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Documenta 13 in Kassel: Von Hunden, Menschen und Erdbeeren

Nun ist es so weit: Hundert Tage lang lockt die wichtigste Kunst-Ausstellung der Welt nach Kassel. Die Documenta 13 ist so unterhaltsam, so politisch und so aufregend wie noch nie.

Von Anja Lösel

Dieser Wind! So stark weht er, dass den Damen die Haare durcheinander geraten und die Männer plötzlich verwegen aussehen wie James Dean oder Justin Bieber. Verwirrung. Wir sind doch im ehrwürdigen Museum Fridericianum, dem Zentrum der Kasseler Documenta 13. Aber im Erdgeschoss gibt es nichts als diese steife Brise und ein paar Musikfetzen. Aufatmen, nachdenken, neu beginnen. So geht das also. Schon vor der Eröffnung der wichtigsten Kunstschau der Welt gab es viel Wind um Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev. Exzentrisch sei sie, esoterisch und ein wenig verrückt. Tatsächlich forderte sie das Wahlrecht für Hunde und mehr Aufmerksamkeit für Tomaten und Erdbeeren, verlor sich in theoretischen Satzungetümen und erklärte wieder und wieder, dass sie absolut kein Konzept habe für diese Ausstellung mit rund 160 Künstlern.

Hunde? Es geht eher um Pflanzen

Alles vergessen. Wer nun durch die Ausstellungshallen wandelt, die vielen Documenta-Orte in der Stadt besucht und sich im Auepark über die Wiesen treiben lässt, der erkennt: dies hier ist eine ganz besondere Documenta. Natürlich gibt es mehr als Wind. Aber alles ist sehr eigenwillig. Und sehr politisch, aufregend und unterhaltsam. Ja, Hunde sind willkommen. In einer Art Hundespielplatz im Auepark können sie mehrmals in der Woche von einem Profi-Trainer Kunststücke lernen. Eine weiße Windhündin mit pinkfarbenem Vorderbein tummelt sich im wilden Kompostgarten des Künstlers Pierre Huyghe. Sonst aber spielen Hunde keine große Rolle auf der Documenta. Pflanzen schon eher. Es gibt Stadtgärten, Gemüseanpflanzungen, ein Teehaus mit Kräuterbeeten, ein Öko-Restaurant im Gewächshaus und eine wunderbare Brücke aus Booten, auf denen der Künstler Christian Philipp Müller 60 Sorten Mangold gepflanzt hat. Wir dürfen drüber laufen und dabei nachdenken über Ernährung, schwindende Ressourcen, Wasser- und Platzmangel.

Heilung und Geheimnis

Als "Raum möglicher Heilung" und "Ort vieler Geheimnisse" wünscht die Documenta-Chefin sich ihre Schau. Übergänge interessieren sie. Und Menschen, die Grenzen überschreiten: zeichnende Musiker, filmende Schriftsteller, musizierende Maler. Llyn Faulkes etwa, ein 77 Jahre alter US-Amerikaner, der schaurig-schöne Bilder von alten Ehepaaren malt und im Fridericianum auf einem selbst gebastelten Instrument aus Hupen, Tröten und Gitarrensaiten zweimal am Tag Lieder wie den "Cowboy Song" oder die "Ballade von Hollywood" spielt, böse und wunderschön. Oder der Algerier Kader Attia. Er beschäftigt sich seit zehn Jahren mit dem Kolonialismus in Afrika, sammelt Bücher und Bilder. Im Senegal ließ er Holzskulpturen von verletzten Soldaten des Afrika-Corps schnitzen, in Cararra gab er Marmorstatuen von Afrikanerinnen mit Tellerlippen und Gesichtsschmuck in Auftrag. All das steht nun auf riesigen Regalen, bedrohlich und mahnend. Die Afghanin Jeanno Gaussi kam als Kind nach Deutschland und konnte nur wenige Fotos ihrer Familie retten. Sie bat einen Plakatmaler aus Kabul, Bilder ihrer Familie in seinem prägnanten Stil anzufertigen, anrührend und naiv.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Kassel so schön wie nie ist...

Kunst suchen im Auenpark

Immer geht es um Erinnerung, darum, nicht die eigenen Wurzeln zu vergessen. Und um die Zuversicht, dass von jeder Kultur etwas übrig bleibt, und sei sie noch so alt. Wie die steinernen Prinzessinnen-Figürchen aus Zentralasien, die vor rund 7000 Jahre entstanden und jetzt in der Mitte des Fridericianums zu sehen sind, dem "Gehirn" der Schau. Zeugen einer vergangenen Kultur genau wie eine kitschige Frauenstatue aus Hitlers Badezimmer. So tickt Documenta-Chefin Caroly Christov-Bakargiev. Und ihre Denkanstöße funktionieren. Lässiger geht es im Auenpark zu. Hier die Kunst zu suchen, ist ein Familienspaß. Im ganzen Park verteilt stehen kleine Holzhäuschen, jedes ein Kosmos für sich. Wer schlau ist, mietet sich ein Fahrrad und lässt sich von Kunstwerk zu Kunstwerk treiben. Mal wird über die Abschaffung des Geldes diskutiert, mal taucht man ein in die Hippie-Schrebergarten-Welt des Kanadiers Garreth Moore, der hier tatsächlich lebt und arbeitet. Alles hat er aus Abfällen gebaut, die er im Auenpark fand. Vorbildliches Recycling eben.

Im "Sanatorium" bietet das weiß gekleidete Team des Mexikaners Pedro Reyes eine Therapie für ermattete Besucher an - samt Zeichnung und Text zum Mitnehmen. Mitten im Wald haben die Kanadier Janet Cardiff und George Bures Miller eine Art Hörspiel versteckt. Man sitzt auf Birkenstümpfen und lauscht Gesängen, Stimmen und Schlachtengetümmel. Der Apfelbaum des Indianers Jimmy Durham sieht noch ein bisschen mickrig aus. Irgendwann soll er Saft für die Documenta-Besucher spenden. Carolyn Christov-Bakargiev denkt in die Zukunft.

Raumfüllender Film

Die besten Werke der Documenta 13 gelangen dem Südafrikaner William Kentridge, der Britin Tacita Dean und dem Amerikaner Theaster Gates. Vielleicht sind sie auch deshalb so magisch schön, weil sie an ganz besonderen Orten ruhen. Kentridge versteckt sich am äußersten Ende des ehemaligen Kasseler Hauptbahnhofs. Wer in seinen abgedunkelten Raum gefunden hat, wird ihn so schnell nicht wieder verlassen. Denn sein raumfüllender Film über das Leben und die Zeit, über Afrika und Europa, ist so zauberhaft und unterhaltsam, so traurig, lustig und schön, dass man sich wünscht, er möge nie zu Ende gehen. Tanzende Afrikanerinnen, tickende Metronome, kindliche Spiele mit Stühlen und Hüten, alles unterlegt mit fetziger Blasmusik. Großartig.

Kassel, schön wie nie

Tacita Dean hat einen zweistöckigen Raum im ehemaligen Finanzamt mit Schiefertafeln ausgekleidet. Darauf malte sie mit weißer Kreide die traumhaften afghanischen Berge - Erinnerung an eine Landschaft, die wir heute nur noch mit Krieg und Leid verbinden. Und die uns doch alle überleben wird. Theaster Gates gründete eine ganze Wohngemeinschaft im leerstehenden Hugenottenhaus mitten in Kassel. Mit Arbeitslosen aus Chicago reiste er an, im Gepäck selbstgebaute Möbel von anrührender Schönheit. In wochenlanger Arbeit wurden sie eingebaut. Am Eröffnungsabend groovten und jazzten ein paar schwarze Musiker aus Chicago so herzzerreißend schön, dass man am liebsten auch eingezogen wäre, um mitsingen und mitleben zu können.

So schön war Kassel noch nie.