Documenta-Künstler Hazoumé "Königssohn" kämpft gegen Sklaverei


Ölkanister sind sein Rohstoff. Damit baut Romuald Hazoumé aus Benin wunderbar poetische Kunst - und kämpft gleichzeitig gegen die Ausbeutung Afrikas. Für seine grandiosen Masken und sein "Dream"-Boot bekam er kürzlich sogar den Arnold-Bode-Preis der Documenta12.
Von Anja Lösel

Wie ein Stammesfürst sieht er aus: bodenlanges Gewand in Schwarz, Gold und Blau, dazu eine prächtige, goldbestickte Mütze und schwere Ketten. "Ich bin Königssohn", sagt Romulad Hazoumé aus Benin augenzwinkernd. Und gibt dann zu: "Naja, fast. Mein Großvater war Minister des Königs."

Normalerweise läuft Hazoumé, 45, nicht so rum. Meistens trägt er Jeans, T-Shirt und Baseballmütze, die Haare gebändigt in kurzen Zöpfchen, die ihm vom Kopf abstehen. Aber für die Documenta12 in Kassel hat er sich in einen Bubu geworfen, das afrikanische Traditionsgewand. So bekommt er mehr Aufmerksamkeit als alle anderen documenta-Künstler, und die braucht er, um seine Botschaft zu verkünden: Afrika ist ein geschundenes, ausgebeutetes Land. Immer noch und grade jetzt.

Masken aus Benzinkanistern

Hazoumé weiß, wie man sie kriegt, die Europäer. "Von einem Afrikaner erwartet jeder, dass er Masken macht. Also mache ich sie. Aber nicht aus Holz, sondern aus Benzinkanistern." Der Griff wird zur Nase, die Öffnung zum Mund, als Augen klebt er Kaurimuscheln auf, die Haare sind aus Bast, Bürsten oder Draht. Witzige, phantasievolle Köpfe entstehen so, scheinbar ganz traditionell. Aber zugleich gibt Hazoumé "den Menschen der westlichen Welt das zurück, was ihnen gehört, und das sind die Abfälle einer Konsumgesellschaft". Ganz subtil erinnert er so an das Elend Afrikas. Kanister braucht dort nämlich jeder: zum Schmuggeln von Öl. "Wir haben Ressourcen, wir sind reich", sagt der Künstler, "aber kaum ein Afrikaner profitiert von diesem Reichtum." In vielen westafrikanischen Ländern gibt es sogar Energiekrisen, obwohl sie zu den größten Ölexporteuren der Welt gehören.

Lange schon beschäftigt Hazoumé die Geschichte Afrikas: Warum wurden Millionen Menschen als Sklaven verschleppt, verkauft und ausgebeutet? Und warum ist es heute kaum besser? Wenn der Künstler darüber spricht, dann glitzern seine Augen vor Zorn. 2007 jährte sich zum 200.Mal der Tag, an dem die Sklaverei endlich verboten wurde. Aber die Ausbeutung Afrikas geht weiter. Viele Afrikaner müssen in Ölfeldern oder Minen für einen Hungerlohn arbeiten, um wenige Bosse aus Europa oder den USA reich zu machen. Nach wie vor gibt es Sklaverei und Kolonialismus, die Methoden sind nur subtiler geworden.

"Sterbe im Boot deiner Träume" heißt ein afrikanisches Sprichwort

"Dies ist mein Büro", sagt Romuald Hazoumé und zeigt auf das große Foto im Kasseler Aue-Pavillon: Strand, Palmen, ein paar Hütten, ganz am Rand ein Boot mit lachenden Kindern. "I have a dream I want to stay at home" steht darunter. Die Leute lieben ihr Land, sie wollen hier bleiben, aber es geht nicht. "Du bist verloren, wenn Du gehst. Du bist verloren, wenn Du bleibst. Dann geh' lieber und sterbe im Boot deiner Träume", heißt ein afrikanisches Sprichwort. "Die Menschen hier haben keine Wahl. Am Ende ist es besser, so denken sie, wenn sie in armseligen, löchrigen Booten losfahren und ihr Glück versuchen. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Eigens für die Documenta12 hat er ein "Dream"-Boot aus 421 schwarzen Ölkanistern gemacht, ein Schiff, mit dem man dorthin fahren kann, wo alles besser zu sein scheint: nach Europa. Schön ist es nur auf den ersten Blick aus. Dann erkennt man die unverschlossenen Kanister und ahnt: Wer da einsteigt, hat keine Chance.

Der Arnold-Bode-Preis, benannt nach dem Documenta-Gründer und dotiert mit 10.000 Euro, ist ein Triumph für Romuald Hazoumé. Das Geld wird er in neue Projekte stecken in der Hoffnung, dass sich irgendwann vielleicht doch etwas ändert. "Ihr Europäer müsst vorsichtig sein mit den Leuten aus Afrika", sagt er. "Wenn die mal anfangen zu denken, dann wird etwas passieren." Und er selbst? Als Künstler könnte er in Europa bleiben und es sich bequem machen. "Nein, nein. Ich kann hier nicht leben", sagt er. "Ich bin Fischer. Ich brauche mein Strand-Büro."


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