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Will Smith: Versagen kommt nicht infrage

Allein seine letzten fünf Filme spielten weltweit rund 1,8 Milliarden Dollar ein. Aber Will Smith ist viel zu ehrgeizig, um nur einer der erfolgreichsten Schauspieler dieses Planeten zu sein. Mit dem Aufsteigerdrama "Das Streben nach Glück" wollte er sich als reifer Künstler neu erfinden. Und hat auch damit Erfolg.

Von Susanne Weingarten

Wenn dir einer der größten Filmstars der Welt tief in die Augen schaut und anvertraut, dass er den künstlerischen Wert seines Werks für "knapp über dem Amateurniveau" hält, dann sagst du im Zweifel nur "Ach, wirklich?", weil dir vor Verblüffung partout nichts Geistreicheres einfallen will. Und denkst nur ganz, ganz kurz an die 20-Millionen-Dollar-Gagen, die diese Pein doch lindern sollten.

"Ja, wirklich", antwortet Will Smith so entwaffnend ernst und ehrlich, als hätte er dieses tragische Geheimnis überhaupt noch nie mit jemandem geteilt, nicht mal mit Gattin Jada und ihren Dobermännern, "und als Darsteller halte ich mich gerade mal für etwas besser als den Durchschnitt". Hm, da unterschätzt der Mann aber, wie viele wirklich schlechte Darsteller es auf diesem Planeten gibt.

Silberne Fäden im kurzgeschorenen Haar

Egal: Mit Will Smith' aktuellem Film "The Pursuit of Happyness" ("Das Streben nach Glück") soll das natürlich alles besser werden. Mehr Ausdruckskraft, mehr Tiefe, mehr Niveau, mehr Kunst - oder jedenfalls der Aufbruch in solch ungewohnte Gefilde. "Ich fange gerade erst an, meine Stimme als Künstler zu finden", sagt Will Smith demütig, "ich glaube, meine kreative Blütezeit beginnt jetzt ganz allmählich."

Er erinnert immer noch an den unbekümmert jungenhaften, Charme wie Kaufhaus-Eau-de-Toilette-Proben versprühenden Springinsfeld. Aber nun hat Will Smith unverkennbar silberne Fäden im kurzgeschorenen Haar, trägt dezent gedeckte Hosen, an deren Bügelfalten man Briefumschläge aufschlitzen könnte, und nimmt so kerzengerade auf der Couch in einem Fünf-Sterne-Hotelzimmer in Beverly Hills Platz, als hätte er gerade einen Bandscheibenvorfall auskuriert. "Dieses Knie fängt auch schon an, mit mir zu reden", sagt Smith irgendwann und schlägt sich auf den rechten Oberschenkel.

Reifer, anspruchsvoller, erwachsener

Er ist zu einem jener klassischen Hollywoodtermine angetreten, zu denen sich Stars mit Journalisten treffen, wenn sie die Welt wissen lassen wollen, was sie an ihrem aktuellen Leinwandwerk nun gerade so faaaa-bel-haft finden. Nur dass Will Smith mehr als einen neuen Film zu promoten hat - nämlich einen neuen Will Smith. Seine unverkennbare Botschaft: Ich bin ein anderer; reifer, anspruchsvoller, erwachsener.

Kommerziell hat der Ex-Rapper und TV-Star mit seinen gerade mal 38 Jahren nahezu alles erreicht, was man in Hollywood überhaupt erreichen kann. Zuletzt hat er eine Fünferreihe von Filmen hingelegt, die allein in den USA die 100-Millionen-Dollar-Einnahmengrenze weit hinter sich ließen, darunter "Men in Black II" (2002), "I, Robot" (2004) und "Hitch: Der Date Doktor" (2005).

"Bankability"

Als einer von ganz wenigen Hollywoodstars wirkt er genauso glaubwürdig in Actionreißern wie in Romanzen, und zu allem Überfluss besitzt der 1,88-Meter-Mann mit den vorwitzigen Henkelöhrchen auch noch eine internationale Zugkraft, über die in dieser Größenordnung allenfalls noch sein guter Freund Tom Cruise verfügt - und der vielleicht nicht mehr allzu lange.

"Bankability" nennt Hollywood voller Ehrfurcht die unerklärliche Fähigkeit eines echten Filmstars, sich in die Herzen und Geldbeutel der Zuschauer rund um den Erdball einzuschmeicheln. Denn wer diese Fähigkeit besitzt, ist die nahezu einzige verlässliche Bank im unberechenbaren Filmgewerbe und daher seine bizarr aufgeblähten A-Listen-Gagen jederzeit wert.

Vielleicht zurzeit der größte Hollywoodstar überhaupt?

Seit sich auch "The Pursuit of Happyness", trotz seines Namens alles andere als ein Happy-Will-Film, in den USA an seinem Startwochenende Mitte Dezember mit Einnahmen von 27 Millionen Dollar gleich an die Spitze der Kinocharts setzte, stellt sich gar die Frage, ob Willard Christopher Smith jun., 1968 geboren als Sohn einer bürgerlichen schwarzen Familie in Philadelphia, vielleicht zurzeit der größte Hollywoodstar überhaupt ist? Seiner "bankability" nach auf jeden Fall - und das ist ein Novum in der von offenem wie verdecktem Rassismus durchzogenen amerikanischen Filmgeschichte.

Für Will Smith jedenfalls ist mit dem Erfolg von "Happyness" die Taktik aufgegangen, sich auf der Leinwand als ernsthafter, erwachsener Künstler neu zu erfinden. Der Film erzählt, inspiriert von einem authentischen Fall, die Geschichte des Handelsvertreters Chris Gardner, der sich und seine Angehörigen Anfang der 80er Jahre in San Francisco gerade so eben mit dem Verkauf eines tragbaren Knochen-Scanners durchbringt, den kaum einer der Ärzte, bei denen er beharrlich lächelnd die Klinke putzt, braucht oder will.

Die Zufallsbegegnung mit einem Aktienhändler weckt in Chris den Traum einer neuen Karriere: Er bewirbt sich um einen Platz im unbezahlten Praktikantenprogramm eines der großen US-Finanzmaklerunternehmen. Doch seine Lebensgefährtin (Thandie Newton), erbittert über Chris' Tagträumerei angesichts ihrer wirtschaftlichen Not, verlässt ihn und den fünfjährigen Sohn (Jaden Smith). Als Chris endlich den Praktikumsplatz bekommt, fangen seine Schwierigkeiten gerade erst an.

Er wird wegen Zahlungsunfähigkeit aus seiner Wohnung geworfen und dann auch aus der Absteige, in der er sich mit seinem Sohn einquartiert hat. Bald reihen sich die beiden jeden Abend Hand in Hand in der Schlange vor einem Obdachlosenasyl ein. Wenn sie dort keinen Schlafplatz mehr abbekommen, verbringen sie die Nacht in U-Bahnen. In der schlimmsten aller Nächte hält Chris auf einem Bahnhofsklo den Kopf seines Jungen im Schoß und verdrückt eine einzelne, kostbar glitzernde Träne.

Doch während er nach Feierabend ins amerikanische Purgatorium (vulgo: Fegefeuer) hinabsteigt, zieht er tagsüber unter ahnungslosen, überwiegend weißen Konkurrenten sein Praktikum durch - nur dem Besten wird am Ende eine Stelle und damit die Aufstiegschance in die Welt der Vorstadtvillen, Golfclubs und Privatschulen angeboten, alle anderen gehen leer aus.

Vom Underdog zum Gewinner

Aus Chris Gardners Geschichte wäre, ganz logisch, kein Hollywoodfilm geworden, wenn er am Ende nur Zweitbester gewesen wäre. Der echte Chris Gardner ist heute 52 und ein millionenschwerer Unternehmer, der sich Penthäuser in Chicago und New York leistet. "The Pursuit of Happyness" zelebriert die klassische amerikanische "Du kannst alles schaffen, wenn du es nur willst"-Ideologie des individuellen Wegs vom Underdog zum Gewinner. Der Titel ist ein Zitat aus der Unabhängigkeitserklärung von 1776, die "Leben, Freiheit und das Streben nach Glück" als Grundrechte des Menschen benennt.

Wohlgemerkt: Nicht auf das Glück selbst hat der Mensch bei den amerikanischen Gründervätern ein Anrecht, sondern nur darauf, ihm nach Kräften nachzustellen. (Die falsche Orthografie übrigens - "Happyness" statt "Happiness" - übernimmt der Filmtitel von einem Graffito an der Mauer der ärmlichen Kindertagesstätte, in der Chris seinen Sohn untergebracht hat: Hier, so legt der Rechtschreibfehler nahe, wissen die Menschen nicht einmal, wie man Glück buchstabiert.)

Der liebevolle alleinerziehende Vater, der sich seinen amerikanischen Traum gegen alle Widerstände erkämpft, ist eine phänomenal dankbare Rolle - und wie gemacht für einen Star, der sich von seinem Image als unbekümmerter jugendlicher Dynamo befreien will, ehe er zu alt dafür wird. Will Smith füllt sie auch nicht schlechter aus, als andere das gekonnt hätten, und er macht zusätzliche Reifeprüfungspunkte dadurch, dass er seinen eigenen Sohn Jaden als Filmsprössling besetzt hat.

Ein Hauch von Erschöpfung und Traurigkeit

Sein Chris Gardner in "Happyness" hat den Charme, Mumm und Drive, den bislang alle Will-Smith-Figuren hatten, und der Film (Regie: Gabriele Muccino) lässt ihn das Glück ganz buchstäblich verfolgen, indem er ihn immer wieder atemlos durch die Straßen von San Francisco hetzt. Aber Chris umgibt auch ein Hauch von Erschöpfung und Traurigkeit. Man spürt die Kraft, die es ihn kostet, sich nach jeder Erniedrigung, jedem Rückschlag wieder aufzuraffen und nicht zu verzweifeln - und nur mit einem einzigen Fünf-Dollar-Schein in der Brieftasche den Part des erfolgsgewohnten Go-Getters durchzuhalten.

Für die "Golden Globes" ist Will Smith schon als bester Hauptdarsteller nominiert worden. Dass der glorifizierte Held seines Films ausgerechnet ein angehender Finanzhai ist, für den das Streben nach Glück aus dem Streben nach Geld besteht: Tja, das scheint weder für Smith noch für die amerikanischen Zuschauer ein Problem darzustellen. Smith bewundert Chris Gardner dafür, "was er alles ertragen hat, um einen vagen Traum von einem besseren Leben wahr werden zu lassen".

"Ich will Dinge geschehen lassen, die nach den gängigen Regeln eigentlich nicht geschehen können"

Und wenn er über Gardner redet, verrät sich plötzlich auch sein eigener, knallharter Ehrgeiz, der ihn - gut hinter seinem anscheinend so offenen Lachen versteckt - bis ganz nach oben in Hollywood getragen hat. Er ist für seinen eigenen Erfolg verantwortlich, er muss jeden Tag besser, tüchtiger und stärker werden, Versagen kommt nicht infrage. Wenn er anerkennen würde, dass es Rassismus in Hollywood gibt, dann spräche er diesem Rassismus eine Macht zu, die ihn lähmen würde. Also tut er einfach so, als gäbe es ihn gar nicht.

"Ich will Dinge geschehen lassen, die nach den gängigen Regeln eigentlich nicht geschehen können", sagt Will Smith, und diesmal wirkt sein Ernst nicht aufgesetzt. Und indem er es als Schwarzer zum derzeit größten Hollywoodstar gebracht hat, ist ihm das schon gelungen.

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