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5. Berlin Biennale: Sex mit der Berliner Mauer

Mit der Gründung der Berlin Biennale vor zehn Jahren brachte Klaus Biesenbach eine riesige Kunstwelle in Gang. Bei der diesjährigen Biennale haben die Kuratoren Adam Szymczyk aus Warschau und Elena Filipovic aus Los Angeles seine Rolle übernommen - und sich grenzenlos überschätzt.

Von Anja Lösel

Sie heißt Eija-Riitta Berliner-Mauer, ist 54 Jahre alt und seit 1979 verheiratet mit der Berliner Mauer. Ja, wirklich. Mit Trauungszeremonie und allem drum und dran. "Objektsexualität" nennt man das, wenn eine Sache zum Gegenstand der Liebe wird. So richtig, mit Herzklopfen und erotischen Gefühlen. Und mit einem tiefen Schock, als die Angetraute 1989 sterben musste. Der norwegische Künstler Lars Laumann hat Frau Berliner-Mauer im Internet entdeckt. Zuerst wollte nicht glauben, was er da auf ihrer Website sah. Aber dann besuchte er sie inmitten all ihrer gemalten, gestickten, fotografierten und gehäkelten Mauer-Bilder und widmete ihr einen zarten, schönen Film. Zu sehen ist der in einer Box auf dem ehemaligen Mauerstreifen - als herausragender und sehr ungewöhnlicher Teil der 5. Berlin Biennale für Zeitgenössische Kunst.

Was fehlt: Inspiration und ein roter Faden

Leider ist nur weniges in der Ausstellung so anrührend und sehenswert wie dieser Film. An vier Ausstellungsorten gibt es statt dessen: viel Sprödes und poltisch Korrektes. Zentrum der Schau sind die "Kunstwerke" in der Auguststraße, eine ehemalige Margarinefabrik. Dort steht grade mit wehmütiger Miene Klaus Biesenbach herum. Vor zehn Jahren hat er hier die Berlin Biennale gegründet. "Es war eigentlich nur eine Behauptung", sagt er. Er wollte zeigen, dass es diese "ungeheuer kritische Masse von Künstlern in Berlin" gibt. Und brachte damit eine riesige Kunstwelle in Gang. Jetzt arbeitet Biesenbach am MoMA in New York. Die beiden Kuratoren Adam Szymczyk aus Warschau und Elena Filipovic aus Los Angeles haben 2008 seine Rolle übernommen - und sich überhoben. Ihnen fehlen Inspiration und ein roter Faden.

Nett, aber belanglos

Warum etwa Ahmet Ögüt so viel Platz bekam für seine eher bescheidene Idee, ist kaum zu begreifen: Den schönsten und größten Raum der Kunstwerke durfte er mit Teer auslegen. Sonst nichts. Ziemlich viel Aufwand nur für die Mahnung, dass Asphalt Dörfer und Landschaften nicht verdrängen sollte. Weiter geht's mit manch netter, aber belangloser Arbeit. Der Pole Cezary Bodzianowski zeigt, wie er Berliner U-Bahnfahrer mit einem Magneten auf die Straße zu ziehen versucht. Die Rumänin Mona Vatamanu lässt "Das Kapital" von Marx und Engels aus Lautsprecherboxen erklingen. Die Venezuelanerin Patricia Esquivias berichtet von absurden Paella-Wettbewerben. Herausragend dagegen: Der Japaners Kohei Yoshiyuki präsentiert seine voyeuristischen Fotos aus den Siebziger Jahren: mit Infrarotkamera knipste er Liebespaare in Parks. Ihrer Magie und seltsamen Erotik kann sich kaum jemand entziehen.

"Wenn Sie es mögen, dann danke. Wenn nicht, tut's mir leid

Als Coup empfinden die Kuratoren, dass die Berlin Biennale zum ersten Mal auch in einem "richtigen", staatlichen Museum stattfindet: In der Neuen Nationalgalerie. Die übermächtige Architektur Ludwig Mies van der Rohes macht den Künstlern aber ganz offensichtlich Schwierigkeiten. Keiner kommt an gegen das großartige Gebäude aus Stahl, Glas und Marmor. Jedes Kunstwerk sieht hier wie zufällig abgestellt und vergessen aus. Die seltsamen gelben Skulpturen, auf denen man seine Garderobe ablegen soll, genauso wie die Stoffbahnen, die der Designerin Lilly Reich gewidmet sind, Mies van der Rohes Lebenspartnerin. Nicht einmal das schreiend bunte, mit Glas und Glitzersteinen besetzte Gitter der Italienerin Paola Pivi behauptet sich gegen Mies. Als ob sie es schon ahnt, gab die Künstlerin ihrem Werk den Titel: "Wenn Sie es mögen, dann danke. Wenn nicht, tut's mir leid. Aber versuchen Sie es trotzdem zu genießen." Der Satz könnte zum Motto der gesamten Berlin Biennale werden.

Nur Daniel Knorr hat sich schlau aus der aus der Affäre gezogen. Er behängte das Flachdach von außen mit einer Reihe von bunten Fahnen. Lustig sieht das aus, ein bisschen volksfestartig. Erst wenn man erfährt, dass dies die Banner der 58 Berliner Studentenverbindungen sind, wird einem mulmig zumute. Berlin, die Stadt der Burschenschaften? Hoffentlich nicht. Mit 12.650.000 Kilogramm Beton beschäftigt sich Susanne Kriegmann. So viel wiegt ein unförmiges Gebäude, das in Berlin fast niemand kennt: der "Schwerbelastungskörper". Das hässliche Ding in Tempelhof diente Hitler und Albert Speer zu Messungen und Berechnungen. Hier wollten sie testen, ob der Berliner Sandboden ihre größenwahnsinnigen Germania-Bauten tragen würde. Kriegmann zeigt Fotos von 1941 und von heute, nach der grade abgeschlossenen Sanierung des denkmalgeschätzten Baus. Schon seltsam: eine Nazi-Versuchsanstalt wird in Berlin wieder hergestellt, der DDR-Palast der Republik gleichzeitig abgerissen.

Genie und Wahnsinn

Besonders klar wird einem dieser Wahnsinn im Schinkel Pavillon. Er ist der kleinste und schönste Ausstellungsort der Berlin Biennale. Im Zwei-Wochen-Rhythmus dürfen junge Künstler hier ihre Lieblingskünstler vorstellen. Zum Start sind die wunderschönen, humorvollen Spiegelobjekte der 98 Jahre alten Designerin Jeannette Laverrière zu sehen. Unter einer achteckigen DDR-Deckenlampe stehend, kann man von hier aus hinausblicken auf den halb abgerissenen Palast der Republik, der da zerrupft und traurig seine letzten Tage fristet. Da drin hätte ganz wunderbar die 5. Berlin Biennale stattfinden können. Eine vergebene Chance.

Schickes Publikum in Designermänteln sucht die Kunst

Weiter geht's zum vierten Ort: dem "Skulpturenpark". Der ist in Wirklichkeit eine zugewucherte und vermüllte Brachfläche auf dem ehemaligen Mauerstreifen, gleich gegenüber der Bundesdruckerei. Heute stolpert hier schickes Publikum in Designermänteln herum und sucht die Kunst. Diese Erdkuhlen vielleicht? Richtig: ein Werk des Schweizers Kilian Rüthemann. Der Haufen Bauschutt? Auch ein Treffer: Darunter verbirgt sich eine Klanginstallation der Amerikanerin Susan Hiller. Die Bushaltestelle aus Beton? Bingo. Vielleicht auch der Eiswagen? Nein, der steht da nur so rum. Und das Musterhaus aus unterschiedlichen Materialien? Das hat eine Baufirma da hingestellt. Die vielen verschiedenen Zäune dagegen: ein Kunstwerk.

Auch einige der mickrigen Bäumchen sind Kunstojekte: Sandbirken, Korbweiden und Schwarzpappeln. Sie wuchsen ursprünglich auf dem Dach des Palastes der Republik. Als der weichen musste, rettete Ulrike Mohr die Pflanzen, am 4. April 2006 war das, vor genau zwei Jahren. Eigentlich wollte sie ihnen einen neue Heimat in einem Berliner Park geben. Aber man erlaubte es ihr nicht. Auch aufs Dach der Neuen Nationalgalerie durften sie nicht. Nun wachsen sie eben hier weiter. Manches kann man auch zweimal entdecken. Ein Film der Polin Ania Molska in den Kunstwerken zeigt, wie acht Bauern eine seltsame Eisenplastik errichten. Im Skulpturenpark steht das Gebilde dann im Original - leider ohne die Bauern. Mit wäre lustiger gewesen.

Shopping-Performance im scheußlich-schrillen Einkaufszentrum

Bleibt zu hoffen, dass es abends aufregender wird. "Meine Nächte sind schöner als deine Tage", heißt nämlich das Nachtprogramm der Biennale. Da locken ziemlich schräge Veranstaltungen: Ein Vortrag über die Psychoanalyse von Autos, gehalten in einer türkischen Werkstatt. Eine Rede über die Beziehung zwischen Menschen und Robotern. Und eine Shopping-Performance im scheußlich-schrillen Einkaufszentrum Alexa am Alexanderplatz. Ach ja, eine wirkliche Überraschung gab es dann doch noch: Pushwanger. Der 68 Jahre alte Zeichner aus Oslo durfte seine wunderbaren Zeichnungen in einem ganzen Raum der Kunstwerke ausbreiten. "Soft City" heißt die 1969 entstandene, beklemmende Bildergeschichte: Ein Comic über das Leben einer Familie in einer unpersönlichen, übertechnisierten Stadt. Fast 40 Jahre alt - und doch moderner und schöner als alles andere. Und Pushwanger-Fans können sich freuen: ab 11. April wird der Künstler eine eigene, kleine Ausstellung im Schinkel Pavillon bekommen. Die Idee dazu hatte Lars Laumann. Ja, genau der, der auch Frau Berlin-Mauer entdeckte. Bestimmt kein Zufall.