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Truman Capote: Dandy, Genie, Wrack

Er war klein, dicklich und blass und seiner Mutter peinlich. Was er für Zuneigung hielt, holte er sich später in der High Society. Ein Film zeichnet nun die schwerste Krise des literarischen Weltstars nach.

Von Hannes Ross

Auf der letzten Party seines Lebens steht er alleine am Rand. Sein Gesicht ist blass und konturlos. Das zu früh gealterte Gesicht eines Trinkers. Seine wässrigen Augen suchen Blickkontakt zu den anderen Gästen. Sie betteln um Aufmerksamkeit. Doch alles, was Truman Capote an diesem Abend zu Ehren Liza Minellis im Dezember 1983 bekommt, sind mitleidige Blicke. Niemand bleibt stehen, um ein paar Worte mit ihm zu wechseln.

Man braucht viel Fantasie, um sich vorstellen zu können, dass dieser Mann ein paar Jahre zuvor der scharfsinnigste Schriftsteller und amüsanteste Partykönig seiner Generation war. Als Truman Capote 1984, kurz vor seinem sechzigsten Geburtstag, an einer Überdosis Tabletten stirbt, ist er nur noch ein Pflegefall.

Gleich zwei Hollywoodfilme erinnern nun an das literarische Genie der 50er und 60er Jahre: "Capote", mit Philip Seymour Hoffman in der Titelrolle, ist für fünf Oscars nominiert. Im Oktober folgt "Infamous". Dazu erscheint ein neues Buch: "Sommerdiebe", der lang verschollene erste Roman, den der 19-Jährige mit Bleistift in vier Schulhefte gekritzelt hatte, dann aber wieder in der Schublade verschwinden ließ. Im vergangenen Jahr wurde das ebenso zärtliche wie elegante Debütwerk in Capotes Nachlass entdeckt und veröffentlicht.

Dass Truman Capote

so ganz anders war als die anderen, hatte sich früh gezeigt - zur Abscheu seiner Mutter. Lillie Mae ist 18 Jahre alt, als sie ihren Sohn Truman Streckfus Persons zur Welt bringt. Da ist Vater Arch, ein Scheckbetrüger, schon dabei, sich aus dem Staub zu machen. (Den Namen Capote übernimmt er später vom Stiefvater Joseph Garcia). Die Mutter schämt sich für ihren Sohn, der so weich ist, fast mädchenhaft in seinem Äußeren, dazu sehr sensibel, aber auch hysterisch. Immer wieder sperrt die Mutter ihren Sohn im Hotelzimmer ein, während sie sich amüsieren geht. Er schreit und hämmert gegen die Tür. "Irgendetwas ist da hängen geblieben", sagt Capote später. "Seitdem habe ich furchtbare Angst, verlassen zu werden."

Als ihn die Mutter zu einigen Tanten abschiebt, flüchtet sich der sechsjährige Truman in Fantasiewelten. Er schreibt Geschichten, Gedichte und Tagebuch. Seine Lehrer halten ihn für zurückgeblieben, weil er sich für nichts zu interessieren scheint - außer fürs Schreiben.

Durch das Schreiben will er sich von der Masse abheben, um dann - endlich - im Mittelpunkt zu stehen. Die Angst vor dem Verlassenwerden beflügelt diesen Ehrgeiz bis zum Größenwahn: Als er bei einem Intelligenztest überdurchschnittlich gut abschneidet, glaubt er, ein Genie zu sein. Zu Hause stellt er sich vor den Spiegel, bläst seine Backen auf und wiederholt: "Ich und Flaubert, ich und Proust, ich und Tschechow." Wenn er schon keine Liebe bekommt, dann will er wenigstens Ruhm und Anerkennung.

New York wird seine Bühne.

Die Stadt zieht in den 50er Jahren Künstler, Schauspieler und Schriftsteller aus der ganzen Welt an. Hier glitzern die Neonlichter am Broadway, und die Menschen hungern nach Unterhaltung und Stars.

"Erwarten Sie Kinderbesuch?", fragt der Butler die Gastgeber, als Truman Capote 1947 auf seiner ersten Party in New York auftaucht. Selbst im Smoking wirkt der 23-Jährige noch wie ein Bübchen. Ein Bübchen mit messerscharfem Verstand. Sobald er mit seiner Piepsstimme spricht und dazu wild mit den Armen in der Luft herumwirbelt, zieht er die Leute in seinen Bann. Ein Jahr später wird er für seinen ersten Roman "Andere Stimmen, andere Räume" als neues Wunderkind der amerikanischen Literatur gefeiert.

Capote versteht es, sich als Kunstwerk zu inszenieren. Er ist der erste Schriftsteller, der sich zur Marke macht. Für das Umschlagfoto seines Debütromans legt er sich auf eine Couch und schaut wolllüstig mit großen Augen über seine schmale Schulter. Mit seiner Homosexualität geht er so freimütig um, wie es vor ihm noch keine andere Berühmtheit gewagt hat: "Ich kann nicht verstehen, wie man mit einer Frau ins Bett gehen kann. Es ist langweilig, langweilig, langweilig."

Er prahlt lieber damit, wie er den Hollywood-Macho Errol Flynn für einen One-Night-Stand ins Bett bekam. Und wird so schnell zur Klatsch-Ikone in den Zeitungen und Fernsehtalkshows. Um so einen reißt sich die High Society. Capote geht mit Marilyn Monroe tanzen und tröstet Elizabeth Taylor, wenn sie in Liebeskummer versinkt. Er liebt die Frauen, ohne sie zu begehren, und sie scharen sich um ihn. "Meine Schwäne" nennt er sie liebevoll. Doch wenn ein paar Schlagzeilen für ihn herausspringen, giftet er auch. So über seinen Kollegen Jack Kerouac, den Erfolgsautor der Beatnik-Bibel "Unterwegs": "Das ist nicht Schreiben, das ist Tippen!" Sich selbst hält er dagegen für einzigartig: "Es hat bisher keinen wie mich gegeben, und es wird auch nach mir keinen wie mich geben."

Der Film "Capote" beobachtet den schreibenden Selbstdarsteller am Wendepunkt seiner Karriere: Er hat den Gipfel erklommen - und stürzt ab: in ein Netz aus Schuldgefühlen, Schreibblockade und Sucht. Der Grund ist die Entstehungsgeschichte seines größten Erfolgs, des 1966 veröffentlichten Romans "Kaltbültig". Diesen weltweiten Triumph - noch heute gehört das Buch auf jeden Englisch-Lehrplan - bezahlte er mit seinem Verstand und seiner Moral.

Der Wahnsinn begann mit einem Zeitungsartikel: Am 16. November 1959 meldet die "New York Times": "Reicher Farmer und drei Angehörige ermordet". Die Opfer waren mit einem Jagdgewehr erschossen worden. Das Verbrechen weckt Capotes Neugier und Ehrgeiz.

Sein bejubelter Roman "Frühstück bei Tiffany", der auch als Kinofilm mit Audrey Hepburn ein internationaler Kassenschlager wird, ist im Jahr zuvor erschienen. Aber es langweilt ihn, Geschichten zu erfinden. "Ich möchte, dass die Wahrheit die wirkliche Wahrheit ist, sodass ich sie nicht ändern kann", sagt er.

Doch die Arbeit an "Kaltblütig" wird zu einem Albtraum. Als die Mörder Perry Smith und Dick Hickock gefasst sind, besucht Capote sie im Todestrakt von Kansas. In langen Gesprächen dokumentiert er ihr Leben, jedem ihrer Gedanken spürt er nach, jeden biografischen Winkel leuchtet er aus. 8000 Seiten Interviews und Notizen hat er am Ende zusammen.

Perry Smith wird für Capote zu einem Spiegel: Auch Smith wollte Künstler werden, auch er litt unter einer lieblosen Mutter. Der Killer und sein Biograf werden Freunde - und das bringt Capote in eine moralische Zwickmühle. Er hat das Gefühl, seinen Seelenbruder auszubeuten - für einen Roman, der mit dem Tod des Freundes enden wird.

Fünf Jahre lang wird die Hinrichtung immer wieder aufgeschoben. Fünf Jahre, in denen Capote zwischen Euphorie und Depression schwankt. Er schluckt Valium und kippt Wodka in sich hinein.

Am 14. April 1965 wird das Urteil vollstreckt. Die Mörder bitten Truman Capote, dabei zu sein. Smith küsst ihn und verabschiedet sich: "Adios, Amigo!" Zwanzig Minuten baumeln die Mörder mit gebrochenem Genick am Galgen, bevor sie weggebracht werden. Capote bricht in Tränen aus. Es sind Tränen der Erleichterung. Und der Verzweiflung.

Seinen Roman kann er endlich beenden - doch er ist ausgebrannt. "Niemand wird je ermessen, was mich ,Kaltblütig" gekostet hat", sagt er später.

So hingebungsvoll, wie er sich als Gesamtkunstwerk aufgebaut hatte, so hingebungsvoll zerstört er sich nun. Er verbringt die Nächte im "Studio 54" mit Andy Warhol und lässt sich als Legende bestaunen. Eine Legende, die verblasst. Capote säuft und kokst, er ist fett und aufgedunsen. Immer wieder kündigt er seinen neuen Roman an, "Erhörte Gebete". Er giert nach wie vor nach Anerkennung, mit dem neuen Buch will er der amerikanische Marcel Proust werden.

Doch der ersehnte Aufstieg in die Riege der Klassiker gerät zum Fiasko. Im Oktober 1975 erscheint ein erstes Kapitel aus "Erhörte Gebete" in der Zeitschrift "Esquire". Verschwunden ist der zärtliche Zauber seiner Prosa, stattdessen herrschen kalter Zynismus und blinder Hass. Jacqueline Kennedy und ihre Schwester Lee verspottet er als "ein Paar westlicher Geisha-Girls", seinen Schriftsteller-Kollegen Tennessee Williams denunziert er als Stammkunden eines Callboy-Rings, und den Schauspieler Montgomery Clift, den er mal einen "guten Freund" genannt hat, als einen "Schwanzlutscher".

Als nun die Türen der High Society vor seiner Nase zugeschlagen werden, fragt er sich verzweifelt: "Haben diese Leute geglaubt, ich sei nur da, um sie zu amüsieren?" Niemand will mehr etwas mit dem "Monster" (Tennessee Williams) zu tun haben. Capote wird aus seinem Paradies geworfen, aus der Glamour-Welt der Schönen und Reichen, um deren Anerkennung er sein Leben lang gekämpft hatte.

Als er 1978 in einer Talkshow gefragt wird, wie er seine Zukunft sieht, antwortet er: "Ich werde mich früher oder später zufällig umbringen." Sechs Jahre darauf, am 25. August 1984, bewahrheitet sich die Prophezeiung. Truman Capote stirbt an einer Überdosis Tabletten.

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