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Gerhard Richter Ausstellung: Vom Meister selbst konzipiert

Gerhard Richter ist der teuerste Maler der Gegenwart - und ganz sicher auch der beste. 60 seiner Spitzenwerke sind nun in Baden-Baden zu sehen, zusammengestellt vom Meister selbst.

Von Anja Lösel

Ausgerechnet ein "Düsenjäger" machte Gerhard Richter zum teuersten Maler der Gegenwart und hob ihn endgültig auf den Kunst-Olymp. Im November wurde das Bild bei Sotheby'’s in New York zum Preis von 11,24 Millionen Dollar versteigert. Ein Superrekord. Nun ist Richter endgültig der Größte und der Beste – nicht nur in Deutschland, sondern in der Welt.

Der Maler selbst hat wahrscheinlich nur ein paar Tausend Mark an dem Bild verdient. 1963, als er es malte, kauften nur die Wissenden Werke von Gerhard Richter. Oder die ganz besessenen Kunstliebhaber. Frieder Burda, 71, Verlegersohn und -erbe, gehörte damals noch nicht dazu. Er begann erst Mitte der achtziger Jahre, Kunst von Gerhard Richter zu sammeln. Immer noch früh genug, um sie zu Preisen zu bekommen, "die nicht mit den heutigen zu vergleichen sind", so Burda. Als "Entdecker" bezeichnet er sich deshalb gern, als einen der ersten Richter-Sammler im großen Stil: "Ich besitze den größten Block seiner Werke." Den zeigt Frieder Burda jetzt in Baden-Baden. Denn dort hat er sich vor drei Jahren vom US-Architekten Richard Meier ein feines Museum bauen lassen. "Gerhard Richter. Bilder aus privaten Sammlungen" heißt die Ausstellung. Nicht nur seine eigenen Bilder führt Burda dort vor, sondern auch noch Arbeiten aus drei anderen Sammlungen. Insgesamt sind es 60 Spitzenwerke. Und das Beste: Der sonst so scheue und zurückhaltende Künstler, bald 76 Jahre alt, hat sieben Bilder aus den eigenen Beständen beigesteuert und die Ausstellung selbst mitgestaltet. Mithilfe eines Museums-Modells überlegte er wochenlang, welche Gemälde nebeneinander hängen sollen und wie die Kunst mit der Architektur zusammen am besten wirkt.

Abstrakte Farbschlieren

36 Gemälde von Gerhard Richter besitzt Frieder Burda. Keines davon würde er wieder hergeben. Weder das geheimnisvolle Bild von Schloss Neuschwanstein, noch die nebelumwaberten Landschaften auf der Brühler Höhe, die abstrakten Farbschlieren oder die schlichte Kerze. Auch ein Kampfflugzeug ist dabei. "XL 513" heißt es, Richter hat es 1964 fast zeitgleich zum Elf-Millionen-Superbild gemalt. Dass es heute Millionen wert ist, findet der Künstler einfach nur "wahnwitzig". Und auch Burda wundert sich: "Der Kunstmarkt ist nicht mehr messbar und außer Rand und Band".

Das vielleicht schönste und aufregendste Bild in der Sammlung Burda ist "Party" von 1962. Vier Frauen sitzen da auf einer weißen Couch, bestens gelaunt, mit Gläsern in der Hand. Hinter ihnen ein lachender Mann: Vicco Torriani, Showstar der 50er und 60er Jahre. Strahlend, erfolgreich. Aber irgendwas stimmt da nicht: Aus Torrianis Mund tropft Blut. Die Gesichter und Beine der lachenden, jungen Frauen hat Gerhard Richter zerschnitten, die Leinwand nur grob mit Kordel wieder zusammengenäht. Da will offenbar einer Glanz und Glamour des Show Business zerstören. Für Frieder Burda ist es ein besonders wichtiges Bild. Schließlich druckte sein Vater Franz, genannt "Der Senator", in "Bunte" ständig solche Bilder. Daraus entstand das Familienvermögen, von dem Frieder Burda heute Kunst kauft.

Das einzige wirklich große Kunstwerk

Gerhard Richter, geboren in Dresden, verließ 1961 die DDR und arbeitet sich seitdem ab an der deutschen Geschichte. Er malte Nazi-Verbrecher und Nobelpreisträger wie Albert Einstein oder Thomas Mann. Er porträtierte seinen Onkel Rudi in Wehmachtsuniform und immer wieder sich selbst. Sein beeindruckender Bildzyklus "18. Oktober 1977" zeigt die RAF-Toten Meinhof, Ensslin und Baader - gemalt nach Fotos, die im "Stern" erschienen waren. "Das einzige wirklich große Kunstwerk, das bisher über Terrorismus geschaffen wurde", nannte die "New York Times" die Bilder. Frieder Burda hätte den RAF-Zyklus gern gekauft. "Ich habe mich letztlich aus Familienräson dagegen entschieden", sagt er. Warum? "Unsere Familie hatte auch im Visier der RAF-Terroristen gestanden. Ich konnte diese hervorragenden Bilder deshalb nicht kaufen, es ging nicht." Nun hängen Baader, Meinhof und Ensslin leider nicht in Baden-Baden, sondern im New Yorker Museum of Modem Art. Richter ist auch deshalb so bedeutend, weil er immer wieder überrascht mit neuen Ideen, nie am Bewährten festhält, seinen Stil ständig ändert. Die Ausstellung zeigt das sehr gut. Mal malt er präzise nach Fotos, dann wieder Grau in Grau. Mal präsentiert er grellbunte Schlieren, mal strenge Farbfelder, mal bunte Blumenbilder. Oder gar die eigene Frau, in der Pose der Jungfrau Maria - an der Brust eins der drei Kinder, die den Künstler noch mit über 70 Jahren zum späten Vater machten.

Krach um ein Domfenster

Und immer wieder ist Richter auch für einen Skandal gut. Als im vergangenen Jahr sein buntes Glasfenster für den Kölner Dom enthüllt wurde, gab es Krach: Erzbischof Kardinal Meisner empörte sich über das abstrakte, aus 1150 Farbfeldern zusammengesetzt Werk. Es würde, so der Geistliche, "eher in eine Moschee oder in ein Gebetshaus passen". Die Gottesdienstbesucher mögen das Fenster trotzdem. So schön und raffiniert fängt es das Licht ein, dass man tatsächlich an eine höhere Gewalt denken könnte. Frieder Burda erzählt übrigens gern die Geschichte vom Kunstsammler und dem Journalisten, die gemeinsam auf den Einlass ins Paradies warten. Während der Schreiber schon nach kurzer Debatte eintreten darf, schickt Petrus den Sammler hinunter in die Hölle. Begründung: "Als Kunstsammler hattest du doch schon den Himmel auf Erden." Also nichts wie hin nach Baden-Baden, um ein Stückchen vom Paradies zu ergattern.

"Gerhard Richter. Bilder aus privaten Sammlungen". Baden-Baden, Museum Frieder Burda, 19. Januar bis 27. April. Danach geht die Schau nach Peking, Edinburgh, Wien und Duisburg Katalog bei Hatje Cantz, 184 Seiten, Euro 24 Euro