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Tykwer trifft Tarantino: Das intime Gespräch der Top-Regisseure

Der Blick durchs Schlüsselloch: Für stern.de hat sich Deutschlands erfolgreichster Regisseur Tom Tykwer mit seinem Kumpel, Hollywoods genialstem Regisseur Quentin Tarantino, getroffen. Ein Gespräch über Stimulation und intime Details von den Dreharbeiten für "Inglourious Basterds".

Tom Tykwer: Quentin, was war das für ein Gefühl, als du deiner ganzen Crew und mir "Inglourious Basterds" zum ersten Mal gezeigt hast?

Quentin Tarantino:

Oh Mann, ich wusste ja, dass es intensiv sein wird, aber so? Wir haben während des Drehs jede Woche solche Filmvorführungen mit der Crew gemacht: "Das dreckige Dutzend", "The Good, the Bad and the Ugly" und viele andere wurden dabei gezeigt. Ich habe diese Filme immer eingeführt mit einer Mischung aus Stand-Up Comedy und Analyse. Aber diesmal war es natürlich etwas anderes, es war unser Film. Und plötzlich stehst du da und siehst jedes Gesicht nochmal, jeden, mit dem du die vielen Monate gearbeitet hast. Das gibt der Sache eine ganz andere Note.

Tom Tykwer: Ich weiß, ich habe dich beobachtet, es ist für uns Filmemacher immer dasselbe in so einem Moment, dieser unbeschreibliche Berg aus Hoffnung, Leidenschaft und auch Angst, wenn man seinen eigenen Film zum ersten Mal loslässt. Wir machen das, was wir immer machen: Wir werfen unsere Wünsche und Sehnsüchte auf ein Publikum - und wenn es diejenigen sind, die den Film faktisch geschaffen haben, wird uns bewusst, wie sehr das Werk von ihnen durchdrungen ist. Wir Filmemacher "machen" im konkreten Sinne nichts, wir gehen nur zu anderen Menschen und sagen: "Kannst du dies und das machen, kannst du es auf diese oder andere Weise machen, kannst du es schnell machen" - wir sind die mit der Wunschliste. Wir tun wenig, aber wünschen viel.

Quentin Tarantino:

Das ist ein interessanter Aspekt, den ich auch erst lernen musste, als ich anfing, Filme zu machen. Vorher dachte ich, mein Gott, ich muss alles über das Licht wissen, wie man es setzt und wie nicht und so weiter. Ich war damals 24 und dachte, wie soll ich das alles wissen, diese Lampe, der Scheinwerfer, wie soll ich bloß Regie führen. Und weißt du, was passiert ist? Ich habe beim Drehen gelernt, ich habe die Lampe und den Scheinwerfer angeschaut, habe mir gemerkt welche Effekte wie entstehen und - uups - habe es gespeichert. Das Wichtigste ist, sich zu erinnern, wie man es schon mal gemacht hat. Egal, ob du schreibst, ob du filmst oder den Film schneidest, es wiederholt sich alles. Das fertige Drehbuch ist der erste Schnitt des Films, und der letzte Schnitt des Films ist der erste Entwurf des Drehbuches.

Tom Tykwer:

Ja, gut gesagt.

Quentin Tarantino:Ja, aber es geht noch weiter. Wenn wir einen Film drehen, müssen wir nicht wissen, wie man eine Kulisse baut. Was wir können müssen, ist genau die besten, die wirklich besten Leute zu finden, die das machen. Für die muss man seine Vorstellungen genau formulieren, so dass es umsetzbar wird. Und wenn das gelingt, habe ich auf einmal alle Schlüssel für einen Film in der Hand.

Tom Tykwer:

Lass uns über "Inglourious Basterds" sprechen. Es ist ein mächtiges, überwältigendes und zugleich beklemmendes Kunstwerk.

Quentin Tarantino:

Das klingt wie ein Kompliment.

Tom Tykwer:

Für mich ist der Film voller Entdeckungen. Das hat mit dem Gedanken zu tun, dass nicht nur ein Film im Prozess seiner Entstehung immer wieder neu geschrieben wird, sondern auch die Arbeit eines Filmemachers sich über seine Filme hinweg immer wieder neu formuliert - wobei sich vieles wiederholt und dann wieder ganz anders, neu gestaltet wird. Ich glaube, in "Inglourious Basterds" ist jedes Element zu finden, dass dein Gesamtwerk bisher ausmacht - und darüber hinaus aber auch viele Elemente und Seiten von dir, die so noch nie sichtbar waren.

Quentin Tarantino: Ich erzähl' dir eine Geschichte. Du erinnerst die Szene mit Landa, also mit Christoph Waltz und dem Strudel [er trifft die Kinobesitzerin Shosanna]? Ich habe sehr lange an dieser Szene geschrieben - und nun ist sie völlig anders, als ich sie mir vorgestellt habe. Ich sage dir, warum. Mit Ausnahme der langen Anfangsszene hat keiner der anderen Schauspieler je mit Christoph vor dem Dreh geprobt, das haben wir so abgesprochen. Keiner der anderen Schauspieler wusste, was Christoph, also was Landa genau macht und wie er sprechen wird, wenn gedreht wurde. Aber nicht nur das, auch bei Leseproben vorher habe ich zu Christoph gesagt, lies' es nicht absichtlich schlecht - aber zeig ihnen noch nicht, was du wirklich daraus machen wirst.

Tom Tykwer:

Das ist interessant. Und hast du beim Drehen dann erst die Reaktionen der anderen gefilmt, wenn Landa anfing zu sprechen?

Quentin Tarantino:

Ja, oft haben wir es auch gleichzeitig gedreht. Geprobt habe ich mit Christoph, also ich habe dann immer die anderen gespielt. In der Strudelszene war ich dann das Mädchen Shosanna.

Tom Tykwer:

Es ist eine großartige Szene, Landa bestellt einen Strudel, und man glaubt, er wolle nicht den Kuchen, sondern eigentlich Shosanna verspeisen, mit der Schlagsahne, die er auch noch nachbestellt.

Quentin Tarantino:

Aber da kannst du sehen, was Christoph aus der Szene macht. So wie der "Schlaaagsaaaahne" sagt...

Tom Tykwer: Du kannst gar nicht wissen, was du mit diesem Ensemble für den deutschen Film geleistet hast. Du bringst Schauspieler aus völlig verschiedenen Kontexten und Kreisen zusammen, Schauspieler, die vorher nie gemeinsam einen Film betreten haben. Die deutsche Filmszene hast du jetzt schon verändert, weil du Schauspieler dazu bringst, völlig neues Terrain zu betreten. Hier weiß zum Beispiel jeder, dass Christoph Waltz ein toller Schauspieler ist, aber dennoch war er auf einen gewissen Typ in seinen Rollen festgeschrieben. Bei dir erkundet er neues Terrain, er stößt an neue Grenzen, die er dann schließlich auch völlig furchtlos überschreitet.

Quentin Tarantino:

Der einzige Unterschied, den ich noch hinzufügen möchte ist, dass Christoph, was ich gehört hatte, mehr ein TV-Schauspieler war, und deshalb nicht zuoberst auf der Liste stand. Beim Casting kamen zunächst lauter deutsche Entsprechungen zu Ben Kingsley herein, lasen für die Rolle, was sie auch gut machten. Sie nahmen das Drehbuch und improvisierten, spielten mit der Rolle herum. Aber Landa ist kein Typ, der improvisiert gespielt interessanter wird. Dann kam Christoph rein, ein Typ, von dem ich vorher noch nie etwas gehört hatte. Er kommt rein - und er ist es einfach. Traut sich alles, beherrscht den Text, transformiert ihn.

Tom Tykwer:

Die Besetzung deines Films mit all diesen Schauspielern war in Deutschland ein nicht ganz unspektakulärer Vorgang. Wie hat sich das denn eigentlich für dich angefühlt? Anders als sonst?

Quentin Tarantino:

Ich sage das jetzt nicht nur, weil das ein Gespräch für ein deutsches Magazin ist: Ich könnte nicht beeindruckter sein über die männlichen Schauspieler in diesem Land. Sogar bei denen, die ich nicht besetzt habe, habe ich die Treffen und das Lesen genossen. Ihr habt ein gigantisches Reservoir an Schauspieltalent, Kopf an Kopf mit England oder Australien. Die haben mich so inspiriert, dass ich sie am liebsten in meinem ständigen Ensemble behalten möchte. Ich würde wahnsinnig gerne wieder mit Sylvester Groth zusammenarbeiten. Oder mit Daniel Brühl und August Diehl. Sofort. Auch wenn ich noch nicht weiß, wie mein nächster Film aussehen wird. Sie hatten die professionelle Hingabe, die ich mir erhofft hatte, und die du in Amerika nicht immer bekommst.

Tom Tykwer: Waren die Deutschen nicht nervös wegen dir?

Quentin Tarantino:

Ich weiß es nicht - wenn, dann war das eine andere Art von Nervosität. Mit August Diehl gab es eine sehr lustige Situation. Da gab es einen betagten Schauspieler, der seinen Job bei diesem Film verloren hatte, und jeder dachte bei den Proben: "Scheiße, wenn sie den loswerden können, können sie auch mich loswerden." Wir probten also die Gasthaus-Szene, und August Diehl sagte zu Eli Roth: "Mann, wir sind jetzt so nervös. Wenn wir es verkacken, sind wir raus. Keiner ist entspannt, wir sitzen alle auf dem heißen Stuhl. Aber weißt du was? Ich liebe das, ich will die ganze Zeit auf dem heißen Stuhl sitzen." Großartig! Die ganze Anspannung war also eher ein selbstgebauter Stimulator.

Tom Tykwer:

Nehmen wir ihn als Beispiel. August agiert, wie viele andere der mittleren Rollen in deinem Film, mit großer Lust und Intensität. Er scheint fast so, als sei er in seinen bisherigen Filmen häufig unterfordert gewesen, als rufe man oft nicht all das von ihm ab, was er geben könnte. Hier habe ich den Eindruck, als sei der dadurch angestaute Druck wie ein Adrenalinschub in die Figur des Majors eingeschossen.

Quentin Tarantino:

Was Aussehen und Intimität betrifft, würde ich August mit Christopher Walken vergleichen. Ich habe mit beiden gearbeitet und würde sagen, das geht sogar weit über die äußerliche Ähnlichkeit hinaus. August hat unglaubliche Dialogmengen in meinem Film, er beherrschte und verstand seinen Text in einer Weise, die selten ist. Walken will immer mehr. Er sagt dir: "Gib mir einen fünfseitigen Dialog", und er wird am Drehtag absolut jede Silbe kennen und verinnerlicht haben. Darin sind die beiden sich sehr ähnlich.

Tom Tykwer:

Die Art und Weise, wie die Nazis in "Inglourious Basterds" porträtiert werden, ist ziemlich komplex. Als Zuschauer verliert man irgendwann beinahe den Überblick - wer sind "the Good, the Bad, the Ugly?"

Quentin Tarantino:

Ich glaube, jeder ist jeder. Das ist eines der Themen dieses Films. Das Setting ist wie bei den Spaghetti-Western, sehr lustig, aber auch sehr gewalttätig mit dunklem, kaltschnäuzigem Humor. Es ist großartig, den Basterds zuzuschauen, es ist cool. Du kannst das eine Weile auf diese Art sehen. Aber dann taucht dieser deutsche Sergeant auf, dem gleich der Schädel mit einem Baseballschläger zertrümmert wird, und er besteht den Heldentest unter Feuer. Sein Stolz, sein Ernst und seine Würde verwirren uns. Und du fängst an zu zweifeln.

Bearbeitung: Jochen Siemens, Matthias Schmidt