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TV-Film: "Im Schatten der Macht"

Willy Brandts letzte Tage als Kanzler im TV. Ausgerechnet Willy Brandts Sohn Matthias spielte den Spion Günter Guillaume, dessen Entlarvung den Kanzler zum Rücktritt zwang.

Der Zweiteiler "Im Schatten der Macht", für die ARD das fiktionale TV-Ereignis im Jahre 2003, war ein ungewöhnlicher Film. Und das hat seinen Grund. Ausgerechnet Willy Brandts Sohn Matthias spielte in einer Hauptrolle den Kanzleramtsspion Günter Guillaume, dessen Entlarvung den Kanzler 1974 zum Rücktritt zwang. Und genau um diese letzten 14 Tage seiner Amtszeit ging es in dem Zweiteiler, in dem Michael Mendl den SPD-Politiker in einer Zeit spielte, als er im Ausland wegen seines Friedensnobelpreises (1971) noch hohes Ansehen genießt, im Inland bereits scharf kritisiert wird.

"Nicht jede große Figur der Geschichte eignet sich für die Verfilmung - aber manche eben sehr", sagte Jürgen Kellermeier, Programmdirektor des Norddeutschen Rundfunks (NDR), der den Film bei der Regina Ziegler Film in Berlin in Auftrag gab. "Wo die politische Biografie, und sei es nur in Ausschnitten, mit großen dramatischen Verwicklungen und Emotionen, mit Aufstieg und Fall, mit glanzvollen Siegen und schmerzhaften Niederlagen verbunden ist, da liegt die filmisch-fiktionale Aufbereitung nicht fern." Die ARD hätte sich für einen Film und nicht für eine Dokumentation entschieden, weil viele Vorgänge aus der Zeit gar nicht dokumentierbar gewesen seien, so zum Beispiel das entscheidende Gespräch zwischen Brandt und Herbert Wehner.

Brandts Sohn kämpfte um die Rolle

Die Affäre Guillaume gilt als einer der größten politischen Skandale der Bundesrepublik. "Politiker sind Persönlichkeiten, die man nicht vergessen kann", sagte Produzentin Ziegler. "Willy Brandt hat mich immer fasziniert." Matthias Brandt bekannte, dass er um die Rolle des DDR-Spions gekämpft hatte. Als damals Zwölfjähriger hätte er vor allem die private Seite rund um die Affäre erlebt. "Ich fand es interessant, dass man über Guillaume eigentlich nicht so viel weiß", sagte Brandt. "Mich hat die Doppelloyalität Guillaumes zu meinem Vater auf der einen und zur DDR auf der anderen Seite fasziniert."

Den Film hätte er auf Grund seiner persönlichen Verbindung mit der ganzen Geschichte mit gemischten Gefühlen gesehen. "Meine Erinnerungen sind atmosphärischer Natur. Gefühle von Dumpfheit und Beklemmung sind noch sehr lebendig in mir. Es war nicht unanstrengend, den Film zu sehen." Mit der Darstellung der Reaktion des privaten Umfelds sowie Willy Brandts eigener Gefühle auf den Skandal zeichnete Regisseur Oliver Storz ein differenziertes und authentisches Porträt des Politikers. "Der Film ist ein Versuch, Brandt als Menschen auch von innen zu zeigen und den Zuschauer unmittelbar in diesen Menschen mit hinein zu nehmen", sagte Storz.

Privates und Politisches vor dem Rücktritt

Neben der privaten Sphäre verstand es Storz, das enge politische Umfeld Brandts wiederzugeben. Nach eigenen Worten zeichnete er eine Möglichkeit nach, wie Herbert Wehner (Jürgen Hentsch), Egon Bahr (Rudolf Kowalski), Walter Scheel (Felix von Manteuffel) und der damalige Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher (Dieter Pfaff) im Hintergrund auf die Entscheidung zum Rücktritt eingewirkt haben könnten. Neben dem politischen Skandal spielten auch Frauen-Geschichten eine Rolle im Leben Brandts. So wurde im Film erzählt, wie eine schwedische Journalistin in Brandts Kanzler-Waggon zwischen Göttingen und Hannover nachts eingeschleust wird - von Guillaume. Rut Brandt (gespielt von Barbara Rudnik) konnte da offenbar wenig ausrichten.

Auch ARD-Programmdirektor Günter Struve verknüpfte mit den Ereignissen vor fast 30 Jahren seine speziellen persönlichen Erinnerungen. "Unter der Affäre Guillaume hat Brandt zwei, drei Jahre gelitten, dann hat er aber seine Karriere auf andere Art fortgesetzt", sagte Struve, der früher auch dreieinhalb Jahre lang als Redenschreiber für Brandt gearbeitet hatte. "Danach war ich selbst mit 28 Jahren so leer, dass ich bei der Müllabfuhr hätte anfangen können."

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