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Fußballmeisterschaft der Theater: Die Helden von Wiesbaden

Bei diesem Fußballturnier ist "Schauspieler" kein Schimpfwort, sondern Hauptbeschäftigung der Beteiligten. Hier gibt es Mittelfeld-Regisseure, Künstler am Ball und Dramaturgen, die auch mal ein Spiel lesen können. Ein Bericht von der Fußballmeisterschaft der deutschen Theater, die am Wochenende in Wiesbaden stattfand.

Von Felix Braun

Der gegnerische Spieler ist einen Augenblick nicht im Bilde. Schon pirscht sich Kai Klügel heran, klaut ihm den Ball von den Füßen und stürmt Richtung Tor. Zwei Wiesbadener Abwehrspieler umspielt er wie Statisten, dringt halbrechts in den Strafraum ein. Der Torwart wirft sich ihm entgegen, verkürzt den Winkel, doch Klügel schlenzt den Ball mit dem rechten Außenrist in die linke untere Ecke. Starker Auftritt. Szenenapplaus.

Die wahren Ballkünstler

"Erste Chance, erstes Tor! Und das in diesem wichtigen Spiel der letztjährigen Finalisten", sagt Klügel, als er nach der Partie mit nacktem Oberkörper im Schatten der Sprecherkabinen sitzt, zum Schutz vor der erbarmungslosen Sonne. Dieses Jahr möchte der 31-jährige Requisiteur der Bühne Köln einen Platz besser abschneiden als 2007. Damals wurde sein Team Vizemeister. Auf der Kölsch-Flasche, die Klügel in seiner Hand hält, bilden sich kleine Wassertröpfchen. Pro Tor dürfe er heute ein Bier trinken, erzählt er. Schließlich habe er sich während der Hinfahrt im Bus nur an Wasser gehalten.

Seit 1978 spielen die deutschen Theater und Opernhäuser jedes Jahr ihren Fußballmeister aus. Elf gegen Elf auf großem Platz. Mit richtigen Schiedsrichtern und allen Regeln des DFB. Sämtliche Hausangestellte sind spielberechtigt: Bühnentechniker passen zu Gewandmeistern, Tontechniker verladen Regisseure, Schauspieler jubeln mit Sängern und Pförtner schießen Dramaturgen die Bälle ins Tor. Ausrichter ist jeweils der Sieger des Vorjahres. Das Hessische Staatstheater Wiesbaden ist zum fünften Mal Gastgeber - keine andere Bühne spielt so erfolgreich Fußball - und hat noch zehn andere Mannschaften ins Stadion an der Berliner Straße geladen. Um die begehrten Pokale kämpfen unter anderem das Schauspielhaus Bochum, das Staatstheater Kassel und die Deutsche Staatsoper Berlin. Namen, die an Stars und unvergessliche Abende von Weltruhm denken lassen, doch geboten wird - mit Verlaub gesagt - eher fußballerisches Laientheater. Dies jedoch durchweg sympathisch.

Anstoß vom Intendanten

Der Wiesbadener Intendant Dr. Manfred Beilharz eröffnet mit dem ersten Anstoß das Turnier. Gespielt wird in drei Gruppen auf zwei Feldern. Während sich in Gruppe A und C die Favoriten durchsetzen (Essen, Berlin, Oper Köln, Bonn), bahnt sich Gruppe B eine erste Sensation an. Der selbsternannte Favorit BSG Bühnen Köln muss im Elfmeterschießen gegen das Stadttheater Gießen um den Einzug ins Viertelfinale kämpfen. Die ersten vier Schützen beider Teams verwandeln. Nun ist Kai Klügel an der Reihe. Er legt sich den Ball zurecht, geht drei Schritte zurück und holt noch einmal tief Luft.

"Den macht er rein", sagt Arne Nobel mit verrauchter, kratziger Stimme. Der 34-jährige, dessen punkig abgerissenes T-Shirt den Blick auf die tätowierten Oberarme freigibt, war früher Schauspieler am TAT und Schauspiel Köln. Nun arbeitet er als Regisseur am Schauspielhaus Bochum, hat dort gerade Johnny Cash inszeniert. Nobel schaut gar nicht mehr richtig hin, als Klügel den entscheidenden Strafstoß knapp verwandelt und sein Team eine Runde weiter bringt. War doch klar.

Claus Peymann, der Intendant des Berliner Ensembles, hat einmal Fußballtrainer und Intendanten verglichen, beide bräuchten dieselben Eigenschaften: Menschenführung, Phantasie, Autorität, Strategie und Verführungskunst. Nobel fährt sich beim Sprechen durch seine blonden Haare, für ihn sei der Zusammenhang zwischen Regisseur und Torhüter aber noch viel offensichtlicher. "Ich stehe dahinten im Tor und sehe meiner Mannschaft beim Spielen zu", sagt er. "Entdecke ich Fehler kann ich Korrekturen rufen, aber im entscheidenden Moment habe ich wenig Einfluss auf das, was meine Vorderleute spielen."

Stammkräfte müssen zur Abendvorstellung

Auf dem Nebenplatz hat derweil Annika Marawski ihren ersten Einsatz für das Staatstheater Kassel. Bei den vorherigen Spielen traute sie sich noch nicht so recht, ihre Einwechslung zu fordern. Die 21-jährige Theaterschneiderin mit sportlicher Figur und braunem Pferdeschwanz ist eine von zwei Frauen bei dem Turnier. Auf die Frage, ob dies ihre erste Deutsche Meisterschaft sei, zieht sie die Augenbrauen nach oben. "Wieso Meisterschaft? Meine Kollegen haben mich nur gefragt, ob ich Lust habe, heute mit Fußball zu spielen." Ob das wirklich die Deutsche Meisterschaft sei, fragt sie ihre grinsenden Mitspieler ungläubig.

Die Stimmung wird feuchtfröhlich. Auf dem Platz gibt es Sommergewitter, auf den Tribünen Bier. Die ausgeschiedenen Teams feiern die mit ihnen befreundeten Mannschaften. Und vor allem sich selbst. Auch Kai Klügel hat inzwischen das Trikot abgelegt, dafür rot-weiße Puschel in Hand genommen. Sein Viertelfinal-Aus scheint den selbsternannten Favoriten nicht nachhaltig die Laune verdorben zu haben.

Im Finale stehen sich in "Theater und Philharmonie Essen" und den "Vereinigten Städtischen Bühnen Krefeld und Mönchengladbach" zwei Außenseiter gegenüber. Essen muss den Ausfall mehrerer Stammkräfte vermelden - die Sänger mussten frühzeitig zur Abendvorstellung abreisen.

Essen wird deutscher Meister

Nach der regulären Spielzeit steht es 1:1, nach der Verlängerung 2:2. Der neue deutsche Theater-Meister muss im Elfmeterschießen entschieden werden. Dabei wird Karl-Heinz Frömberg, der Torwart aus Essen, zum Held. Der kräftige Bühnentechniker mit roter Kappe und dunklem Schnauzer hält den ersten Strafstoß der Krefelder mit einer fabelhaften Parade. Zum vierten und entscheidenden Elfer tritt er dann selber als Schütze an. Er schießt stramm, aber unplatziert direkt in Richtung Torwart. Der überraschte Krefelder Keeper lässt den Ball durch seine Beine ins Tor kullern. So wird Fußballgeschichte geschrieben. "Theater und Philharmonie Essen" ist neuer deutscher Meister.

Der große Wanderpokal ist in einem blauen Müllsack vor dem Regen geschützt. Zwei Männer tragen in quer über den Platz zur überdachten Haupttribüne. Unter dem alten Holzdach haben Spieler und Zuschauer Schutz gefunden. Zur improvisierten Siegerehrung rücken sie noch einmal enger zusammen. Biere werden verteilt und Schlachtrufe gesungen. Bevor Intendant Beilharz die Pokale überreicht, dankt er den Teams für das fantastische Turnier. Da müssten sich die in der Schweiz und Österreich schon anstrengen, verkündet er stolz, damit sie auch nur annähernd dieses Niveau erreichten.

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