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Ausstellung: Eine tierisch versaute Idee

Wir haben mehr Schwein, als wir denken, das sagt zumindest die Niederländerin Christien Meindertsma. Drei Jahre lang beschäftigte sich die Produktdesignerin mit Dingen, die aus Schweineblut, -Fett und -Knochen gemacht werden und kam dabei auf eine tierisch versaute Idee.

Von Albert Eikenaar

Es wäre eine interessante Frage bei Pilawa. "Was haben die Autofarbe, eine Quarktorte, ein Stück Haushaltsseife, ein Glas Bier und eine chinesische Bambifigur aus Porzellan gemeinsam"? Die richtige Antwort: "Überall ist Schwein drin". Der Autolack glänzt durch die Verwendung von Schweinefett und derselbe Stoff macht die Seife richtig hart. Gelatine aus den Schweineknochen lässt ein Pilschen klarer durch scheinen und gibt dem Quarkgebäck seine Festigkeit. Asche des Schweinegerippes sorgt für die Transparenz des Bambi-Porzellanbildchens.

Zu diesen Erkenntnissen kam die niederländische Produktdesignerin Christien Meindertsma, die sich selbst die Aufgabe gestellt hat herauszufinden, was mit dem Schwein nach dem Schlachten passiert. Verwendet man die Rippchen, die Lenden, die Schweinehaxe und all die anderen leckeren Körperteile, die für den menschlichen Verzehr gedacht sind? Oder bleiben noch Reststoffe oder Abfälle übrig? Und was passiert damit? Meindertsma, die die berühmte Design Academy in Eindhoven absolvierte, wollte das genau feststellen. Ganze drei Jahre recherchierte sie bei Bauern, Lebensmittelexperten, Chemikern und Schlachthäusern sowie deren Zulieferern und Kunden, bis sie präzise wusste, in welcher Form ein Schwein im Nachhinein sein Leben entweder als Nahrungsmittel oder als Grundstoff fortsetzt.

Die arme Sau im Würgegriff der Bioindustrie

Als Leitfaden, als Beispiel für ihre Untersuchung, nahm sie eine echte Sau von einem Schweinebauern. Das fett gemästete Tier trug die gelbe Registernummer PIG 05049. Durch diese Kennzeichnung konnte die Schlachterei mühelos verfolgen, was während und nach dem Schlachtprozess mit dem Schwein und seinen Abfällen so alles passiert. Nach dem Zerlegen war der 103 kg schwere Körper verteilt in 54 Kilo Fleisch, 3 Kilo Haut, 15,2 Kilo Knochen, 14,1 Kilo Organe, 5,5 Kilo Blut, 5,4 Kilo Fett und 6,5 Kilo Reste wie Ohren, Nase und Schwanz, im Prinzip für den normalen Konsum bestimmt. Die Abfallprodukte gingen ihren eigenen Weg. Frau Meindertsma versuchte sie soweit wie möglich aufzuspüren. "Früher", sagt die selbst ernannte Schweineforscherin, "blieb das Leben eines Schweins auf einen Bauernhof beschränkt. Dort wurde es geschlachtet, zerlegt, gegessen, Bratwürstchen und Blutwurst gemacht und alles, was sonst noch dazu gehört. Die besten Teile kaufte der örtliche Metzger". Heute aber ist die arme Sau im Würgegriff der Bioindustrie und wird total verwertet - in aller Welt. Das beabsichtigt die junge Designerin zu vermitteln "Ein Schwein ist in dieser Zeit nur noch eine Grundstofffabrik. Die muntere Sau, die genüßlich knurrend in der Jauche wühlt, gibt es nicht mehr", so berichtet die niederländische Tageszeitung "De Volkskrant" über die Ausstellung von Christien Meindertsma.

So stellte sie ziemlich verwundert fest, dass die Gelatine aus den erhitzten Schweineknochen nicht nur Gummibärchen gemacht werden, sondern dass das Mittel auch in einer amerikanischen Munitionsfabrik benutzt wird. Und zwar als eine Art Gleitsubstanz um Kugelhülsen mit Schießpulver zu füllen. Aber sie fand noch mehr erstaunliche Verwendungsmöglichkeiten. In Bremsklötzen für Zugwaggons befindet sich Schweineknochenasche gegen ein Heißlaufen. Ein Zigarettenhersteller verarbeitet Hämoglobin aus Schweineblut in seinen Filtern. "Es säubert den Rauch beim Inhalieren", hieß es.

Christien Meindertsma zeigt auch die Rolle von Restbeständen im medizinischen und Gesundheitsbereich: Kapseln, die aus Gelatine fabriziert werden oder die Herzklappe einer Sau, die in den menschlichen Körper transplantiert wird. Insgesamt zählt die Exposition 187 verschiedene Produkte, in denen "etwas mehr oder weniger" vom Schwein steckt, von der alltäglichen Knackwurst bis zu Zahnpasta, Weichspülmitteln und Schönheitsspritzen auf der Basis von Collagen fürs Gesicht. Sogar der Leim, der den Katalogrücken zusammenhält, stammt aus Schweineknochen. Alle Entdeckungen werden zur Schau gestellt - auch die Fleischwaren. "Diese sind natürlich nicht die ganze Ausstellungszeit haltbar. Wenn nötig, hole ich frische Würste, Organfleisch oder Koteletts. Das alte Zeug findet im Zoo noch Liebhaber. Es ist ein Leckerbissen für die Krokodile".

Die Ausstellung "PIG 05049" in der Rotterdamer Kunsthalle dauert bis zum 28. September. Öffnungszeiten: 10 bis 17 Uhr, dienstags bis samstags. Sonntag 11 bis 17 Uhr. Info: www.kunsthal.nl

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