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Berliner Bauskandal: Das Katastrophenschloss

Das darf doch nicht wahr sein! Schon wieder Ärger um das Berliner Stadtschloss. Nun hat das Bundeskartellamt festgestellt, dass der Vertrag mit dem Architekten Franco Stella ungültig ist. Ein Debakel für die Bundesbaubehörde und Minister Tiefensee.

Von Anja Lösel

Gab es nicht schon genug Katastrophen um das Berliner Schloss? Musste das denn auch noch sein? Der Vertrag, den das Bundesbauministerium mit dem Stadtschloss-Architekten Franco Stella geschlossen hat, ist ungültig. Sagt das Bundeskartellamt. Ein Desaster.

Von Anfang an war der Wurm drin in diesem Projekt. Es fing an mit Querelen um den Förderverein Berliner Schloss und seine undurchsichtigen Finanzen. Dann gab es Ärger um den Abriss des Palastes der Republik, der fast drei Jahre dauerte und mehr als 100 Millionen Euro kostete. Und Debatten darum, was eigentlich im Schloss Platz finden soll. Klar ist: ein Humboldt-Forum, in dem Museen, Bibliotheken und die Uni Raum bekommen sollen. Aber wie genau soll das gehen? Und brauchen wir das wirklich?

Der Kompromiss-Kandidat

Ein Architektur-Wettbewerb brachte 2008 immerhin ein einstimmigem Votum. Und selbst wer das Resultat nicht berauschend fand, atmete auf: endlich ein greifbares Ergebnis, endlich ein Ende der Debatten. Franco Stella, ein ziemlich unbekannter Architekt aus Italien, hatte die Jury überzeugt . Besser gesagt: auf ihn als Kompromiss-Kandidaten konnten alle sich einigen - von Wolfgang Thierse bis David Chipperfield. Stella sollte bauen. Ein reibungsloser Ablauf schien garantiert.

Doch bald gab es Zweifel. Zwei Wettbewerbs-Bedingungen schien Stella nämlich nicht zu erfüllen. Jeder Architekt, so stand es in der Ausschreibung, sollte ein Büro mit mindestens drei Mitarbeitern haben oder einen Umsatz von 300.000 Euro im Jahr nachweisen. Damit wollte man sicher gehen, dass der Gewinner auch ein so riesiges Projekt wie das Berliner Schloss stemmen könne. Weil Stella versicherte, dass bei ihm alles nach Vorschrift sei, bekam er den Auftrag. Geprüft wurde nicht, man vertraute ihm und seiner schriftlichen Zusicherung.

Tief durchatmen

Nicht aber traute man ihm zu, dass er das 552-Millionen-Projekt alleine durchziehen könnte, noch dazu in einem Land, dessen Sprache er nur mäßig beherrscht. Deshalb drängte man ihn offenbar, für die Realisierung die renommierten deutschen Büros von Gerkan, Marg und Partner sowie Hilmer & Sattler ins Boot zu nehmen. Das allerdings könnte EU-Richtlinien widersprechen, denn es gab keinerlei Ausschreibung. Stella beauftragte die beiden Assistenz-Büros direkt, womöglich auf Drängen des Bundes.

Der Architekten Hans Kollhoff, der beim Schloss-Wettbewerb auf den dritten Platz gekommen war, hatte deshalb eine Überprüfung des Vertrags mit Franco Stella gefordert. Verzweiflungstat eines Beleidigten, der selbst zu kurz gekommen war? Wohl eher nicht. Kollhoff ist einfach nur mutig. Er stellt sich gegen das Bundesbauministerium, das mit seiner Schlamperei die Katastrophe erst ausgelöst hat, und muss durchaus mit Nachteilen rechnen. Öffentliche Aufträge für Kollhoff in Berlin? Könnte in Zukunft schwierig werden. Trotzdem hat er sich getraut.

Was passiert nun? Das Bauministerium will vor das Oberlandesgericht gehen. Und verkündete erst mal, dass der Streit "den Bau des Humboldtforums nicht verzögern" würde. Nun ja, wer's glaubt. Sicher ist, dass die beiden hinzugezogenen Architekturbüros wieder draußen sind aus dem fetten Millionengeschäft. Und mal ehrlich: Womöglich wäre es gar nicht so schlecht, wenn es eine Verzögerung gäbe. Wenn alle einmal tief durchatmen und noch einmal neu nachdenken, diskutieren und planen könnten.

Warum nicht Wiese?

Warum nicht innehalten? Das Projekt sogar aufschieben? Wollen wir denn wirklich ein Schloss für 552 Millionen bauen? In Zeiten, da keiner so genau weiß, wie es weitergehen und wo das Geld herkommen soll? Eignet Stellas Schloss mit den barocken Fassaden sich überhaupt für einen modernen Museums- oder Bibliotheksbetrieb? Können wir nicht abwarten und späteren Generationen die Entscheidung überlassen, was in der Mitte von Berlin stehen soll, an diesem einzigartigen Ort zwischen Museumsinsel, Dom, Alexanderplatz und Schinkelkirche?

Ein Planungs-Stopp wäre eine mutige Entscheidung, die der Bundestag als Bauherr fällen müsste. Aber keiner traut sich ran an das brisante Thema. Stattdessen beharrt man auf einem Schloss, das niemand braucht, auf einem beschädigten Bundesbauminister und einem offenbar ungültigen Vertrag.

Einstweilen spazieren Berliner und Touristen über die riesige Schloss-Brache mitten in der Stadt. Seit ein paar Wochen ist sie hübsch mit Rasen und Holzstegen belegt. Könnte ruhig so bleiben. Ein schöner Ort zum Ausruhen und Nachdenken.