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Plasberg, Jauch, Kerner & Co.: Der Moderator ist der Star

Egal ob Quiz, Show, Sport oder Verbrecherjagd - wenn es etwas zu moderieren gibt, dann machen unsere Fernsehmoderatoren das. Sie sind längst Generalisten, oft unabhängig vom Sender. Mehr noch: Moderatoren sind zu einer Marke geworden und die eigentlichen Stars des Fernsehens.

Die Medienkolumne von Bernd Gäbler

Frank Plasberg macht jetzt auch "in Quiz". Es ist ungefähr so freundlich, läppisch und mainstream wie früher eine Quiz-Sendung von Pilawa oder Kerner, aber die Quote war gut. Besonders deshalb, weil ein Rateteam aus Johannes B. Kerner, Oliver Pocher und Günther Jauch bestand. Nicht Politiker, Popmusiker oder gar die Programmchefs sind die Stars des Fernsehens, sondern die Moderatoren. Warum? Weil sie die Funktion des Mediums am besten garantieren: das Gespräch der Gesellschaft über sich selbst in Gang zu halten. Darin liegt die beruhigende Vergewisserung. Wir fühlen uns gut informiert und diskutieren permanent.

Nehmen wir die Sarrazin-Debatte: Sie gebiert ständig neue Debatten, aber kaum eine Konsequenz. Nun steht "das Thema Integration" überall "ganz oben auf der Agenda". Na und? Wie langweilig wäre demgegenüber ein konkrete Untersuchung, was in Offenbach anders gemacht wird als in Duisburg-Marxloh. Oder Handfestes wie eine Änderung des Bleiberechts? Nur weil dieses "Eigentliche" als Nebensache erscheint, können aus der Schar jener, die Filme ansagen, Interviews führen und die Zuschauer durch Magazine, Quiz-, Show- oder Talksendungen geleiten, die eigentlichen Stars des Fernsehens erwachsen.

Der Moderator kann alles

Ist es seine eigentliche Aufgabe, das Programm in Fluss zu halten, dann darf der Moderator auch kein Spezialist mehr sein. Denn wichtiger als die Sache ist der Übergang von einem Gegenstand zum nächsten. Spezialisten - etwa für Umwelt, Literatur oder Naturwissenschaften - gibt es allenfalls noch am Rande des Programms. Nur als Generalist ist der Moderator Garant dafür, dass alles immer weitergeht. Nur als Generalist kann er berühmt werden. Darum macht Plasberg Politik und Quiz; kann Jauch Magazin wie Talk, Beckmann Sport und Gespräch, Oliver Welke Sport und Satire; Rudi Cerne Sport und Verbrecherjagd; Kerner Talk, Sport und Show.

Nun könnte man glauben, dass dies nur für die prominenteren TV-Persönlichkeiten gilt, weil deren besondere Qualifikation ja tatsächlich mit ihrer Präsenz zu tun hat und es vor diesem Hintergrund relativ gleichgültig ist, ob da nun ein "Quiz der Deutschen" zu moderieren ist oder "Hart aber fair". Tatsächlich aber setzt sich der Trend, einfach alles wegzumoderieren, bis hinein in die weniger bekannten Regionen des Mediums fort.

René Kindermann sagt für "Brisant" mit bebender Stimme Autounfälle und Sexaffären an, um dann in dick wattierter Jacke im Wintersport wieder aufzutauchen. Ob "Big Brother", "Eins live" oder "Die Goldene Henne" - Miriam Pielhau macht das schon. Elton, der ewige Show-Praktikant von Stefan Raab, ist ab dem 16. Oktober als etwas verlegener Neu-Moderator der Kindersendung "Eins, zwei oder drei" im ZDF zu bewundern. Johanna Klum, die auf Pro Sieben ("Elton vs. Simon") eben diesen Elton und seinen Kontrahenten Simon Domina-gleich zu ziemlich dämlichen Wettkämpfen antreibt, tiriliert gleichzeitig als mädchenhafte Moderatorin der WDR-Lokalzeit Ruhr etwas von Gartentipps und "der Königsklasse unter den Floristen" oder sagt lieblich das "schönste Tier im Revier" an. Komisch ist: stets betonen Moderatoren ihre Leidenschaft für die Sache, dabei scheint gerade die Gleichgültigkeit ihr gegenüber zur Jobvoraussetzung zu gehören. Wenn er jetzt vom ZDF als idealer Kinderfreund gepriesen wird, spielt es gar keine Rolle mehr, dass Elton mit "Die Alm" schamlos die hässlichste aller "Big Brother"-Nachfolgesendungen moderiert hat.

Der sender- und systemunabhängige Moderator Gestern noch war Harald Schmidt eines der Sendergesichter der ARD, bald wird er wieder auf Roadshow für Sat. 1 gehen. Wenn Günther Jauch 2011 in der ARD als Polit-Talker am Sonntag debütiert, wird er dennoch freitags und montags mit dem Millionärsquiz Quotenrekorde für den Konkurrenten RTL einfahren. So sind sich die Moderatoren längst selbst die Nächsten. Ihr Gewicht und ihre Unabhängigkeit ist gewachsen. Weder in Genres noch in feste Senderzugehörigkeit sind sie noch einzuhegen. Längst gilt das auch für die alte Systemgrenze zwischen öffentlich-rechtlich und privat.

Die ursprünglich Idee der WDR-Intendantin Monika Piel, ein Moderator habe entweder für dieses oder jenes System sein Gesicht zu zeigen, ist von der Wirklichkeit überholt worden. Auch wer im öffentlich-rechtlichen Radiosender "Eins live" ein Sternchen ist, versucht es parallel gerne mal im Frühstücksfernsehen bei Sat.1. Die Wechsel vom einen zum anderen System sind ohnehin keine Ausnahme mehr. Manch ein Moderator überschätzt sich dabei. Denn trotz allen Eigenlebens sind doch Senderimage und Programmkontext für den Zuspruch nicht unerheblich. Johannes B. Kerner und Oliver Pocher haben dies schmerzlich erfahren müssen. Es gibt nicht einfach ein festes Stammpublikum, das sich widerspruchslos von Kanal zu Kanal transportieren lässt.

Der Moderator als Marke

Die klügeren oder berühmteren unter den Moderatoren haben sich in ihrem Generalisten-Dasein als Marke etabliert, die sie permanent selber bespielen. Das ist sogar für "Tagesthemen"-Moderatoren eine nicht unwesentliche Einnahmequelle. Aufmerksamkeit ist die Währung; der Wert richtet sich nach der schon erreichten Bekanntheit.

Eine Gepflogenheit vieler Medien kommt dem entgegen. Nur selten setzen sie zu neuen Tiefenbohrungen in der Wirklichkeit an, lieber berichten sie darüber, wie Medien berichten. Wie war Sarrazin bei Beckmann? Bei Plasberg sah er schlechter aus. Guttenberg glänzte wie immer. Welchen Eindruck einer macht - das ist oft interessanter als langwierig zu erforschen, ob Argumente logisch waren oder sachlich richtig. Dass die Moderatoren sich selbst als Marke aufbauen, wird auch dadurch unterstützt, dass sie in der Regel Produzenten ihrer eigenen Sendungen sind. Wenn Günther Jauch in letzter Zeit häufiger in der ARD auftrat, dann ist das nicht nur ein Vorgriff auf seine Talk-Zukunft, sondern meist auch ein Indiz dafür, dass seine Firma die Sendung produziert hat. Gerade bewirbt sie sich für eine neue ARD-Samstagabendshow. Seine eigene Präsenz in einer Sendung gehört zum Kapital seiner Firma.

Die Moderatorenfamilie

Plasbergs Sendung mit Jauch, Kerner und Pocher war auch deswegen ein Quotenerfolg, weil er einige dieser Markenprodukte für unterschiedliche Zielgruppen versammelte. Überhaupt laden sich diese Moderatoren gerne wechselseitig in ihre jeweiligen Sendungen ein. Da sind sie sicher, dass der Gast TV-kompatibel ist und der Talk flüssig. Dann sagt Maybrit Illner in einem Interview noch etwas freundliches über Anne Will; Plasberg lobt Jauch; Pocher kündigt bei Kerner an, was er neu machen wird. So bilden die Moderatoren eine eigene kleine Familie der Fernseh-Nasen, die uns im Fernsehen ihre eigene Soap vorspielt. Jauch kommt, Schmidt geht - was wird aus Plasberg? Es sind Fragen einer Soap-Dramaturgie, die das Publikum aktuell fesseln.