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Zeichen gegen Diskriminierung Zum Niederknien: Endlich wird die DFB-Elf mal politisch

Ein blonder Fußballer im schwarzen Dress des DFB-Teams kniet mit links auf dem Rasen
Genau wie Timo Werner (r.) knieten beide Teams vor dem EM-Spiel, um ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen
© Frank Augstein/Pool / Getty Images
Die deutsche Nationalmannschaft hat verstanden, dass sie auch außerhalb des Rasens Verantwortung übernehmen muss. Vor dem heutigen Achtelfinale gegen England protestierte sie gegen Rassismus.
Der deutschen Nationalmannschaft ist viel vorgeworfen worden in den vergangenen Jahren. Oft zurecht. Sie sei unnahbar, ein abstraktes Konstrukt, nicht greifbar für ihre Fans, ein Marketingprodukt des DFB-Managers Oliver Bierhoff. Eine leere Hülle bloß.
Und nun, die Fußball-Europameisterschaft 2021 hat gerade ihre Vorrunde beendet, da wirkt diese Mannschaft wie ausgewechselt. Sie will den EM-Titel gewinnen, klar, sie weitet den Blick aber über rein sportliche Ziele. Sie mischt sich ein in große gesellschaftliche Debatten. Seit dem ersten Gruppenspiel gegen Frankreich trägt der Torwart Manuel Neuer eine Kapitänsbinde in Regenbogenfarben, ein Symbol für Toleranz und gegen die Ausgrenzung von Homo- und Transsexuellen.
Heute Abend, vor dem Achtelfinalspiel im Wembley-Stadion, hat es die DFB-Elf der englischen Mannschaft gleichgetan und kniete nieder. Eine Geste, die man aus der Premiere League kennt, ein Zeichen gegen Rassismus und Polizeigewalt gegen Schwarze. Der Kniefall geht auf den amerikanischen Football-Spieler Colin Kaepernick zurück, der 2016 erklärte: "Ich werde nicht aufstehen und Stolz für eine Fahne demonstrieren, die für ein Land steht, das Schwarze und andere ethnische Minderheiten unterdrückt."

EM so politisch wie lange kein Sport-Event mehr

So politisch wie diese Fußball-Europameisterschaft ist schon lange keine Sportveranstaltung mehr gewesen. Man muss lange zurückgehen in der Geschichte des Sports, um Vergleichbares zu finden. Bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko reckten die beiden amerikanischen Läufer Tommie Smith und John Carlos die Faust in den Himmel während der Siegerehrung. Sie trugen schwarze Handschuhe und wollten damit gegen die Rassendiskriminierung in den USA protestieren. Smith und Carlos wurden umgehend suspendiert; sie mussten Mexiko verlassen und wurden für Wettkämpfe gesperrt.
Heute ist die Anti-Rassismus-Bewegung so groß und kraftvoll, dass sie nicht zu stoppen ist, von niemandem. Ähnliches gilt für die Regenbogen-Bewegung – und doch benötigen solche Initiativen die Unterstützung von prominenten Sportlern. Sie tragen brisante Themen in die Stadien und in die Wohnzimmer der Fernsehzuschauer. Gerade in Fußball-Arenen herrscht mitunter noch ein irritierender Konservatismus vor. "Schwul" ist hier ein Schimpfwort, ein Schwuler gilt als Weichling, als jemand der in der Schlacht auf dem Spielfeld nicht zu gebrauchen ist.
Wenn nun Manuel Neuer, Weltmeister und vielfacher Welttorhüter, wahrlich kein Schwächling, sich mit der Regenbogen-Bewegung solidarisiert, ist das ein starkes Signal. Eines, das jeder Fan versteht, mag er auch noch so ein steinzeitliches Geschlechterbild pflegen.

Spielergeneration, die nicht nur für sich selbst eintritt

Regenbogenbinde und Kniefall wurden der Nationalmannschaft nicht von einer PR-Agentur angeraten; die Initiative kommt aus dem Team selbst. Kapitän Manuel Neuer hatte den Kniefall am Abend vor dem England-Spiel angekündigt, in einigen schlichten, unpathetischen Sätzen. Von wohlfeilem Gerede keine Spur.
Es wächst derzeit beim DFB eine Generation von Spielern heran, die nicht nur für sich selbst eintritt, sondern für große, universelle Werte. Eine Generation, die verstanden hat, dass die Welt auf sie schaut – und dass sie Verantwortung übernehmen muss außerhalb der Rasenplätze.
Egal, wie das Achtelfinalspiel der Deutschen heute Abend ausgehen wird gegen England: Die Mannschaft ist schon jetzt ein Gewinner dieser Europameisterschaft. 

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