wright wohl nach Hollywood führen.

Zu Fuß indes führte der Weg gestern Morgen zur ersten Pressevorführung um 8.45 Uhr. Grund: Die U-Bahn fährt sonntags erst am 9 Uhr. Zur Erinnerung: Wir befinden uns hier in der größten Stadt Kanadas mit rund 2,5 Millionen Einwohnern. Und geregnet hat es auch. Aber das ist eine andere Geschichte.


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