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Interview

Kabarettist Nico Semsrott: "Die AfD will eine Welt ohne Widersprüche. Dem widerspreche ich."

Was Jennifer Rostock machen, macht Nico Semsrott schon lange: sagen, wie schlimm alles ist. Vor allem die AfD. Im stern spricht der Hamburger Kabarettist über den Nutzen der AfD - und darüber, wieso man über die Partei lachen kann.

Nico Semsrott

Nico Semsrott plädiert für eine gesunde Portion Pessimismus

Die Band Jennifer Rostock wird aktuell gefeiert, weil sie so laut sagt, dass die AfD doof ist. Zeit, jemanden vorzustellen, der das zwar etwas leiser, aber dafür lustig gesagt hat. Nico Semsrott ist Kabarettist. Oder wie nennt man das, wenn man beruflich auf die Bühne geht und die Laune aller Menschen im Raum verschlechtert? Sein Programm heißt "Freude ist nur ein Mangel an Information" und das strahlt er auch aus in seinem schwarzen Kapuzenpullover. Nico Semsrott ist ein trauriger Komiker. Er steht immer im Regen - auch während dieses Interviews. Von da aus blickt er auf die Welt und die Gesellschaft und fragt sich, wie man darin wohl leben kann - und wie in aller Welt es soweit kommen konnte, dass Rassisten sich in Talkshows äußern dürfen und Menschen die AfD wählen.

Warum haben Sie die AfD in Ihr Comedy-Programm aufgenommen? 

Weil mich das Thema selbst sehr bewegt. Ich schwanke seit zwei Jahren immer zwischen "Wird schon nicht so schlimm werden" und "Oh mein Gott, wir werden alle sterben!" Zwischen diesen beiden Polen bewege ich mich ständig hin und her. Ich glaube aber, wir befinden uns aktuell in einer brenzligen Situation, was den Rechtspopulismus in Europa angeht. Und ich finde, da ist einfach eine gesunde Portion Pessimismus angebracht. Wir müssen denken: "Es wird alles ganz schlimm - wir müssen etwas tun!"

Das ist ja ein bewährtes Konzept: Immer mit dem Schlimmsten rechnen, damit man am Ende vielleicht positiv überrascht wird - oder zumindest auf die Katastrophe vorbereitet ist. 

Genau. Ich liege im Zweifelsfall lieber mit meinem Pessimismus falsch als mit meinem Optimismus. Wenn man sich die Ereignisse in Europa so ansieht, den Brexit beispielsweise, oder historisch die Stimmung vor dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, dann sieht man: Optimismus ist in der Krise das falsche Rezept. Wenn man davon ausgeht, dass es schon nicht so schlimm wird, dann tut man nichts und ebnet den Rechtspopulisten so nur weiter den Weg.

Inwiefern ist die AfD ein Thema, das für die Bühne geeignet ist?

Es ist eben ein Thema, das viele Menschen beschäftigt. Und für mich ist das ein Weltbildabgleich. Ich bin selbst verunsichert - das ist mein Motiv. Wenn ich mir die Aussagen der Rechtspopulisten so anhöre, frage ich mich immer: Nehme ich die Welt falsch wahr? Dann gucke ich mir Statistiken an und sehe: Nein, die anderen sind komisch, nicht ich. Die Fakten - zum Beispiel zur Kriminalität in Deutschland - belegen eben mein Gefühl. Es ist wichtig, sich zu vergewissern: Ich bin zwischen den ganzen Rechtspopulisten nicht der Einzige, der anders denkt. Das hat ja auch etwas Tröstendes. 

Ist die AfD denn ein dankbares Opfer, wenn man Menschen zum Lachen bringen will? 

Momentan ist eben einfach viel Druck auf dem Kessel in der Gesellschaft. Und es ist eben immer lustiger, sich über Menschen lustig zu machen, die anders denken als man selbst. Das ist dann abwechselnd ein Erleichterungs- und ein Erkenntnislachen.

Lachen ist aber eben nur eine von vielen Möglichkeiten, damit umzugehen - es darf aber nicht die einzige bleiben. Es ist aber perfekt als Lockerungsübung und für diesen Identifizierungs-Moment: "Oh, ich bin ja gar nicht der Einzige, der so denkt!" - was wichtig ist für die Motivation, sich weiter zu engagieren. Ich bin ja Anhänger des Positive-Negative-Thinkings: Aus einer negativen Weltsicht heraus etwas Positives wagen - und erst dann resignieren.

Ihre Nummer über die AfD ist ja schon älter - wieso, glauben Sie, wird der Clip dazu gerade jetzt so verbreitet? Auch der AfD-Song von Jennifer Rostock fand ja großen Zuspruch.  

Es gibt - entgegen der Behauptungen der Rechten - eine schweigende Mehrheit, die demokratisch und friedliebend orientiert ist und das Erstarken der Rechten völlig irritiert anguckt. Und es gibt gefühlt nicht genug Stellvertreter, die sich öffentlich äußern. Öffentlich hört und sieht man immer wieder die AfD-Politiker.

Finden Sie die AfD in den Medien überrepräsentiert? 

Na ja, momentan ist es so, dass irgendein AfD-Politiker etwas Rassistisches sagt und als Belohnung dafür in eine Talkshow eingeladen wird. Vor fünf Jahren war das noch nicht so. Wenn sich da ein NPD-Politiker rassistisch geäußert hat, hat man den nicht gleich auf ein Sonntagabendpodium erhoben.

Weshalb passen Politik und die AfD so gut in Ihr Satire-Programm? 

Weil es passt. Sowohl Satiriker als auch die AfD arbeiten mit Vereinfachung. Das Problem ist, dass die AfD im Zeitalter der Globalisierung ernsthaft an Vereinfachung glaubt: Die AfD will eine Welt ohne Widersprüche. Dem widerspreche ich.