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Tommie Smith: "Schrei für die Freiheit"

Seine Black-Power-Faust, die er bei der Siegerehrung 1968 in die mexikanische Luft reckte, ist legendär. Im Gespräch mit stern.de erklärt der frühere amerikanische Sprinter Tommie Smith, warum er seine Geste nicht bereut hat, die Chinesen für ihre Freiheit kämpfen müssen und er Barack Obama großartig findet.

Mister Smith…

Nennen Sie mich Doktor.

Doktor Smith…

Oder Coach. Nennen Sie mich Coach.

Coach Smith, wo haben Sie die Olympischen Spiele verfolgt?

In Peking. Aber als Zuschauer, nicht als Demonstrant. Es wird nie einen Tommie Smith geben, der zu Olympia fährt und sagt: Hallo, ich bin Tommie Smith. Ich erkläre euch jetzt mal die Welt. Tommie Smith kritisiert Genozide, wo immer sie stattfinden, aber er hat keine politische Plattform mehr.

Unterstützten Sie den Boykottaufruf der Olympischen Spiele?

Mir ist bewusst, dass China ein Land ist, das individuelle Freiheiten nicht kennt. Eine Supermacht mit zweifelhaftem Einfluss in Darfur, Tibet. Aber ich habe den Protest den chinesischen Athleten überlassen. Wenn die eine Protestform gegen das eigene Regime gefunden hätten, gegen die Einschränkung ihrer Freiheit - gern. Aber als Ausländer? Nein.

Aber Sie haben damals, 1968, als Ausländer in Mexiko City protestiert, im wohl schillerndsten Protestakt der olympischen Geschichte.

Ich wollte gegen die Bedingungen in meinem eigenen Land protestieren, nicht gegen die in Mexico. Es ging nicht um die große Politik, um Mexiko gegen die USA oder USA gegen die Sowjetunion. Es war ein Schrei für Freiheit. Wir kämpften gegen die Ungleichheit im eigenen Land, gegen Rassismus und Unterdrückung. Ich war ein junger Kerl damals, erst 24. Ich war der Sohn eines Baumwollpflückers aus dem Süden, ging aufs College in San Jose in Kalifornien und war plötzlich mittendrin in dieser Zeit sozialer Unruhen. Martin Luther King wurde ermordet, auch Bobby Kennedy und schwarze Bürgerrechtler. Da gründeten wir das Olympic Project for Human Rights.

Einige der besten Sportler der damaligen Zeit waren darunter.

Die meisten von uns waren an der San Jose State University, dazu kamen Athleten aus anderen Teilen des Landes, Bob Beamon, Dick Fosbury, George Foreman. Die dachten, was sind das für dünne, langbeinige Kinder da an der Westküste, die vom Boykott reden? Die müssen verrückt sein. Jeder äußerte seine Meinung, dann stimmten wir ab und sprachen uns gegen den Boykott aus. Wir glaubten, es sei effektiver, am Wettkampf teilzunehmen und damit unsere Position zu stärken. Und viele hofften auf eine große Karriere - als Footballspieler oder an der Uni. Unser Anführer Harry Edwards erklärte dann: Okay, wir treten an, und jeder muss selber entscheiden, wie er auf Rassismus und Ungerechtigkeit aufmerksam macht.

Wann entschieden Sie sich zu jenem "Black Power Salute", der Sie zur Ikone machte?

Unmittelbar vor der Medaillenvergabe. Ich sagte zu dem Australier Peter Norman, der damals Silber gewann und zu Juan Carlos, dem Dritten, dass ich etwas plane. Dann bat ich meine Frau Denise um schwarze Lederhandschuhe. Handschuhe?, fragte sie. Wozu brauchst du in der Hitze Handschuhe?

Ihre eigene Frau ahnte nichts?

Keiner ahnte es. Ich habe überlegt: Soll ich beide Hände in die Luft strecken? Oder sie hinter dem Rücken verschränken? Oder vor der Brust kreuzen? Es sollte eine respektvolle Geste sein, aber gut sichtbar. Ich gab Juan Carlos den zweiten Handschuh. Die schwarzen Socken, die wir trugen, standen für Armut, meinen Kopf senkte ich als Symbol des Gebets. Die stärkste Geste, da war ich mir sicher, war die ausgestreckte, schwarze Hand. Ich bin 193 Meter groß und habe sehr lange Arme. Ich wollte nicht den Schwarzen abgeben, der brav lächelt, weil man ihm eine zusätzliche Kartoffel anbietet.

Waren Sie nicht nervös?

Ich sage Ihnen etwas: Selbst vor dem Rennen, in den Startlöchern, hatte ich Angst vor einem Attentat. Bobby Kennedy war gerade erst ermordet worden, kurz davor Martin Luther King, John F. Kennedy im Jahr 1963, es gab Aufstände von Studenten. Und da hatte ich nun die Welt als meine Plattform.

Und dann buhte diese Welt.

Ich dachte: Oh mein Gott. Oh nein, was habe ich getan?

Man nannte sie einen Anarchisten. Waren Sie sich der Folgen bewusst?

Ich hatte eine Ahnung, aber eben nur eine Ahnung. Ich dachte, die Menschen würden unterschiedlich reagieren, positiv wie negativ, hoffentlich mit viel Zuspruch. Aber als ich nach Hause kam, war keiner am Flughafen, nicht mal, um mich abzuholen und nach Hause zu fahren.

Aber Sie waren doch das Thema der Stunde.

Natürlich. Es lief im Fernsehen, dass ich Gold gewann. Es lief im Fernsehen, dass man uns aus dem Olympischen Dorf verbannte. Aber nichts passierte. Es gibt da diesen Song: "You are not supposed to be here."

Keine Willkommensfeier?

Hölle, nein.

Kein Zuspruch? Von anderen Schwarzen?

Nein.

Keine Jobangebote?

Wo denken Sie hin? Sie sind lustig. Mir wurde gekündigt. Ich wusch damals Autos in San Jose. Der Besitzer hörte, dass ich Teil dieser Gruppe war, Olympic Project for Human Rights. Er sagte, ich sollte meinen Mund besser nicht öffnen. Ich blieb jedoch in der Organisation, und als ich meinen Job wieder antreten wollte, hieß es, man habe keine Verwendung mehr.

Aber der Autohändler warb doch mit Ihnen.

Nur kurz. Er hatte ein Schild aufgestellt: "Treten Sie ein und treffen Sie Smith, unseren Goldmedaillengewinner." Wenn Kunden mich sehen wollten, rief er mich nach vorn. Ich zog mein Overall aus, unter dem ich Hemd und Krawatte trug und schüttelte Hände. Dann ging ich zurück und putzte wieder Autos.

Sie waren 24, und ihre Karriere war am Ende?

Tommie Smith brach 13 Weltrekorde, mehr als je ein Athlet zuvor. Und war noch nicht auf dem Zenit, den erreichst du als Sprinter etwa mit 27. Ich hatte alles noch vor mir. Aber keiner stellte mich wieder auf. Meine Karriere war zerstört. Es war niederschmetternd.

Wovon lebten sie?

Von Brosamen. Mein Sponsor Adidas ließ mich fallen. Puma sprang ein und gab mir 75 Dollar. Davon konnte ich wenigstens Milch für mein Kind kaufen.

Haben Sie je gedacht: Ich hätte es so wie George Foreman machen sollen. Der wickelte sich in Mexico nach seinem Goldmedaillengewinn in die amerikanische Flagge und wurde zum Nationalhelden.

Ja, das habe ich oft gehört: Guck dir George Foreman an, der hat Geld gemacht - du nicht. Aber George ist eine andere Sorte Mensch. Er glaubte, dass Amerika der Ausweg für ihn war. Er wollte als Schwarzer akzeptiert werden. Das wollte Tommie Smith auch, aber dieses Land missachtete meine Grundrechte. Ich habe die Flagge während der Medaillenvergabe nicht angeguckt. Nicht aus Mangel an Respekt, sondern weil das Beten mir wichtiger war.

Haben Sie Ihre Tat je bereut? Es folgten Todesdrohungen, man warf ihre Fensterscheiben ein.

Meine Ehe ging darüber kaputt. Und meine Mutter starb auf Grund all des Drucks. Menschen schickten ihr tote Ratten und Kuhmist mit der Post. Es war grausam, was ihr zustieß, aber ich habe meine Tat nie bereut. Und meine Mutter würde nie wollen, dass ich sie bereue. Ich stand auf für Gerechtigkeit, für die Demokratie. Tommie Smith hat sehr gelitten, aber heute kommen junge Leute auf mich zu und sagen: "Hey Bruder, das war gut, das hat uns stark gemacht." Dann bekomme ich eine Gänsehaut.

Hören Sie das auch von schwarzen Athleten?

Oh nein, die rennen weg. Die fliehen so schnell sie können. Die verstehen nicht, dass ich auf das große Geld verzichten konnte. Ich will ja gar nicht, dass sie sagen: Tommie hat gelitten, damit wir heute die Millionen schaufeln können. Aber sie zeigen nicht den Respekt, den ich zum Beispiel noch vor Jesse Owens hatte. Heute dreht sich alles um die Idealisierung unser Selbst. Als wären wir Götter. Athleten interessiert nicht mehr die Gemeinschaft, der Fortschritt, sie wollen gewinnen, um Geld einzusacken. Es geht nur noch um: mich, mich, mich. Einzig Magic Johnson zeigt so etwas wie Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft. Er will etwas zurückgeben.

Das wird man nicht gern hören unter ihren Kollegen.

Ich weiß, schon mein Name Tommie Smith verursacht Unwohlsein. Er hat einen bitteren Beigeschmack. Es ist nicht mehr so krass wie früher, aber immer noch zu spüren.

Aber ihre Geste ist doch längst ikonisch. Man findet sie auf T-Shirts, Postern, Demonstrationen.

Ich erzähle Ihnen was: Manchmal sehe ich Menschen, die Tommie Smith und die Faust auf dem T-Shirt tragen. Ich frage sie dann: Wer ist das denn? Das war der Black Panther-Kerl, der 1936 den Arm hochreckte, sagen sie. War das nicht 1968 in Mexico City?, frage ich sie. Das können sie nicht glauben. Wo ist er jetzt? frage ich sie. Wahrscheinlich tot, sagen sie. Da haben Sie’s.

Sind Sie verbittert?

Ach, nein. Es war eine großartige Erfahrung, ein Teil von etwas Großem zu sein, etwas zu verändern für die Nachwelt, das hat eine unheimliche Kraft.

Der nächste US-Präsident wird wahrscheinlich ein Schwarzer sein.

Ja, und ich glaube, dass ich einen kleinen Anteil daran habe. Er ist ein großartiger Kandidat. Und er ist schwarz. Darauf bin ich stolz. Nicht Weiße haben ihn dorthin gebracht, wo er heute ist, die Schwarzen haben es geschafft. Wir haben ihm den Weg geebnet. Ich glaube, dass auch Barack Obamas umstrittener Pastor Wright einen Anteil hat - Black Power in schwarzen Kirchen. Das geht zurück bis in die Zeit der Sklaverei. Da entstand Black Power, weil wir unterdrückt wurden. Die Weißen kriegen jetzt mal mit, was unsere Themen sind. Es ist ein "Rolling Stone". Es war mal ein kleiner Schneeball, jetzt sind wir eine riesige Lawine mit einer nicht zu stoppenden Geschwindigkeit.

Das wird man nicht überall gern hören. Obamas Team ist sehr darauf bedacht, weiße Wähler nicht zu verschrecken.

Leute haben immer noch Angst vor Tommie Smith. Vor allem Weiße. Tommie Smith darf über Sport reden, über schnelles Laufen, über Baumwollpflücken, Kühe melken, das ist okay, aber wenn ich anfange, über Politik zu reden, wenden sie sich ab. Ich aber habe an der Uni gelehrt, ich habe meinen Doktortitel.

Sie gelten als einer der größten Sprinter aller Zeiten. Bekannt sind Sie aber nur für die schwarze Faust. Trifft sie das?

Nein, es bestätigt nur meine Sicht der menschlichen Ignoranz. Sie sind nicht dumm, sie haben sich aber entschieden, nur das wahrzunehmen, was sie wollen.

Letzte Frage: Wo ist der schwarze Lederhandschuh?

Ich habe ihn nie mehr gefunden.

Habe Sie überall gesucht?

Die Wahrheit ist: Ich habe Angst ihn zu finden. Ich schaue mir auch die Statue nicht an, die man von mir auf dem Uni-Campus in San Jose aufgestellt hat, sieben Meter hoch. Es macht mich traurig, diesen Mann zu sehen. Der kam zurück und konnte seine Familie nicht ernähren. Es erinnert mich an die Trauer, die ich in mir trug, an den Rassismus. Nein, ich werde nicht nach dem Handschuh suchen.

Interview: Jan-Christoph Wiechmann

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