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Treffen mit Zach Braff Eine Tragikomödie namens Kickstarter


Unser Lieblingsnerd ist zurück: Zach Braff präsentiert "Wish I was here". Die Lust auf Crowdfunding ist dem "Garden State"-Star vergangen. Auch auf die sozialen Medien ist er nicht gut zu sprechen.
Von Sophie Albers Ben Chamo

Über den Dächern von Berlin, in einem dieser Hotels, die man als Berliner normalerweise niemals von innen sieht, die den Touris aber vorgaukeln "typisch Berlin" zu sein. Zach Braff ist nicht nur müde, sondern auch auf Antibiotikum. Wie erwartet in schluffigen Jeans und T-Shirt hängt er verschnupft auf einem Sitzelement und beschwert sich nicht. Er ist auf Promo- und Dankestour für seinen Kickstarter-finanzierten Film "Wish I was here". "Sie sind das letzte Interview dieser ganzen Veranstaltung", flüstert er und freut sich. Wie sehr, wird erst später klar.

Seitdem der "Scrubs"- und "Garden State"-Held vor eineinhalb Jahren eine Kickstarter-Kampagne für seinen neuen Film angeschoben hat, kassierte er Schelte. Er grabe kleinen Filmemachern das Geld ab. Als Hollywoodstar solle er seine Filme gefälligst selbst bezahlen. So und anders lauteten die Vorwürfe, die Braff mittlerweile nur noch ein bisschen leidenschaftslos aufklären mag: "Die waren sauer, dass es funktioniert hat. Der Hass kam von Leuten, die selbst schreiben. Immer wenn ich jemanden auf Twitter blocken musste, stand in der Selbstbeschreibung 'Autor' oder 'Blogger'", sagt Braff und schaut müde über den Zoo vor den riesigen Fenstern.

"Die waren der Meinung, dass mein Erfolg dem ihren schaden würde. Und daraus wurde, dass ich Kickstarter als solches schade. Dabei ist genau das Gegenteil passiert: Es gab einen Haloeffekt, das Leute wegen mir das erste Mal kamen, sich angemeldet und dann andere Projekte entdeckt haben, die sie interessierten. Diese Korrektur geht mit der Zeit aber verloren, was bleibt ist der Hass", sagt Braff und regt sich doch wieder etwas auf.

Nie wieder Kickstarter

Diese Finanzierungsart sei eine große Herausforderung für ihn gewesen, sagt Braff. "Ich dachte: Okay, ich bin der erste, der es auf diesem Level tut, dann erkläre ich jetzt mal, wie diese Finanzierung funktioniert, wie Crowdfunding funktioniert." Einmal und nie wieder, sagt er entschieden und ironisch zugleich. "Es war ein lustiges Experiment. Aber es hing immer dieser Schatten über dem ganzen Projekt. Das war kontraproduktiv: Wenn du Kunst machen willst, willst du nicht darüber reden, wie du die Kunst finanzierst." Die ganze Zeit habe er seine Integrität wahren müssen gegenüber den Leuten, "die das, was ich mache, mögen. 47.000 Leute haben Ja gesagt, haben mitgemacht, und das hätte es eigentlich sein sollen. Aber ich musste eineinhalb Jahre darüber reden. Was heute Abend ein Ende findet." Sagt es und lächelt dieses "Scrubs"-Lächeln, das viel spannender ist als der Zoo da draußen.

Zach-Braff-Kunst ist es trotz der Kontroverse geworden: In "Wish I were here" spielt Braff (mal wieder) einen erfolglosen Schauspieler, den äußere Umstände (mal wieder der Tod) auf die Reise zu sich selbst schicken. Diesmal ist der Fragebogen um Familie und Glauben erweitert. Kate Hudson spielt seine Frau, die ihren Job hasst, ihn aber ohne zu jammern macht, um die Familie zu ernähren und ihren Mann seinen Traum jagen zu lassen. Und dann sind da noch zwei zuweilen strengreligöse Kinder. Die Musik trifft wie immer jede Note auf dem Gefühlspiano (klar, sind die Shins dabei), auch wenn der Wumms vom Erstling "Garden State" fehlt. Was aber wohl auch daran liegt, dass man Braffs Stil nun eben kennt.

Braff nimmt ziemlich ruppig, aber nerdig charmant alltägliche Scheinheiligkeiten aufs Korn. Unter anderem unser Verhalten in den sozialen Medien. Sein Bruder im Film (Josh Gad) ist ein Internet-Troll, jemand, der vom Hass auf andere zu leben scheint. "Die sozialen Medien haben die Leute zynischer gemacht, fieser", sagt Braff.

"Der größte Scheiß, den ich je gehört haben"

Und was macht man seiner Meinung nach gegen Trolle? "Man muss es ja nicht lesen. Und vor allem nicht persönlich nehmen. Das sage ich auch meinen Filmschülern: Wir schaffen heute Kunst in einer Umgebung, die so hasserfüllt ist wie nie zuvor. Vor zehn Jahren kam ein Film raus, und eine Handvoll Kritiker hat gesagt, ob sie ihn mögen oder nicht. Heute will jeder einzelne Mensch, der irgendetwas konsumiert, seine Meinung loswerden." Das Thema macht ihm wirklich schlechte Laune. "Ein Beispiel: Ich habe mal einen Musiker gehört, der mir gefallen hat. Dann habe ich in die Kommentare geguckt. Im ersten stand: 'Fünf Sterne: mein neuer Lieblingssong.' Und im zweiten: '1 Stern, der größte Scheiß, den ich je gehört habe'. Ich habe einen Screenshot gemacht, den vergrößert und meinen Studenten gezeigt: Das ist die Umgebung, in der ihr Kunst schafft. Da sind Leute, die euch lieben und welche, die euch hassen. Aber das kann euch und eure Kunst nicht beeinflussen. Findet die Leute, die euch fünf Sterne geben. Wir haben heute die Technik dazu."

Er sieht noch ein bisschen erschöpfter aus als zu Beginn des Interviews. Aber dann reißt er sich ein letztes Mal zusammen, dieser Mann, den die Rolle des Losers zum Gewinner gemacht hat. Nach einer kurzen Denkpause sagt Braff: "Das Internet ist so brandneu, so frisch, die Leute müssen damit erstmal klarkommen. Keine Ahnung, was in zehn Jahren sein wird."


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