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Venedig-Resümee: Schwacher Gewinner, schwache Bilanz

Der britische Regisseur Mike Leigh hat beim Filmfestival in Venedig überraschend den Goldenen Löwen gewonnen. Doch was der krönenden Abschluss werden sollte, war eher eine peinliche Angelegenheit.

Matthias Schmidt

Die Schadenfreude war nicht zu überhören. Als der britische Regie-Veteran Mike Leigh im frisch renovierten Teatro la Fenice den Goldenen Löwen für den besten Film entgegennahm, dankte er außer den üblichen Verdächtigen auch den Filmfestspielen von Cannes. "Ich danke Cannes, dass sie diesen Film abgelehnt haben." Gelächter. Gut gegeben Mike.

Doch was der krönenden Abschluß des frisch renovierten Festivals werden sollte, war in Wirklichkeit eine eher peinliche Angelegenheit. Die Moderatorin, eine italienische Schauspielerin, war dermaßen nervös, dass sich bald unfreiwilliger Slapstick, Pannen und Versprecher häuften. Die desaströse Regie des übertragenden Fernsehsenders Rai Due tat da nur ein übriges. Bilder gelangweilter Gala-Gäste, falsche Einspieler und ein babylonisches Sprachenwirrwarr von Italienisch, Englisch, Französisch, Spanisch und sogar Chinesisch machten jeglichem Glamour den Garaus. Und wir dachten, so was setzen nur die Deutschen regelmäßig in den Sand...

Ein ziemlich kurzer Zauber

In dem Organisationschaos wurde sogar eine der Preisträgerinnen daran gehindert, die Bühne zu betreten und die Verleihung eines Silbernen Löwen fast vergessen. Lediglich das offenherzige rote Kleid von Scarlett Johansson, Mitglied der Jury, und eine Tanzeinlage des rüstigen Stanley Donen, der für sein Lebenswerk geehrte wurde ("Singin' In The Rain", "Charade"), sorgten für kurze Momente der Verzauberung.

Dass dann schließlich "Vera Drake" den Hauptpreis einsackte, passte irgendwie zu diesem mittelmäßigen zwölf Festivaltagen. Es ist einer dieser typischen Gut-gewollt-Filme, die man gerne in den Wettbewerb einlädt, besonders wenn der Regisseur als alter Hase gilt, Leigh ist Jahrgang 1943, und schon früher bewiesen hat, dass er sein Handwerk versteht ("Naked", Secrets and Lies"). Doch seine Geschichte einer Engelmacherin im London der 50er Jahre kommt so humorfrei, einfältig und altmodisch daher, dass es beinahe schon wieder rührend ist. Vera Drake versorgt ihre Familie, ihre kranken Nachbarn und weil sie ein Herz aus Gold hat, hilft sie verzweifelten Mädchen kostenlos beim Abtreiben. Was natürlich damals ein Verbrechen war. Der Rest des Films ist schnell erzählt: Drake wird entdeckt, verhaftet, kommt vor Gericht und wird eingesperrt. That's it.

Zwei Mal Abtreibung

Manche Kritiker reiben sich jetzt noch verwundert die Augen, was sie da gerade eigentlich über zwei Stunden lang gesehen haben. Ein Plädoyer für die Abtreibung? Ein Sittengemälde der 50er Jahre? Doch eher: ein Nichts von einem Film. Gut gespielt, zugegeben; die Hauptdarstellerin Imelda Staunton erhielt den Preis als beste Schauspielerin. Aber gerade für Leigh, bekannt für seine bissigen und sozialkritischen Beiträge aus dem Alltag der englischen Arbeiterklasse, gleicht das einer künstlerischen Kapitulation. Dagegen wirkte "Palindromes" des jungen Amerikaners Todd Solondz, in dem es ebenfalls um Abtreibung geht, wie ein Film aus einem anderen Jahrtausend.

"Es ist wundervoll, wenn in einer zynischen Zeit wie dieser ein extrem billiger, ernsthaft engagierter, unabhängiger europäischer Film wahrgenommen wird", schwärmte Leigh bei der Verleihung. Das klingt fast so gut, wie die Lobeshymnen, die der neue Venedig-Chef Marco Müller vor Beginn seiner ersten Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica verbreitete. Man wolle Cannes und Berlin die Stirn bieten, wieder die Nummer Eins werden, Talente entdecken. Die Rede war von der Wiederbelebung eines Mythos, das neue Venedig. Am Ende blieb Ernüchterung. Ernüchterung über ständige Verspätungen. Über falsche Untertitel und vertauschte Filmrollen. Über Filme, die zurecht nie eine Leinwand in Deutschland erblicken werden. Die Mostra dieses Jahr eher eine Mistra. Statt "Alles Müller, oder was" mehr "Alles Müller, lieber nicht".

Die Rettung kam aus Hollywood

Versöhnlich stimmte zumindest, dass der einzige herausragende Film des Wettbewerbs, "Binjip" des Koreaners Kim Ki-duk, wenigstens den Regiepreis erhielt. Und das sentimentale aber ergreifende Sterbehilfe-Drama "Mar Adentro" den großen Preis der Jury und mit Javier Bardem den Preis für den besten Schauspieler gewann. Was Müllers Einstand letztlich rettete, waren ausgerechnet die starken Hollywood-Produktionen, die außerhalb des Wettbewerbs Stars und Spektakel garantierten. "The Terminal" mit Tom Hanks, "The Manchurian Candidate" mit Denzel Washington und Meryl Streep, "Collateral" mit Tom Cruise und "Shark Tale" mit Robert De Niro, Will Smith und Angelina Jolie boten ausnahmslos Qualitätskino. Ansonsten benahm sich Venedig, das älteste Filmfestival der Welt, diesmal wie ein Anfänger. Und sah dabei verdammt alt aus. Schade, wir hatten uns so gefreut.