Brandt & Guillaume Ihr Schatten fiel auf die Söhne


1974 stürzte der Kanzler Willy Brandt über Günter Guillaume, den DDR-Spion an seiner Seite. Ein Dokumentarfilm rollt die Affäre nun wieder auf - mit Hilfe der beiden Söhne Matthias Brandt und Pierre Boom.

Man hätte ein Dokudrama erwartet. Oder das, was neudeutsch unter "Infofiction" firmiert. Stattdessen hat Regisseurin Doris Metz einen reinen Interviewfilm gemacht. Ihre Zeitzeugen sind zugleich die Hauptdarsteller: Matthias Brandt, 44, Sohn von Willy Brandt und Pierre Boom, 48, Sohn von Günter Guillaume.

Brandt war zwölf und Boom 17 Jahre alt, als Günter Guillaume enttarnt wurde, die Republik in eine Krise stürzte und Brandt zurücktrat. In sehr persönlichen, mitunter auch schwermütigen Einzelgesprächen rekapitulieren die Söhne ihre Erinnerungen. Die Interviews wurden teilweise an Originalschauplätzen geführt, in der Kanzlervilla am Venusberg und der ehemaligen Stasizentrale in Berlin.

Matthias Brandt etwa führt durch sein, mittlerweile leer stehendes, ehemaliges Zuhause; er zeigt Kinderverstecke und gibt im Garten die Anekdote zum Besten, wie sein Vater einst für die Öffentlichkeit Fahrradfahren musste und dabei übel auf die Nase fiel.

"Emotional behindert"

Das Kanzlerkind hat durch die Affäre zumindest materiell kaum Schaden erlitten: Er musste zwar aus der Kanzlervilla ausziehen, blieb aber in Bonn wohnen, machte Abitur und wurde Schauspieler. Entsprechend geübt parliert er über seinen Vater, den Kanzler, der zudem auch noch Friedensnobelpreisträger war.

So einen Vater hat nicht jeder, und im Fall von Willy Brandt scheint das auch nicht erstrebenswert zu sein. Das zumindest deutet Sohn Matthias an, der den charismatischen Politiker als "emotional behindert" erlebt hat, als einen Mann ohne Hobbys, umgeben von Sicherheitsbeamten und "Arschkriechern". Brandt, so Brandt jr., zeigte wenig Interesse am Leben anderer, und erst am Sterbebett sind sich beide nahe gekommen.

Manches von dem, was Matthias Brandt über den Vater sagt, ist bekannt und amüsant, manches weniger. Die eigentliche Geschichte, die Spionageaffäre Guillaume, kommt bei ihm allerdings leider etwas kurz.

Erziehung zum SED-Jünger

Ganz anders Pierre Boom. Der damalige Gymnasiast erfährt die wahre Identität seines Vater Günter Guillaume erst nach der Enttarnung. Ein halbes Jahr bevor die Eltern in Westdeutschland ins Gefängnis müssen, siedelt Boom in die DDR über.

Dort wird er, als Sohn eines Helden, von der Stasi "betreut". 13 Jahre hält er es in Ostberlin aus, versucht sich mit dem Regime zu arrangieren, das ihm immerhin erlaubt, seine ihm fremden Eltern regelmäßig im Westen zu besuchen. Nachdem Mutter und Vater 1981 per Gefangenenaustausch in die DDR zurückkehren, will Günter Guillaume seinen Sohn zum strammen SED-Jünger - ohne Erfolg. 1985 stellt Pierre einen Ausreiseantrag, der ihn drei Jahre später wieder zurück in den Westen führt.

Beruf: Lügner

Immer wenn Pierre Boom - er arbeitet mittlerweile als Journalist und Fotograf - aus seinem Leben berichtet, wird "Schattenväter" interessant. Für ihn hatte die Spionage-Affäre tiefgreifendere Folgen als für Brandt. Zwar kann Boom seine Anekdoten nicht so launig erzählen, dafür aber liefert er Eindrücke aus einer - berufsmäßig - verlogenen Familie. Außerdem vermittelt er die Ansichten eines Menschen, der beide "Systeme", die BRD und die DDR, von Grund auf kennengelernt hat.

Schade, dass Regisseurin Metz Pierre Boom ihm nicht den ganzen Film gewidmet hat. Schade auch, dass sie dem Zuschauer nicht die Guillaume-Affäre in den Grundzügen erklärt. Wohl nicht jeder hat im Kinosessel 40 Jahre deutsch-deutsche Zeitgeschichte parat.

Drama vor Naturlandschaften

Aber natürlich will der Film nicht nur als ein zeithistorisches Stück verstanden werden - sondern auch auch als Psychogramm zweier vaterloser Kinder. Das Problem dieser Lebenslage wird dank der Protagonisten mehr als deutlich, der (Über-)Inszenierung hätte es ist nicht mehr bedurft: Die Musik von Klaus Stockhausen drückt die ohnehin schon trübe Stimmung künstlich nieder, und auch der Kameramann bleibt einmal zu oft an bedeutungschwangeren Landschaften haften.

Niels Kruse

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