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"Monumenta": Sternenfall in der Stadt der Lichter

In Paris ist die Einzelschau des deutschen Künstlers Anselm Kiefer zu Ende gegangen. Der Titel "Sternenfall" hat nicht zuviel versprochen. Besonders, weil die Ausstellung oft bis Mitternacht geöffnet hatte.

Von Iris Hartl

Das Tageslicht ist gewichen. Über das riesige Glasdach hat sich die Nacht gelegt. Der über 13.000 Quadratmeter große Ausstellungsraum wirkt durch die plötzliche Dunkelheit noch eindrucksvoller. Wie eine unwirkliche, apokalyptische Traumwelt. Es ist die Welt des deutschen Künstlers Anselm Kiefer. Eine Welt aus Beton, Blei und Erde, wild auf dem Boden verstreut unter der 40 Meter hohen Glaskuppel des Grand Palais. Ruinen und ein Schiff ragen aus den Trümmern hervor. Drumherum stehen sieben würfelförmige Wellblechhäuser.

Fulminanter Auftakt der "Monumenta"-Reihe

Mit Kiefers Ausstellung startete am 31. Mai das Kunstprojekt "Monumenta", in dessen Rahmen von nun an jedes Jahr ein ausgewählter Künstler diesen spektakulären Bau bespielen darf. Eine große Ehre also für den Deutschen und ein fulminanter Auftakt für die Macher der "Monumenta". Denn das Grand Palais, das 1900 für die Weltausstellung gebaut wurde, ist wie geschaffen für den Kosmos des Künstlers. Das einstige Symbol des Fortschrittsglaubens wird unter Kiefers Hand zu einem Symbol für die menschliche Unzulänglichkeit. Die beiden Skulpturen "Sternenfall", nach der die Ausstellung benannt ist, und "Sonnenschiff" befinden sich daher nicht zufällig direkt unter der Kuppel, die für Kiefer das Firmament darstellt. Die Naturgewalt ist in die Landschaft eingeschlagen und hat Zerstörung hinterlassen.

Die ersten Ideen scheiterten an den Behörden

Die bis zu 14 Meter hohen Häuser hat der Künstler extra für seine Werke gebaut, damit sie richtig wirken können. Sie sind mit handschriftlichen Widmungen versehen. Da steht etwa "für Ingeborg Bachmann" oder "für Paul Celan", die mit ihrer Dichtung viel für die Verarbeitung des Drittes Reiches geleistet haben. Im Bachmann-Haus befindet sich ein einziges Bild. Darauf liegt der Künstler selbst als gezeichnete Figur am Fuß einer Pyramide. Über ihm baumelt ein goldenes Herz. Links oben stehen Bachmanns Gedichtzeilen: "Nebelland hab ich gesehen, Nebelherz hab ich gegessen." Die anderen Häuser beherbergen ein gewaltiges Milchstraßen-Gemälde, eine Bibliothek aus Glas und Blei oder einen Werkzyklus mit Schiffen. Im letzten Haus, genannt "Palmsonntag", liegt eine 18 Meter lange Dattelpalme samt Wurzel auf dem Boden.

Solche Häuser baut Kiefer auch in seinem 35 Hektar großen Atelier im südfranzösischen Barjac, wo er seit 1993 lebt. Seine Materialen und Objekte hortet er in unterirdischen Gängen, die er eigens dafür gegraben hat. Als er dasselbe auch im Grand Palais machen will, scheitert der eigenwillige Künstler allerdings an den Behörden.

"Ein Teil des Wahnsinns" des dritten Reiches

Seine Skulptur "Sternenfall" war ursprünglich eine 17 Meter hohe Turmruine. Kurz vor der Vernissage beschloss Kiefer, die oberen beiden Etagen einzureißen, da sie ihm zu überdimensional erschien. Jetzt liegen die demolierten Betonwände vor der restlichen Ruine. Im Schutt sind kleine Streifen verstreut, auf die Kiefer Zahlen geschrieben hat. Sie erinnern an die Nummern, die die Nazis den Insassen der Konzentrationslager in den Arm brannten. Auf seinen Bildern finden sich weitere Spuren der Judenvernichtung: Gleise, Haare und Asche. Ein wichtiges Symbol ist auch die Sonnenblume. Echte Exemplare kleben in Gips getaucht an manchen Gemälden oder ragen verbrannt aus den Ruinen heraus. Dies ist einerseits eine Anspielung auf den gelben Judenstern, aber andererseits die Übernahme eines Motivs van Goghs, das Lebensfreude symbolisiert.

Leben und Tod, Gut und Böse, Zerstörung und Wiederaufbau. Kiefer stellt sich diesen Gegensätzen, in denen die Menschheit verhaftet ist, und hat keine Angst vor den großen Fragen. Die über 80 gigantischen Ausstellungswerke zeugen von seiner tiefen Reflexion, die mit Ohnmacht und Resignation einhergeht. Mit krakeliger Handschrift hat er einige seiner Bilder versehen. "Lehre vom Krieg" steht da oder die Namen jüdischer Figuren wie Lilith. Auf anderen sind lateinische Bibelzitate zu lesen.

Kiefers Kunst ist sehr eng mit Deutschland verbunden. Dem Deutschland, in das er 1945 in Donaueschingen hineingeboren wurde und das ihn bis heute nicht losgelassen hat. Er selbst hat einmal gesagt: "Meine Biografie ist die Biografie Deutschlands". Und für ihn ist die deutsche Kultur nicht ohne die jüdische denkbar. Darum geht er mit seiner Kunst "einen Teil des Wahnsinns" des Dritten Reiches nach, wie er selbst erklärt. Nicht einfach, auch nicht für den Betrachter. In seine Werke hat Kiefer Codes eingebaut, die nur dechiffrieren kann, wer sich mit der Lehre der jüdischen Kabbala-Sekte auskennt, die den Künstler fasziniert.

Monumentalität als Illusion

Man braucht aber kein Kunstexperte zu sein, um von Kiefer angeregt zu werden. Die Persönlichkeit des Künstlers liegt wie eine unsichtbare Aura über dem Raum. Je mehr man sich den Bildern nähert, desto mehr wird man von ihnen absorbiert. Die französische Presse warf Kiefer daher Arroganz vor. Die Zeitung "Le monde" schrieb, die Schau erdrücke den Besucher. Die Wucht der Objekte kann tatsächlich einengen. Aber nur, wenn man es nicht erträgt, sich verloren und klein zu fühlen. Anselm Kiefers "Monumenta" ist also kein Größenwahn, sondern macht im Gegenteil klar, dass Monumentalität eine menschliche Illusion ist. Betonplatten könnten sich lösen, Glasscheiben herunterfallen, das Wellblech der Häuser oxidiert bereits.

Doch so wie in Kiefers Werk trotz aller Vergänglichkeit stets eine Spur des Vergangenen zurückbleibt, wird diese Schau auch nach ihrem Ende einen bleibenden Eindruck bei jedem der über 150.000 Besucher hinterlassen.