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Venedig-Tagebuch: Kennedy-Drama "Bobby" vorgestellt

Die Biennale zwischen verquastem estorischem Trash und großen Leinwand-Epen: Mit dem Kennedy-Drama "Bobby" ist Kino-Leichtgewicht Emilio Estevez ein großer Wurf gelungen mit Superstars wie Demi Moore und Martin Sheen.

Von Bernd Teichmann

Auch nicht unbedingt ein beneidenswerter Job: Festivaldirektor. Mit Politikern und Kultur-Funktionären herumschlagen, Sponsoren an Land ziehen und ständig der Prügelknabe sein, wenn irgend etwas schief läuft. Dass Mostra-Leiter Marko Müller 2007 im letzten seiner vier Vertragsjahre wohl schon wieder abdanken wird, ist irgendwie nachvollziehbar.

Ein schwieriges Unterfangen ist für so einen Mann auch das Zusammenstellen eines vernünftigen Programms, vor allem, wenn man weiß, dass im globalen Kalender über 120 Filmfestivals aufgeführt sind - in vier Wochen geht in Rom ein weiteres erstmals an den Start. Deshalb bevölkern nicht nur Journalisten und Produzenten die Festivalgelände in aller Herren Länder, sondern auch unzählige Festivaldirektoren und deren Scouts, immer auf der Suche nach interesantem Futter für ihre eigene Veranstaltung.

Die Trüffelsucher der großen drei Berlin, Cannes und Venedig sind da natürlich aufgrund des Renommés im Vorteil, wobei der verständliche Anspruch auf Exklusivität und First Look auch zum Problem werden kann, wenn der Filmjahrgang nicht so gut ausgefallen ist. Vergangenes Jahr war dieser hervorragend, und so liefen 2005 am Lido mit unter anderen "Brokeback Mountain" und "Good Night, And Good Luck" Produktionen, die später insgesamt 23 Oscar-Nominierungen vermeldeten.

Kennedy-Drama "Bobby" war noch nicht mal fertig

Auch zwölf Monate später schien zumindest auf dem Papier ein recht ordentliches Sortiment zusammengekommen zu sein. Erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg laufen sämtliche 21 Wettbewerbs-Beiträge als Weltpremieren, wovon einer, Emilio Estevez Kennedy-Drama "Bobby" sogar noch nicht ganz fertig war und mit einer Work in Progress-Kopie präsentiert wurde. "Das Risiko danebenzugreifen ist beträchtlich", sagt Müller, "denn alle Filme sind unbekannte Größen". Was den Schluss zulässt, dass nicht alle Filme auch wirklich vorher vollständig gesehen worden sind. "Wir sind instinktiv vorgegangen", so Müller weiter, "und haben einfach die ausgewählt, von denen wir dachten, sie seien die besten, die wir bekommen können." Davon ausgegangen, scheint dieser Jahrgang eher durchwachsen zu sein.

"The Fountain" ist verkitsche Meditation über ewige Jugend

Und zwar sehr durchwachsen. Anders ist es nicht zu erklären, warum ein Werk wie Darren Aronofskys "The Fountain" sich ins Rennen um die Goldenen Löwen verirrt hat. Der neue Wurf des gefeierten Regisseurs von "Pi" und "Requiem for a Dream" ist bislang der Tiefpunkt dieser Veranstaltung. Die verkitsche Meditation über die Sehnsucht nach ewiger Jugend und vollkommener Liebe scheitert noch nicht einmal grandios, weil Aronofsky bei allem psychedelischen Getöse scheinbar völlig vergessen hat, eine emotionale Fallhöhe zu schaffen. Seine Geschichte hat er auf drei Zeitebenen konstruiert, die er auf kaum nachvollziehbare Weise miteinander verzahnt. Da ist zum Ersten der Conquistador Tomas, der sich im Spanien des 16. Jahrhunderts auf die Quelle des ewigen Lebens begibt, um seine Königin vor einem finsteren Inquisitor zu retten. Da ist zum Zweiten der Wissenschaftler Tommy, der verzweifelt auf der Suche nach einem Mittel ist, das den Krebs im Körper seiner Frau Izzi stopt. Und da ist zum Dritten der Astronaut Tom, der im 26. Jahrhundert durchs All schwebt und alles versucht, um einen Weg zu finden, sich mit der Frau wiederzuvereinen, die er liebte.

Esoterisch verquaste Love Story

In den folgenden 96 Minuten muss sich das Darstellerpaar Rachel Weisz und Hugh Jackman durch eine esoterisch verquaste Love Story hangeln, der man den schlimmsten Vorwurf machen muss, den man einer Love Story nur machen kann. Sie ist einem völlig egal. Und wenn der glatzköpfige Hugh Jackman im Lotussitz durch den Orbit segelt, ist unfreiwilliges Gelächter genauso garantiert wie in der Szene, in der Tomas vom Saft des Lebensbaumes trinkt und ihm plötzlich kleine grüne Büsche aus dem Bauch wachsen. Ein echter Grüner.

"The Wicker Man" in Venedig ist wie Tokio Hotel beim Kammerkonzert

Dann doch lieber ehrliche Genre-Arbeit wie Neil LaButes "The Wicker Man", der zwar genauso viel im Wettbewerb zu suchen hat wie Tokio Hotel bei einem Kammerkonzert, aber egal. In dem Remake des englischen Kult-Gruslers aus den frühen Siebzigern gerät Polizist Edward Malus (Nicolas Cage) auf eine abgelegene Insel vor der nordwestlichen Ostküste, die von einer bizarren Öko-Kommune bewohnt wird, in der die Frauen das Sagen und die Männer nur zu befruchten haben. Auslöser für den Besuch war ein Brief seiner Ex-Verlobten, deren kleine Tochter verschwunden ist. Eine willkommene Gelegenheit der Trauma-Verarbeitung: Ein paar Wochen zuvor waren eine junge Mutter und ihre Tochter von einem Truck erfasst und getötet worden, nachdem Edward sie auf dem Highway angehalten hatte. Erwartungsgemäß verläuft das Ganze für den Cop, der eigenartigerweise ständig mit Anzug und Krawatte durchs Gehölz und über die Wiesen läuft, nicht so erfreulich wie geplant. Netter, kleiner Trash von jemandem, der als Autor und Regisseur von "In The Company of Men", "Nurse Betty" oder "The Shape of Things" eher auf fiese Sozialstudien abonniert ist.

Emilio Estevez' großer Wurf

Mit einer weitaus größeren Überraschung biegt indes Emilio Estevez um die Ecke, Sohn des Schauspielers Martin Sheen und mit leicht bekömmlicher Ware wie "The Breakfast Club", "Young Guns" oder "The Mighty Ducks" in den Credits nicht unbedingt ein filmhistorisches Schwergewicht. Umso respektabler, was er mit seinem selbst geschriebenen und inszenierten Drama "Bobby" geleistet hat. Sein Löwen-Kandidat beschwört noch einmal die Zeit der späten Sechziger herauf, als die Träume von einem besseren Amerika mit dem Vietnamkrieg, den Attentaten auf Martin Luther King und Robert F. Kennedy, sowie der späteren Wahl Richard Nixons zum Präsidenten endgültig ausgeträumt waren.

Superstars wie Demi Moore und Martin Sheen in "Bobby"

Estevez konzentriert sich in seinem Film auf einen Schauplatz und einen Tag: das Ambassador Hotel in Los Angeles, wo Bobby Kennedy in der Nacht zum 5. Juni erschossen worden ist. Mit einem erstaunlichen Darsteller-Ensemble, unter anderen Anthony Hopkins, William H. Macy, Sharon Stone, Demi Moore, Martin Sheen, Helen Hunt und Harry Belafonte, werden in Eposiden die Schicksale von 22 Menschen miteinander verknüpft, die dann am Abend bei der Feier von Kennedys Vorwahlensieg zusammenkommen und die schreckliche Tat miterleben müssen. Ein überaus gelungenes, mit zahlreichen historischen Aufnahmen unterfüttertes Stück Zeitgeschichte. Und jetzt sind wir mal gespannt, womit uns morgen David Lynch überraschen wird. Schlimmer als "The Fountai"“ kann es jedenfalls nicht werden. Rein instinktiv gesehen.