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Humboldt-Box in Berlin: Das Monster am Schlossplatz

In einem groben Klotz kann man sich ab sofort über den Wiederaufbau des Berliner Schlosses und das Humboldt-Forum im Inneren informieren. Die Infobox ist hässlich, aber die Dachterrasse lohnt den Besuch.

Von Anja Lösel

Armes Berlin. Dies soll also "das neue Wahrzeichen" der Stadt sein: ein himmelblauer Meteorit, niedergegangen mitten auf dem Schlossplatz. Ein massiges Ding, unelegant, viel zu hoch und aluminiumglänzend. Baustadtrat Ephraim Gothe bezeichnet es als "Ufo", andere sprechen von "Klotz" und "Monster". Ein paar Touristen, die sich gegenüber auf der Museumsinsel tummeln, stehen nur da und staunen ungläubig: "Ist ja unfassbar scheußlich."

Humboldt-Box nennt sich das Ding. Es ist Info-Zentrum für das, was bald wachsen soll auf diesem geschundenen Platz, auf dem bis 1950 das Schloss, später der DDR-Palast der Republik stand und seit drei Jahren gar nichts mehr ist. Nur eine große Wiese mit ein paar Holzstegen, von den Berlinern genutzt als riesiger Chillplatz an der Spree.

Der Bau wird immer teuerer

Irgendwann soll das Schloss wieder aufgebaut werden, so hat es der Bundestag beschlossen. Wahrscheinlich fangen sie 2014 an, aber wer weiß das schon so genau. Immer wieder wurde alles verschoben. Und immer teurer wird der Bau: 590 Millionen sind es nun schon, Tendenz steigend. Der Haushaltsausschuss des Bundestages berät demnächst ein weiteres Mal über die Kosten. Berlin gähnt. Die Humboldt-Box soll nun wieder Schwung in die Sache bringen. Endlich können sich alle präsentieren, die hier mal residieren sollen: Museen, Stadtbibliothek, Universität.

Als erstes allerdings stolpert man über einen Spendenautomaten des Fördervereins Berliner Schloss. Schon bei einer Zuwendung von fünf Cent spuckt er eine Quittung aus, schluckt aber gern auch höhere Beträge. Im Souvenirshop gibt's Goldrandteller mit Brandenburger-Tor-Aufdruck, Kräuterlikör und T-Shirts. Die aktuellen Schlossaufbaupläne des Architekten Franco Stella dagegen sucht man erst mal vergebens, winzig klein und unlesbar hängen sie in vier Metern Höhe.

Chill-Ecken und Sound-Sessel

In den oberen Stockwerken: die Kinderbibliothek mit Chillecken und Soundsesseln. Exponate der außereuropäischen Museen wie Porzellan aus China, eine Indianermaske oder eine Abhandlung über Froschhandel in Afrika. Alles schön, seriös und ein bisschen fad.

Die meisten Besucher der Box werden ohnehin wegen der grandiosen Aussicht kommen, die man von der Dachterrasse hat. Oder werden sich einen Kaffee im pseudo-barocken Restaurant gönnen, an einem der weißen Stehtische mit Dackelbeinen. Falls sie bereit sind, dafür vier Euro Eintritt zu bezahlen.

Weil weder Stadt noch Land noch Museen das Geld für so eine Infobox hatten, gab man den Bau in private Hände, sprich in die der Megaposter GmbH. Die muss nun sechs Millionen für die Architektur und weitere neun für den laufenden Betrieb bis 2018 reinkriegen. Dann soll das Schloss fertig und die Box überflüssig sein.

Wunderbare Beispiele gelungener Pavillon-Architektur

Architekt Bertram Vandreike hofft, seine Humboldt-Box könnte so lange "einen Anstoß zur Diskussion über Architektur und Städtebau" geben. Das mag klappen, aber ganz anders, als er denkt. Denn wer zeitgenössische Architektur an diesem Gebäude misst, der kommt unweigerlich zu dem Urteil: nie mehr Moderne. Dabei gibt es so wunderbare Beispiele gelungener Pavillonarchitektur. Wehmütig denkt man an die schlichte, rote Infobox auf dem Potsdamer Platz zurück. Oder an die großartigen Pavillons, die die Londoner Serpentine Gallery jedes Jahr in den Hyde Park stellt, immer von großen Architekten entworfen, immer mutig, anregend und schön.

Berlin wird nun mindestens sieben Jahre lang mit einer klobigen Fassade aus Aluminiumplatten und blauen Textilbahnen leben müssen. Wahlweise auch mal roten oder grünen, denn der Stoff ist auswechselbar.

Selbst Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Hauptnutzer, seufzt: "Je schneller das Schloss kommt, desto früher ist die Box wieder weg."