Toronto-Tagebuch Gehobene Durchschnittlichkeit ersetzt Mittelmaß

Auf der Jagd nach packenden Kino-Erlebnissen eilen die Kritiker von Premiere zu Premiere. Die Werke beim Filmfest in Toronto rangieren zwischen schlichtweg bewegend und bewegend schlicht. Während Claire Danes einen blassen Schimmer auf der Leinwand hinterlässt, überzeugt Kate Beckinsale bei ihrem Kampf für die Meinungsfreiheit.
Von Matthias Schmidt

Treffen sich zwei Filmkritiker auf der Straße. Sagt der eine stolz: "Ich hab schon 8". "Hah!", sagt der andere. "Und ich hab 14". Ein typischer Dialog hier beim Filmfestival in Toronto, zeichnet sich doch der leidenschaftliche Gast durch den unbedingten Willen aus, in möglichst kurzer Zeit möglichst viele neue Filme zu sichten. Wie viel er von dem jeweiligen Werk dann tatsächlich mitbekommt, ob man bei fünf Vorstellungen pro Tag überhaupt noch die Geduld und die Aufmerksamkeit hat, sich auf Inhalt, Handlungsbögen und Charaktere einzulassen, ist eine andere Frage. Die Gangplätze im Kinosaal sind nicht ohne Grund die beliebtesten während des Festivals - von dort aus kann man schnell weiter zum nächsten "screening". Also entschuldigt man sich kurz vor Beginn des Films schon mal im Voraus beim nebenan sitzenden Besucher "I might leave early".

Klingt einerseits hektisch und oberflächlich. Andererseits zeichnet sich die Faszination einer solchen Großveranstaltung gerade durch das Füllhorn an Premieren aus. Mag man den Humor der Teeniekomödie nicht, wechselt man eben nach einer halben Stunde in den Saal mit dem Kriegsfilm. Nervt dessen schmalzige Nebengeschichte, dann schauen wir doch mal, ob die Animation mit den discoverrückten Regenwürmern rockt. 249 Filme hat das TIFF - so die beliebte Kurzformel für das Toronto International Film Festival - dieses Jahr im Programm. Da muss doch irgendwas Packendes dabei sein.

Womit wir schon bei der nächsten Standardfrage unter Kritikerkollegen wären: "Und, hast du schon was richtig Gutes gesehen?" Nun überlegen. "Sagen wir mal so. Das Missratene ist vorerst verschwunden, das Mittelmaß weicht langsam einer angenehmen Durchschnittlichkeit mit Hang zu höheren Weihen und gehobener Unterhaltung." Schöner verschwafelt hätte das ein Politiker auch nicht sagen können, oder?

Nichts als die Oscar-verdächtige Wahrheit

Im - nach "Rachel Getting Married" - zweiten Höhepunkt der letzten Kinotage geht es tatsächlich um Politik und darum, wie viel Freiheit dem einzelnen Bürger in diesem um Selbsterhaltung ringenden Machtsystem noch gewährt werden darf und kann. Inspiriert von einem kürzlich in den USA für Aufregung sorgenden Fall, erzählt Regisseur Rod Lurie in "Nothing But The Truth" von einer standhaften Zeitungsreporterin (phänomenal gut: Kate Beckinsale), die einem außenpolitischen Skandal auf die Spur kommt. Nach einem Attentat auf den US-Präsidenten lässt dieser die vermeintlich Verantwortlichen in Venezuela bombardieren, obwohl eine integre CIA-Agentin keinerlei belastendes Material gefunden hat. Die Reporterin deckt die Identität der CIA-Frau auf, will aber ihren Informanten um keinen Preis verraten und macht sich damit unfreiwillig zum Staatsfeind. Es folgen Psychoterror, Schnellprozesse, Gefängnis.

An der schwergewichtigen und komplizierten Grundsatzdiskussion "Meinungsfreiheit wider nationale Sicherheit" hätte der Film leicht zusammenbrechen können, doch Lurie gelingen dank großartiger Schauspieler (neben Beckinsale noch Matt Dillon, Alan Alda und Vera Farmiga) und gewitzter Dialoge zwei Stunden schlaue und mitreißende Unterhaltung. Hat da jemand Oscar gerufen?

Von Nazi-Kämpfen und Schauspiel-Frischlingen

Der Rest ist rasch erzählt. "Miracle at St. Anna" ist ein teils bewegender, teils bewegend schlichter Film über schwarze Soldaten, die in der Toskana gegen die Nazis kämpfen. Regisseur Spike Lee braucht fast drei Stunden, um seine anti-rassistischen Überzeugungen auf die Leinwand zu bannen, scheut selbst vor übersinnlichem Kitsch nicht zurück und inszeniert teilweise so ungelenk, dass man ihn an die Filmhochschule zurückschicken möchte. Noch bizarrer: Die Besetzung der bösen deutschen Nazis. Alexandra Maria Lara als Propaganda-Blondine mag ja gerade noch durchgehen. Christian Berkel als deutscher Befehlshaber mit Charaktergesicht und einem Rest Menschlichkeit: Okay. Aber wenn dann Oliver Korittke als hungernder Frontkämpfer auftaucht, warten wir eigentlich nur noch auf Helge Schneider als Führer.

Auch an "Me And Orson Welles" von Richard Linklater hätte der Erschaffer von "Citizen Kane" wohl einiges auszusetzen. Die Geschichte über einen Schauspiel-Frischling (Zac Efron), der unversehens in die Proben und die Premiere eines Shakespeare-Stückes gerät, das der blutjunge Welles 1937 in New York auf die Beine stellt, hat durchaus intellektuellen Charme. Und der bislang unbekannte Schauspieler Christian McKay spielt den wortgewaltigen Regisseur kongenial und präzise. Doch daneben wirkt selbst die Figur der sonst so strahlenden Claire Danes als Welles' Affäre blass und unterentwickelt, wie insgesamt die gesamte Story-Konstruktion rund um Künstlertum, Selbstverwirklichung und die unendlichen Möglichkeiten des Erwachsenwerdens reichlich überladen daherkommt. Kino mit Anspruch fürs Bildungsbürgertum, das trotzdem seltsam unterkühlt bleibt. Ach ja: Und ich hab jetzt 10.

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