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Kunstauktion: Ein Rembrandt aus heiterem Himmel

3,1 Millionen Euro für einen Rembrand. Keine utopische Summe für ein Meisterwerk des großen holländischen Malers. Wenn man denn sicher wäre, dass das Selbstportrait auch wirklich von ihm stammt. In England wurde jetzt ein Bild teuer versteigert, das von ihm sein könnte. Oder auch nicht.

Von Albert Eikenaar

Der Mann, der es wissen kann, ist auf Reise. Er verbleibt einsam in seinem Ferienhaus irgendwo im Süden Frankreichs. Ohne Handy, ohne Radio und Fernsehen, unerreichbar, von der Außenwelt abgeschnitten - freiwillig. Vielleicht hat er in einer französischen Zeitung von einem neu entdeckten Rembrandt gelesen. Das müsste Professor Ernst van de Wetering, der angesehenste Rembrandt-Experte der Welt, so erregen, dass er sich in Amsterdam bei anderen Rembrandt-Kennern meldet, so hoffen diese. Doch bislang gibt es noch kein Lebenszeichen des überragenden Spezialisten.

Damit bleibt vorläufig die Frage offen, ob ein kleines Selbstporträt von Rembrandt, das Ende Oktober bei einem Auktionshaus in der englischen Provinzstadt Cirencester für viel Geld versteigert wurde, tatsächlich vom Meister selbst geschaffen wurde. Also wartet man auf das sachverständige Urteil des Kenners, Leiter des Rembrandt Research Projects. Das ist eine Fachgruppe, die schon über 20 Jahre damit beschäftigt ist, die vielen Fälschungen und Kopien von den echten Rembrandts zu trennen.

Echt oder nicht?

Es ist schon merkwürdig, wie dieses Ministück von 24x17 Zentimeter über Nacht 3,1 Millionen wert wurde. Im Katalog des Hauses Moore Allen & Innocent stand ein Richtpreis von nur 700 bis 1400 Euro. Der Auktionator, der den Wert so niedrig festlegte, ging davon aus, dass es sich um einen Rembrandt-Kopieisten handele, der das Werk erst im 19. Jahrhundert im Stil Rembrandts' fertig gestellt hätte. Das war auch die Meinung des Besitzers. Dessen Vater hatte vor zehn Jahren Kontakt mit dem Amsterdamer Reichsmuseum geknüpft, der Hochburg der Rembrandt-Expertise. An Hand von Fotos war man damals ebenfalls davon überzeugt, dass das Porträt kein echter Rembrandt sei. Damit hatten die Besitzer sich abgefunden.

Aber das Auktionshaus ließ es nicht dabei bewenden. Das Rembrandt-verdächtige Stück wurde auf der Titelseite des Versteigerungskataloges gedruckt. Plötzlich reagierten einige renommierte Händler darauf, die stutzig wurden und meinten, dass es doch um einen "echten" Rembrandt gehen könnte. Chris Surfleet und Philip Allwood, Direktoren der Auktionsfirma, wandten sich auf Grund dieser neuen Sachlage sicherheitshalber per E-Mail an alle möglichen Interessierten, auch an Sotheby's. Mitarbeiter der Abteilung ‘Alte Meister' prüften das möglicherweise wertvolle Stück gründlich. Zwei wichtige Punkte entdeckten sie, die bisher unbeachtet geblieben waren, aber für Authentizität sprechen würden.

Die Signatur lautete: RHL - Rembrandt Harmensz Leidensis, ein Monogramm, das der Meister immer benutzt hatte. Bislang war man lediglich von HL ausgegangen. Außerdem fanden die Kunsthistoriker von Sotheby's in der Rembrandt-Literatur "Iconographia Batava" einen Hinweis auf ein verloren gegangenes Selbstporträt, das mit dem nun aufgetauchten Gemälde identisch zu sein schien. Darüber hinaus passte das Porträt in eine Reihe ähnlicher Werke, zum Beispiel zu einem Exemplar im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg.

Beifall und Tränen nach der Versteigerung

In Kunstkreisen sickerte der Fund durch. Die Auktion bekam am Freitag, den 26. Oktober eine ganz andere Dimension. Aus aller Welt waren die großen Kunsthändler, die Sammler oder deren Vertreter angereist, angelockt vom vermutlichen jungen Rembrandt. Allwood und Surfleet hatten in ihrem Auktionshaus in der Provinz, wo sie neben Kunst meist Maschinen und Haushaltswaren versteigern, noch nie so etwas erlebt. Händeringend standen die beiden Herren vor der Menge Menschen. Surfleet verrichtete seine Versteigerung wie üblich. Eine Viertelstunde dauerte das Bieter-Gefecht. Sogar der Eigentümer bot noch mit, musste jedoch auf halber Strecke abhaken, wie auch viele andere, als der Preis die Millionengrenze hinter sich ließ. "Das Risiko, dass es schließlich doch kein Rembrandt ist, war zu groß", erklärte Johnny van Haeften, der in London eine vornehme Galerie betreibt: "Ich bin kein Zocker. Und Kunst ist kein Casino".

Surfleet beschrieb den bedeutenden Moment in der Amsterdamer Volkskrant: "Es war mucksmäuschenstill, als ich ‘Zum Letzten' rief und den Hammer fallen ließ. Dann brach ein ohrenbetäubender Beifall aus. Bei festen Kunden sah ich Tränen in den Augen. So etwas hatten auch sie noch nie erlebt".

Für die Firma Moore, Allen & Innocent war es das Ereignis des Jahrhunderts. Soviel Geld mit einem Kunstverkauf einzutreiben war unglaublich: 380.750 englische Pfund (umgerechnet 546.858 Euro). Wer den vermutlichen Original-Rembrandt ersteigert hat, bleibt geheim. Ob es wirklich ein Rembrandt ist, muss jetzt ausgiebig untersucht werden. Man wartet auf Professor Van de Wetering.