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Interview mit Ai Wei Wei: "Diese Propaganda glaubt niemand mehr"

Die "Documenta 2007" machte ihn weltbekannt, für die Olympischen Spiele in Peking gestaltete er das "Vogelnest" mit. Nun spricht der chinesische Künstler Ai Wei Wei im Interview mit stern.de Klartext. Er erklärt, wieso die Chinesen Olympia nur als Seifenoper betrachtet haben und warum er überzeugt ist, dass sich in China bald etwas ändern wird.

Herr Ai, China hat bei den Sommerspielen groß abgeräumt. 51 mal Gold – mit großem Abstand vor den USA. Darf sich deshalb auch die Kommunistische Partei, die Ihr Land autoritär führt, als Sieger fühlen?

Die Partei hat die einmalige Chance verpasst, unser Land modern, liberal und weltoffen darzustellen. Sie hat Protestparks eingerichtet. Leider durfte dort nur niemand protestieren. Darüber hat sich die Welt kaputt gelacht. In den Stadien saßen meist nur Claqueure, brave Partei-Kader. Die Partei hat Angst vor Menschen, sie wollte totale Kontrolle und hat dabei nicht bemerkt, wie ihr die Spiele entglitten sind.

Aber was ist mit den Milliarden Menschen in aller Welt, die die Spiele vor dem Fernsehen verfolgt haben? Sie haben ein starkes, übermächtiges China erlebt.

Ein beängstigend übermächtiges, ja. Bloß ist die Wirkung der Spiele in unserem Land selbst eine andere. Die Chinesen haben die Spiele geschaut wie eine Soap-Opera, wie eine Vorabendserie. Man hat sich kurz gefreut über die Medaillen und dann wieder alles vergessen.

Warum?

Wir sind eben ein seltsames Volk. Nehmen Sie das schwere Erdbeben in der Provinz Sichuan im Mai. Es gab tausende Tote – auch weil gepfuscht und geschmiert worden war beim Bau von Schulen zum Beispiel. Nach ein paar Tagen hat niemand mehr darüber gesprochen. Wer in China nach der Vergangenheit fragt, wird für verrückt gehalten. Bei uns muss es immer nur vorwärts, vorwärts, vorwärts gehen.

Ein Volk, das seine Vergangenheit vergisst und nicht daraus lernt, macht es seiner Regierung sehr leicht. Wird Olympia tatsächlich folgenlos bleiben für die Bürger – immerhin hatten die Spiele eine kleine Öffnung erzwungen. Beispielsweise wurde das Pressegesetz für die ausländischen Medien gelockert.

Kurzfristig werden die Spiele nichts bewirken in unserem Land. Mittelfristig schon. Die Regierung hat bemerkt, dass sie vom Ausland sehr genau beobachtet wird. Und sie hat kapiert, dass sie ihr eigenes Volk nicht länger anlügen darf. An die staatliche Propaganda glaubt eh niemand mehr in China. Es gibt das Internet und dort steht oft das Gegenteil dessen, was unsere Medien so verbreiten.

Ist das nicht ein kleiner, intellektueller Kreis, der sich in ausländischen Medien über das eigene Land informiert?

Dieser Kreis wächst von Tag zu Tag und niemand wird das stoppen können. Die Menschen spüren aber auch ohne das Internet, dass etwas nicht stimmt, dass Propaganda und Realität zwei verschiedene Paar Schuhe sind. "One world, one dream" lautete das Motto der Sommerspiele – für viele Chinesen aber war es ein Alptraum. Wenn jemand von einem Vorort zum Nationalstadion wollte, wurde er auf dem Weg in die Stadt drei Mal kontrolliert, und jedes Mal stand ein Polizist mit Maschinengewehr vor ihm. So viel Militär haben die Menschen seit der Invasion der Japaner vor einem halben Jahrhundert nicht mehr erlebt.

Ist es rückblickend ein Fehler gewesen, die Spiele nach China zu vergeben?

Nein. Es ist sinnlos, ein Volk von 1,3 Millarden Menschen isolieren zu wollen. Wir brauchen den Dialog mit dem Westen für unsere Entwicklung. Bloß sollte der Westen nicht so tun, als sei Olympia ein großzügiges Geschenk gewesen. In Wahrheit war es ein gigantisches Geschäft für internationale Großkonzerne, die den chinesischen Markt erobern wollen.

Müssen Sie sich nicht vorwerfen, an diesem Business beteiligt gewesen zu sein? Immerhin haben sie das "Vogelnest", das Wahrzeichen der Spiele, mitgestaltet.

Das wird immer missverstanden. Ich habe mich nicht dem Team Chinas angeschlossen, sondern den Schweizer Architekten Herzog & de Meuron. Sie haben mich eingeladen. Ich habe mich den Schweizern im Zuge der Ausschreibung angeschlossen. Als wir dann den Wettbewerb gewonnen hatten, bin ich dabei geblieben, weil das Stadion exzellent ist für das Stadtbild. Darum ging es mir. Die Olympischen Spiele, das Big Business und das Regime haben damit nichts zu tun. China hat Herzog & de Meuron das Stadion abgekauft wie einen BMW. Mehr war da nicht.

Wie würden Sie Ihr Verhältnis zum Regime beschreiben?

Die Partei hat mich bislang in Ruhe gelassen. Vielleicht sollte ich Angst haben, mit stern-Reportern zu sprechen. Mag sein, dass ich meine Lage falsch einschätze. Ich glaube, die Partei rechnet mich der Anti-China-Fraktion zu und weiß, dass ich vorwiegend im Ausland gehört werde. So lange mein Einfluss im Inland nicht zu groß ist, können sie wohl damit leben. Mein Blog wird ja nur von ein paar tausend Menschen gelesen, das ist für chinesische Verhältnisse nicht viel.

Wird es die Kommunistische Partei auch in zehn oder zwanzig Jahren noch geben?

Im Prinzip hätte ich nichts dagegen. Bloß sollte sie alle Menschen gleich behandeln und aufhören, das eigene Volk zu betrügen. Die Partei will jetzt die Gesellschaft in die Moderne führen, aber die Politik soll die alte bleiben. Das kann nicht funktionieren. Es gibt nicht eine Person von ganz oben im System bis zur Basis, die noch an den Kommunismus glaubt. Aber viele wollen sich bereichern. Sie tun alles, um an der Macht zu bleiben. Die Partei wollte nicht, dass die Spiele zu einem Wendepunkt werden.

Sie sind ein international renommierter Künstler und haben mehr als zehn Jahre in New York gelebt. Warum ist China aller Probleme zum Trotz noch immer ihr Lebensmittelpunkt?

Weil mein Leben einen Sinn haben soll. Ich bin Chinese und will, dass sich in diesem Land irgendwann etwas ändert. Meine Feinde machen mein Leben lebenswert. Deshalb bin ich hier.

Interview: Christian Ewers, Adrian Geiges, Mathias Schneider