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"Körperwelten" in Berlin: Ab heute ist Totentanz auf dem Alexanderplatz

Der Bezirk Berlin-Mitte wollte es verhindern. Trotzdem eröffnet nun das umstrittene "Menschen Museum" des Plastinators Gunther von Hagens. Ein Gruselkabinett mit tanzenden Leichen.

Von Anja Lösel

Die Leichen sind da. Mitten auf dem Alexanderplatz, direkt unter dem Fernsehturm haben sie sich breit gemacht, obwohl so viele Berliner genau das verhindern wollten. Weil die toten Körper nur "die Sensationslust befriedigen" und weil man "verstorbene Menschen nicht ausstellen sollte".

Aber Gunter von Hagens hat gesiegt. In knallrotem Samtjackett und mit schwarzem Hut steht der Plastinierer, Anatom und selbst ernannter Künstler nun in in seinem "Menschen Museum". Wenn er könnte, würde er triumphieren, lachen, vielleicht sogar ein paar Witze machen, so wie früher. Aber die tückische Parkinson-Krankheit hat ihn seit Jahren fest im Griff. Sein Gesicht ist starr, die Augen weit aufgerissen. "Die Gedanken fliegen mir weg, ehe ich sie festhalten kann", haucht er.

Wissenschaft mit Gänsehautfaktor

Macht jetzt nichts, die Ausstellung spricht für sich. Es ist eine krude Mischung aus Gruselkabinett und Wissenschaftswelt, aus Skandal und Sensation, garniert mit einer dicken Prise Esoterik. Zu allem Übel ist die gesamte Schau dominiert von diesem seltsamen Telecom-Pink, das sich Magenta nennt, und zu dem sich seit neuestem auch die FDP bekennt.

Und da sind schon, die beiden ersten Toten. Oder sollte man sie Präparate nennen? Mann und Frau, er auf Knien, sie schwebend über ihm, gestützt nur auf seine Hand. Rote Muskeln, starre Glasaugen. Er hält ihr einen Spiegel vor. Gunter von Hagens Frau Angelina Whalley hat sich die Inszenierung ausgedacht. Sie sieht die beiden Körper als Symbol für unser Leben mit all seiner Lust und Last, abwechselnd "in Balance und Extase".

So skurril geht es weiter: Ein Skateboarder zeigt uns, im Sprung erstarrt, seinen "Gluteus Maximus", den großen Gesäßmuskel. Ein einäugiges Skelett im Yogasitz präsentiert stolz seine Bänder. Eine tote Dame mit blonder Perücke wurde als "Engel" arrangiert, mit fleischig roten Rückenpartien, die hochgeklappt zu Flügeln umfunktioniert sind. Eine sinnlose Inszenierung, ganz ohne den immer wieder beschworenen wissenschaftlichen Mehrwert. Schaurig - und traurig.

Die eigenen Organe vor Augen

In Vitrinen liegen ein paar Einzelteile wie Leber, Bauchspeicheldrüse, Därme herum, auch Vagina und Penis, alles schön erklärt und mit Lehrreichem aufgemotzt. "Du bist, was du isst", steht da etwa in einer Abteilung, in der es um Diabetes und um Fettsucht geht. Zu sehen sind Fettleber, Schrumpfleber und, klar, auch eine fiese, schwarze Raucherlunge. "Neun Prozent unserer Besucher geben das Rauchen auf, wenn sie das hier gesehen haben", behauptet Angelina Whalley.

Sie und ihr Mann wollen mehr als nur ein paar Leute von der Zigarette wegbringen. "Die Ausstellung ist über unser Sein", erklärt Whalley pathetisch. "Zum Nachdenken anstoßen" will sie, die "verschiedenen Facetten des Menschseins" zeigen, "unseren Körper als Ort, in dem wir wohnen". Um Philosophie soll es gehen, um die großen Gedanken, Wünsche, Träume, Ideen. Alles erklärt an den Plastinaten, denn: "Glück ist eine Körperfunktion".

Am Ende sollen die Besucher auf einer magentafarbenen Strippenwand ein Zettelchen hinterlassen: "Glück ist...". Kleine Anleihe an Yoko Ono und ihre Wunschbäume. Wer da nicht zufrieden nach Hause geht, dem ist nicht mehr zu helfen.

Der Mehrwert des Todes

Unterstützer Franz Josef Wetz, bezeichnet sich als sich als Philosoph und Ethiker und als "Einmischer". Er ist wütend auf all die nachdenklichen und zweifelnden Menschen, die dieses Museum als "Leichenschau" und "Totentheater" sehen und es verhindern wollten. "Kulturpolitische Entmündigung" nennt er solche Kritik. "Die Ausstellung ist kein Friedhof, sie feiert nicht den Tod, sondern das Leben", sagt er. Man wolle hier doch nur "dem Tod einen exzellenten Mehrwert abringen."

Für 1,3 Millionen Euro haben Gunther von Hagens und sein Team die 1200 Quadratmeter Ausstellungsfläche im Sockel des Fernsehturms ausgebaut. Die Miete, die sie an eine luxemburgische Immobilienfirma zahlen, dürfte fett sein. Da muss es schon ordentlich brummen, damit die Unkosten wieder reinkommen. 600 Besucher täglich brauchen sie, damit das klappt, jeder von ihnen soll 14 Euro Eintritt bezahlen.

Manche werden vielleicht enttäuscht sein, denn es gibt weder einen Elefanten, noch einen Jesus am Kreuz oder ein kopulierendes Paar wie in früheren "Körperwelten"-Ausstellungen. An solche Aufreger wagte Gunther von Hagens sich in Berlin nicht heran. Schließlich will er die benachbarte Kirchengemeinde von Sankt Marien nicht unnötig ärgern. Die sagt ohnehin schon, er ginge würdelos mit den Toten um und lädt deshalb für Mittwochabend zu einem Trauermarsch ein. Auch der Bezirk Berlin-Mitte versuchte vergeblich, das "Menschen Museum" zu verhindern. Nun geht der Streit in die nächste Instanz vor das Oberverwaltungsgericht.

Den Körper der Wissenschaft spenden

Aber es gibt - kaum zu glauben - auch jede Menge Begeisterte. Schon 1500 Menschen haben sich plastinieren lassen, 12.500 Freiwillige stehen bei Gunther von Hagens auf der Liste. Sie wollen nach ihrem Tod präpariert werden - ganz oder scheibchenweise. Einer davon ist Detlef von Wengler. Stolz steht er zwischen den Plastinaten und freut sich, dass er irgendwann auch so aussehen wird. Warum macht er das? "Ist doch hübsch", meint er. "Ich sehe das als Kunst an. Außerdem will ich nicht von den Maden gefressen werden." Auf Dauer im Museum zu stehen, findet er "viel schöner, als verscharrt zu werden."

Und was ist, wenn Gunther von Hagens mal stirbt? Klar: Er wird seinen Körper dem Museum zur Verfügung stellen, samt dem Gehirnschrittmacher, den der Parkinsonkranke sich einpflanzen ließ. Als Plastinat will er dann die Besucher willkommen heißen. Und zwar mit Hut. Gruselige Vorstellung? Nicht für ihn.