Venedig-Tagebuch Drei-Gänge-Menü plus Askese


Eigentlich sind Filmfestivals ja eine ziemlich unfaire Angelegenheit. Innerhalb weniger Tage stopft der wackere Journalist ungefähr gefühlte 50 Filme in sich hinein, bis sein Gehirn nur noch ein Kaleidoskop im Schleudergang zu sein scheint.
Von Bernd Teichmann

Eben noch pfiffen uns in Paul Verhoevens historischer Wuchtbrumme "Black Book" die Kugeln um die Ohren, da lassen wir uns schon mit erhöhter Pulsfrequenz und Trommelfellsausen durch ein thailändisches Zeitlupen-Drama treiben. Im wahren Leben hat der Zuschauer die Zeit und die Ruhe, sich auf das einzulassen, was da oben auf der Leinwand passiert. Und: Er kann sich vorher aussuchen, was er sehen möchte.

Wenn er Glück hat, war er für genau diesen Film in der richtigen Stimmung. Wie bei einem genussvollen Abend im Restaurant etwa mit Drei-Gänge-Menü plus erlesenen Getränken. Filme auf Festivals gucken hingegen bedeutet: Filetsteak, Hummersuppe, Chicken McNuggets, Dorade, Bratkartoffeln, Tiramisu, Cola, Champagner und Kaffee einwerfen - alles auf einmal in drei Minuten und ohne Magenbitter.

Nicht zu vernachlässigen: die Stimmung des Rezensenten

Für die Produzenten und Regisseure hängt das Wohlwollen von Kritik und Publikum für ihre präsentierten Werke also nicht selten von der Stimmung Letzterer ab. Morgens um halb neun oder nachts um elf kann ein thailändisches Zeitlupen-Drama durchaus den Charme einer chinesischen Wasserfolter entwickeln, während das Goutieren einer launigen Komödie eher schwerer fällt, wenn kurz zuvor beim Oliver-Stone-Interview das Aufnahmegerät nicht funktioniert hat.

Stimmungsunabhängig muss man feststellen, dass auch nach drei Festivaltagen kein Beitrag die fällige Erleuchtung gebracht hat. Mit großen Erwartungen ins Rennen um die Löwen gegangen ist Paul Verhoevens Widerstands-Epos "Black Book", das den "Basic-Instinct"-Regisseur nach sechsjähriger Schaffenspause und zwei Hollywood-Dekaden zurück nach Europa geführt hat.

Finanziert mit Geld aus der Heimat, Deutschland (wo ein Großteil gedreht wurde) und England, beleuchten Verhoeven und sein niederländischer Drehbuchautor Gerard Soeterman die nicht immer ruhmreiche Rolle der Resistance während der Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg. Im Mittelpunkt des Geschehens steht eine junge Jüdin (eine hinreißende Neuentdeckung: Carice van Houten), die sich nach der Ermordung ihrer Familie durch die Deutschen dem Widerstand anschließt. Als sie zufällig die Bekanntschaft des Gestapo-Offiziers Müntze (Sebastian Koch) macht, beschließt sie eine Affäre mit ihm einzugehen, um ihn auszuspionieren, gerät aber zwischen die Fronten, als die beiden sich ineinander verlieben.

Verhoeven bedient leider die akustische Brechstange

Verhoeven inszeniert diese Geschichte, auf die er bereits in den späten Siebzigern während der Recherchen zu seinem Kriegsfilm "Soldier of Orange" gestoßen war, als kraftvolles, üppiges Ausstattungs-Spektakel, das weitgehend auf Sentimentalitäten verzichtet, wohl aber genug Raum für leise Zwischentöne lässt.

Der gerade zum holländischen Auslands-Oscar-Kandidaten gekürte Film ist zwar kein Meisterwerk, aber ein packendes Stück Kino, bei dem lediglich ein ums andere Mal die wie eine akustische Brechstange auf viele Szenen einprügelnde Musik nervt.

Das kann man dem nach 63 Venedig-Ausgaben ersten thailändischen Vertreter indes überhaupt nicht vorwerfen. In "Sang Sattawat" ("Syndromes and a Century") geht's dagegen zu wie in einem buddhistischen Kloster. Gaanz laang blicken wir auf wogende Wiesen, eine Ärztin, die den Traumschilderungen eines kranken Mönches lauscht, oder einen Gitarristen, der auf einer Straßenbühne ein Lied zupft. Nach seinem quietschbunten "Tropical Malady", mit dem er 2004 in Cannes den Jury-Preis gewann, verabreicht uns Regisseur Apichatpong Weerasethakul nun die größte anzunehmende Askese.

Thailändischer Beitrag: Askese auf der Leinwand

So minimalistisch der Stil, so kryptisch der Plot, der sich zunächst auf besagte Ärztin konzentriert, die in einem Provinz-Krankenhaus arbeitet. Dann beginnt die Handlung plötzlich wieder von vorne, mit dem Doktor eines Großstadt-Hospitals im Mittelpunkt, wobei einige der Figuren aus dem ersten Teil, aber in anders variierten Sequenzen, ebenfalls wieder auftauchen. Das Presseheft klärt auf: Die beiden Hauptcharaktere dieses philosophisch-spirituellen Exkurses sind inspiriert von Weerasethakuls Eltern, bevor sie sich verliebt haben. Nun denn, Filmkunst kann, ja muss auch mal eine Herausforderung sein.

Wir wollen nicht unfair sein. Vielleicht war der Betrachter einfach nicht in der richtigen Stimmung, weil seine Pulsfrequenz noch erhöht war und ihm die Ohren dröhnten. Oder weil er seit acht Stunden nichts gegessen hatte. Oder weil er es sich nicht aussuchen konnte.


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