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Filmprojekt: Der Schweiß von Zidane

Jede Bewegung, jeder Schweißtropfen, jeder Blick: 17 Kameras waren 90 Minuten lang ausschließlich auf Frankreichs Super-Fußballer Zinedine Zidane gerichtet. Herausgekommen ist ein hypnotisches Filmprojekt, das pünktlich zur EM zu sehen ist. Blicke auf den Menschen hinter der Ikone.

Von Sophie Albers

Sein Atmen wird schneller, beruhigt sich wieder, er wartet ab, wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht mit dieser typischen Bewegung des Oberarms, blickt nach links, nach rechts, nach oben zu den Scheinwerfern. Er fällt in einen eleganten Trab, bleibt stehen, die Augen immer auf die Beute gerichtet, und dann, dann stößt er zu. Plötzlich, unerwartet, wie eine Raubkatze, die in der Steppe eine Gazelle schlägt, wie ein Gladiator, der die schwache Stelle seines Gegners entdeckt hat. Doch sofort kehrt wieder Ruhe ein in diesen durchdisziplinierten Körper, dessen Muskeln man zu spüren glaubt, die sich an- und entspannen, wenn die Stollen der Schuhe sich im Grün des Grases abstoßen.

17 Kameras hatten der schottische Künstler und Turner-Preis-Gewinner Douglas Gordon und sein Kollege Philippe Parreno am 23. Mai 2005 ums Spielfeld aufgebaut, um 90 Minuten lang jede Bewegung und jeden Schweißtropfen am Körper des französischen Super-Fußballers Zinedine Zidane einzufangen. Real Madrid spielte gegen FC Villareal, bis zur Weltmeisterschaft war es noch ein Jahr hin.

Aus 17 Perspektiven rückt man dem Fußballer so nah auf die Haut wie niemals zuvor. Und kann den Blick kaum abwenden. Wie unter Hypnose folgt man dieser Ikone der Männlichkeit, und am Ende spürt man selbst Schweiß auf der Oberlippe, ist gefangen in dieser Trance des Spiels, die fast ohne ein Bild des Balls auskommt, und das selbst, wenn einen Fußball vorher nicht interessiert hat. Man wird Zidane, atmet mit ihm, schwitzt mit ihm.

Vollender der Fußballkunst

Gordon und Parreno ist eine Studie der Körperlichkeit gelungen, das Porträt eines Stars, der nie einer sein wollte, die Studie eines Phänomens, das einen Großteil der Welt gefangen hält, bei dem sich alles um ein rundes Stück Leder dreht. Und so, als sollten auch die letzten Zweifler überzeugt werden, präsentiert die Filminstallation "Zidane - Ein Porträt im 21. Jahrhundert " diesen Vollender der Fußballkunst. Kein Wunder, dass pünktlich zur Europameisterschaft an diesen Spielfeldgott erinnert wird, der 2006 das Grün für immer verließ.

Und was für ein Abgang: Im Finalspiel gegen Italien, in der 109. Minute, beim Spielstand von 1:1, rammte Zidane dem italienischen Abwehrspieler Marco Materazzi den Kopf ins Brustbein, kassierte eine rote Karte und ging für immer vom Feld. Frankreich verlor. Auslöser für den Ausbruch soll eine Beleidigung gewesen sein.

Abgang in die Einsamkeit

Da ist Gordons und Parrenos Film prophetisch: Auch hier wird der Spieler nach einem Streit vom Platz verwiesen. Die Abgänge in die Einsamkeit ähneln einander. Dieses Bild eines Mannes in der Isolation, der unberührbar scheint, doch gleichzeitig so menschlich fehlbar. Eine Ikone eben.

Als "Zidane - Ein Porträt im 21. Jahrhundert" 2006 bei den Filmfestspielen von Cannes lief, wurde ein Kunstprojekt plötzlich großes Kino. Nun holen Gordon und Parreno Zidane ins Museum zurück: In Berlin ist der Originalfilm als Splitscreen neben der Perspektive einer der verwendeten Kameras zu sehen. Immer weitere Räume scheinen sich in das Wesen Zidanes zu öffnen, der gibt sein Mysterium trotzdem nicht preis.

Die Filminstallation "Zidane: A 21st Century Portrait" von Douglas Gordon und Philippe Parreno ist bis zum 9. August in der DAADgalerie Berlin zu sehen, Zimmerstraße 90.

Außerdem gibt es die DVD mit dem Originalfilm sowie den dazugehörigen Soundtrack von Mogwai