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Debatte um "Körperwelten"-Ausstellung: Die Plastinate gehören in unsere Mitte!

Die "Körperwelten"-Show verhöhne die Wissenschaft, schrieb stern-Autorin Silke Müller. Das stimmt nicht: Die Ausstellung begeistert Menschen für Anatomie und macht Körper unvergänglich.

Ein Gastkommentar von Gunther von Hagens

"Niemand wird gezwungen, sich die Ausstellung anzusehen", sagt Gunther von Hagens

"Niemand wird gezwungen, sich die Ausstellung anzusehen", sagt Gunther von Hagens

Silke Müller geht in ihrem Kommentar hart mit mir ins Gericht. Sie wirft mir vor, ich würde die "Wissenschaft verhöhnen" und nur "die Sensationslust bedienen". Ich wiederum frage mich, wer denn eigentlich das Recht hat, den Menschen ihre Selbstbestimmung zu nehmen? Niemand wird gezwungen, sich die Ausstellung anzusehen!

Im Gegenteil: Wir wissen aus unseren Umfragen, dass ein Besuch in den bisherigen "Körperwelten"-Ausstellungen stets eine bewusste Entscheidung der Besucher war. Eine Entscheidung für diesen tiefen und einzigartigen Einblick in den menschlichen Körper. Eine Entscheidung aus Interesse an der Schöpfung und an der Natur, an den unglaublichen Geheimnissen des Körpers und an seinen faszinierenden Details.

Um diese Eindrücke zu erlangen, reicht es nicht aus, eindimensionale Zeichnungen schematisch dargestellter Körper zu betrachten. Das reizt nicht, das begeistert nicht, das ist nicht authentisch. Wirklich fassbar sind nur Körper, die auch gelebt haben, in lebensnahen Posen. Wer hat jemals einen Fötus im Mutterleib gesehen, wer hat jemals den Geschlechtsakt aus anatomischer Perspektive nachvollziehen können?

Das hat nichts Voyeuristisches, wie mir Silke Müller vorzuwerfen scheint, sondern bildet vielmehr die Realität des Lebens ab. Wir machen die Anatomie erlebbar und demokratisieren sie. Dass sich dagegen Widerstand aus dem Elfenbeinturm regt, ist nachvollziehbar. Ich plädiere nur für einen fairen Umgang miteinander.

Der Wunsch, mehr zu sein als eine wurmzerfressene Leiche

Ebenso mahne ich zu einem fairen Umgang mit den Körperspendern. Sie erklären sich bereit, ihren Körper der Wissenschaft für die Ausstellungen zu überlassen - und zwar freiwillig und ohne finanzielle Entschädigung. Die Motive kennen wir mittlerweile recht genau: Es ist die Freude daran, der Forschung und Wissenschaft zu dienen. Der Wunsch, mehr zu sein als eine wurmzerfressene Leiche oder ein Häufchen Asche.

Es stimmt: Wir machen den Körper unvergänglich - und viele Menschen reizt das. Was gibt es daran auszusetzen, sich aus altruistischen oder aus ganz persönlichen Gründen für eine Körperspende zu entscheiden? Fast 1.500 Verstorbene und 13.000 Lebende hatten und haben den Wunsch, sich einmal plastinieren zu lassen. Und es werden immer mehr. Wollen wir sie alle entmündigen?

Dass die Besucher der Ausstellung von dieser sogar profitieren, ist längst durch wissenschaftlich gestützte Umfragen belegt: Nach dem Besuch der Körperwelten rauchen die Besucher weniger, trinken zurückhaltender und treiben mehr Sport. Und alle, die es nicht interessiert, besuchen die Ausstellung nicht.

Wenn der Bezirk Mitte von Berlin das Menschen Museum nun verhindern will, ist das nicht nur ein tiefer - und unzulässiger - Einschnitt in die Wissenschaftsfreiheit. Nein, es ist auch eine vertane Chance, den Menschen das Wunder des Lebens näher zu bringen und damit den Respekt vor dem eigenen Körper und vor den Mitmenschen zu stärken. Die Körper gehören nicht abgeschoben an den Rand der Gesellschaft oder der Stadt, nur weil sie plastiniert wurden - sie gehören zu uns, in unsere Mitte!

Gunter von Hagens, geboren 1945, ist Wissenschaftler und Unternehmer. Er ist Erfinder der Plastination, also der dauerhaften Konservierung toter Körper. Seit 1996 zeigt von Hagens plastinierte Leichen in der Ausstellung "Körperwelten", die weltweit zwar über 33 Millionen Besucher anzog, aber auch scharf kritisiert wurde.

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