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Kunst am eigenen Leib erfahren Der Erlebnispark documenta


Das ist das Gute an der documenta: Man muss dort nicht wie im Museum still und ehrfürchtig an der Kunst vorbeischreiten, man kann drüber fluchen, drüber stolpern - und sich sogar durch die Kunst erkälten.

In der documenta weht ein ziemlich kühler Wind. Nicht draußen - da scheint an diesem Eröffnungstag die Sonne -, sondern drinnen, im Fridericianum. Dort wo die künstlerische Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev die wichtigsten Exponate versammelt hat. Fast der ganze rechte Erdgeschossflügel ist allerdings leer. Nur weiße Wände - und Wind.

Brigitte Schneider-Lombard aus Celle zieht sich die Kapuze ihres Anoraks über den Kopf. "Ich will mich doch nicht erkälten", schimpft sie. "Schön bescheuert ist das! Der Luftzug als Kunst - Schwachsinn hoch zehn!"

In die Rotunde des Fridericianums - das Allerheiligste der documenta - wird man nur in kleinen Grüppchen vorgelassen, wegen der Gefahr der Überfüllung. "Huch, ich brech mir hier noch die Knochen!", entfährt es einer Frau, die über irgendein Ding auf dem Boden gestolpert ist. Es sieht aus wie ein Kopfkissen aus Zement. Sofort schlägt sie in ihrem dicken grünen "Begleitbuch" nach: Hat irgendwie mit italienischem Anarchismus zu tun.

"Oh, Hitler's towel"

"Komm mal her, Günter, das ist Wahnsinn hier!", ruft eine Frau. Sie zeigt auf eine Vitrine mit einer merkwürdig verformten und verkohlten Figur. Günter schlurft heran, und die Frau erzählt ihm, was sie soeben auf der nebenstehenden Tafel gelesen hat: Ursprünglich waren das mal zwei archäologische Ausstellungsstücke im Nationalmuseum in Beirut. Im Libanesischen Bürgerkrieg in den 80er Jahren wurde das Museum mehrmals beschossen. Der schwarze Klumpen entstand, als zwei nebeneinander liegende Stücke im Artilleriebeschuss schmolzen und miteinander verschweißt wurden.

Auf einer Empore steht ein etwa zwölfjähriges Mädchen. Es betrachtet nicht die Bilder dieser Ausstellung, sondern die Besucher. Viele fotografieren mit ihrem Handy sämtliche Objekte und die daneben hängenden Schautafeln ab - auch wenn Fotografieren verboten ist. "Oh, Hitler's towel", murmelt ein junger Mann vor einer Vitrine mit Relikten aus Führers Privatwohnung und drückt ab. Da gibt es einen lauten Knall - der Mann fährt herum, aber niemand sieht ihn vorwurfsvoll an. "Das war nur ein Luftballon, der zerplatzt ist", behauptet ein Mädchen. Ein Anschlag auf die Kunst war's jedenfalls wohl nicht - alles steht noch.

Im Radio wird den Besuchern an diesem Tag geraten, mit festem Schuhwerk zu kommen. Eine Kasselanerin sagt dort sogar, sie habe sich für die documenta spezielle Sportschuhe gekauft und werde sich für die Karlsaue noch Gummistiefel besorgen. Weil's da feucht werden kann.

"Ärzte" geben Impfungen gegen Gewalt

Zumindest an diesem Eröffnungstag sind die Wege in der Aue trocken und fest wie in einem Kurgarten. Kur ist auch das richtige Stichwort: Der Mexikaner Pedro Reyes hat mitten im Park eine weiß gestrichene Baracke aufgebaut, über der in großen Buchstaben "Sanatorium" geschrieben steht. Die Besucher stehen an, um sich behandeln zu lassen. "Welche Therapie hätten Sie gerne?", fragt ein Mann im weißen Kittel. "Hmmm... die Impfung gegen Gewalt." - "Ok, folgen Sie mir!"

Es geht in einen kleinen Raum. "Blasen Sie diesen Luftballon auf und malen Sie dann mit diesem Stift das Gesicht der Person darauf, die Sie am meisten verletzt hat!" Anschließend wird der Ballon auf dem Hals einer lebensgroßen Puppe befestigt. "Machen Sie jetzt alles mit ihm, was Sie wollen!" Das Licht geht aus, und es wird geprügelt, bis die Puppe schlaff in den Seilen hängt. "Und, fühlen Sie sich besser?" - "Naja, irgendwie schon." Der Kittelmann lächelt zufrieden: Das sind die heilenden Kräfte der Kunst - man muss nur dran glauben.

Wieder draußen in der Karlsaue. Von fern klingt das Hupen eines Auto-Korsos. "Oh, hör mal, eine Hochzeit!", sagt eine junge Frau zu ihrer Freundin. "Ach, vielleicht auch nur eine Performance", meint die. Nach einer Weile sagt die erste: "Oder die Leute glauben, dass sie heiraten würden, und dann hören sie am Ende: "War alles nur eine Performance."" Vielleicht hatten die documenta-Macher gar nicht die verrücktesten Ideen.

Christoph Driessen, DPA DPA

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